Ein Minus von fünf Prozent an einem einzigen Handelstag. So stark brachen vor zwei Wochen die Aktien von Visa, Mastercard und American Express zwischenzeitlich ein. Grund: Ein Bericht von Citrini Research skizzierte ein Szenario, in dem autonome KI-Agenten die klassischen Kreditkartennetze schlicht umgehen. Finanzkonzerne wie Circle und Stripe investieren nun massiv in Bezahlsysteme für diese neue Maschine-zu-Maschine-Wirtschaft – obwohl der Markt dafür bislang kaum existiert.
Circle-Chef Jeremy Allaire sieht Stablecoins als künftige Leitwährung für den Handel zwischen Maschinen. Während Verbraucher ihre KI künftig für einfache Käufe nutzen könnten, liegt das große Geld laut Allaire woanders. Die wahre Chance ist der Datenaustausch zwischen den Programmen selbst. Eine juristische KI kauft Informationen bei einer anderen KI. Dafür fallen Kosten im Cent-Bereich an. Auch das drückt herkömmliche Kreditkarten aus dem Markt, da ihre prozentualen und festen Gebühren solche Mikrotransaktionen unrentabel machen.
Milliarden für neue Blockchains
Entsprechend reagieren die Krypto-Zahlungsdienstleister und rüsten ihre Infrastruktur auf. Circle testet auf seiner neuen Arc-Blockchain sogenannte Nanopayments. Autonome Agenten können damit Beträge abwickeln, die nur Bruchteile eines Cents kosten.
Stripe geht einen ähnlichen Weg. Zusammen mit dem Krypto-Investor Paradigm baut das Unternehmen die Tempo-Blockchain. Das Projekt sammelte 500 Millionen Dollar zu einer Bewertung von fünf Milliarden Dollar ein. Stripe selbst gab zuletzt über 1,1 Milliarden Dollar für Krypto-Infrastruktur aus, darunter die Übernahme des Dienstleisters Bridge. Shopify und Coinbase ziehen bereits mit. Shopify bietet Kunden künftig ein Prozent Cashback, wenn sie mit Stablecoins zahlen.
Die Kluft zwischen Anspruch und Realität
Doch der Graben zwischen Vision und echter Nutzung ist tief. Der offene Bezahlstandard x402 für KI-Agenten verzeichnete in den vergangenen 30 Tagen ein Volumen von 24 Millionen Dollar, verteilt auf 94.000 Käufer. Dem steht ein globaler E-Commerce-Markt gegenüber, der in diesem Jahr 6,88 Billionen Dollar erreichen soll.
Händler zeigen sich im Alltag pragmatisch. Sie integrieren nur Bezahlmethoden, die von Kunden aktiv gefordert werden. Stablecoins gehören aktuell nicht dazu. Zudem fehlen Krypto-Transaktionen entscheidende Sicherheitsnetze. Kreditkarten bieten Betrugsschutz und Möglichkeiten zur Streitbeilegung. Ein realistischeres Szenario für die nahe Zukunft ist daher eine Koexistenz. KI-Agenten nutzen virtuelle Kreditkarten, die im Hintergrund über Stablecoins abgerechnet werden.
Die Wette auf KI-Agenten ist für Circle und Stripe ein cleverer Schachzug. Circle verzeichnet in diesem Jahr ein Kursplus von fast 30 Prozent, getragen von neuen Geschäftsfeldern und höheren Stablecoin-Einlagen. Anleger bleiben bei Circle weiter an Bord.
Heute, 10:24