Am Donnerstag gibt CEO Shantanu Narayen überraschend bekannt: Nach 18 Jahren an der Spitze von Adobe will er seinen Posten abgeben. Das Timing ist bemerkenswert. Gleichzeitig präsentierte Adobe nämlich erneut starke Quartalszahlen. Doch an der Börse zählt die Bilanz der Zukunft. Anleger fürchten, dass KI die Kreativsoftware von Adobe aus dem Markt verdrängt. Verlässt hier gerade der Kapitän die Brücke, während draußen der Sturm erst richtig aufzieht?
Man muss Shantanu Narayen eines lassen: Das Timing für den Abgang ist symbolträchtig. Sein 100. Earnings Call. Der perfekte Moment für einen Generationenwechsel. Wäre da nicht die Tatsache, dass sich der Aktienkurs in den letzten zwei Jahren mehr als halbiert hat und inzwischen auf dem tiefsten Stand seit 2019 steht. In diesem Licht wirkt das Ganze eher nach einem hastigen Sprung auf das Rettungsboot, bevor der Eisberg namens Generativer KI das Schiff aufschlitzt.
Dabei war der 62-Jährige nie ein bloßer Manager, sondern der Architekt des Imperiums. 1988 kommt Narayen zu Adobe. Von seinem Amtsantritt zum Dezember 2007 an manövriert er als CEO das Software-Unternehmen durch eine radikale Transformation: vom Verkauf klassischer Lizenzsoftware zum Abomodell der Creative Cloud. Der Aktienkurs verachtfacht sich in den folgenden 18 Jahren bis Ende 2025 und lässt bis zum massiven Abverkauf im vergangenen Jahr den Nasdaq 100 über weite Strecken deutlich hinter sich. Der Umsatz wächst von 3,16 Milliarden Dollar (2007) auf 23,8 Milliarden Dollar (2025). Aus dem Designer-Werkzeugkasten wird ein komplettes Kreativ-Ökosystem. Kurz gesagt: Narayen hat Adobe neu erfunden.
Man darf auch nicht vergessen: Sein letzter großer Befreiungsversuch aus den Schlingen der KI-Disruption – die geplante 20-Milliarden-Dollar-Übernahme von Figma – zerschellt 2023 krachend an den Kartellbehörden. Adobe muss teures Lehrgeld bezahlen und füllt mit der eine Milliarde Dollar hohen Auflösungsgebühr die Kasse seines Rivalen. Figma wird durch den Übernahmeversuch geadelt und geht finanziell gestärkt hervor.
Adobe ergreift daraufhin die Flucht nach vorn und setzt alles auf Firefly. Damit integriert der Konzern generative KI-Tools in seine Produktpalette, um die Erzählung vom überholten Software-Dino abzustreifen und seine dominante Marktstellung im Kreativsegment zu verteidigen. Strategisch ist das ein nachvollziehbarer Schritt – doch er hat einen Haken. Firefly kann nicht das Kollaborationssystem, das Figma geboten hätte, ersetzen.
Das Paradoxon: Adobe liefert starke Zahlen – die Aktie fällt
Dennoch läuft das Geschäft von Adobe vorerst erstaunlich gut. Das Unternehmen liefert Quartal um Quartal Rekordergebnisse. So auch am Donnerstagabend (DER AKTIONÄR berichtete). Im ersten Geschäftsquartal (bis Ende Februar) erzielte Adobe einen Umsatz in Höhe von 6,40 Milliarden Dollar – zwölf Prozent mehr als im Vorjahr und ein gutes Stück über den Schätzungen der Analysten. Beim Gewinn je Aktie übertraf Adobe die Erwartungen sogar noch deutlicher. Er stieg von 5,08 Dollar auf 6,06 Dollar.
Und trotzdem lässt der seit Mitte 2024 anhaltende Verkaufsdruck auf die Aktie nicht nach – mit Folgen für die Bewertung. Das für 2026 erwartete KGV liegt bei 10,7. Noch vor wenigen Jahren hätte man da reflexartig zugegriffen. Im Schnitt der letzten fünf Jahre lag das KGV bei 40,3 – die Adobe-Aktie war also etwa viermal so teuer. Aber bis vor Kurzem konnte man auch noch keine Bilder und Videos einfach per Prompt erzeugen. Genau das hinterlässt Risse in der Story und weckt die Zweifel der Anleger. Sie fürchten, dass die generativen KI-Werkzeuge von ChatGPT, Claude oder Gemini die Daseinsberechtigung von Adobe untergraben. Wer bezahlt heute noch für die Abonnements bei Photoshop oder Premiere?
Der Kapitän geht mitten im KI-Gewitter
Hier zeigt sich das Dilemma der Investoren: Die Disruption durch KI ist real, aber momentan noch schwer zu beziffern. Eine einfache Discounted-Cash-Flow-Rechnung zeigt, wie weit die möglichen Antworten auseinanderliegen.
Unterstellt man ausgehend von den aktuell rund zehn Milliarden Dollar freiem Cashflow ein moderates Wachstum von zehn Prozent über die nächsten fünf Jahre und danach etwas langsamer, summiert sich das bei zehn Prozent Abzinsung auf einen Unternehmenswert von circa 160 Milliarden Dollar, also weit über der Marktkapitalisierung von aktuell knapp 110 Milliarden Dollar. Das Ergebnis dieser Rechnung kippt allerdings schnell ins Gegenteil, wenn KI das Geschäftsmodell von Adobe tatsächlich strukturell angreift. Geht man davon aus, dass der freie Cashflow in den kommenden zehn Jahren stagniert und langfristig schrumpft, läge der faire Wert eher bei circa 70 Milliarden Dollar.
Adobe steuert in eine ungewisse Zukunft. Und just in diesem Moment zeigt der langjährige Unternehmenschef Ermüdungserscheinungen und verkündet seinen Rücktritt – garniert mit der wohlfeilen Formel, dass es für einen solchen Schritt ohnehin "nie einen guten Zeitpunkt" gebe. Eine echte Erklärung bleibt Narayen schuldig. Vielmehr liest sich das Schreiben an seine Mitarbeiter wie die klassische Abschiedsrede eines Silicon-Valley-Veteranen: ein Rückblick voller Superlative, ein bisschen Pathos, ein paar eindrucksvolle Zahlen und die Vision eines neuen Aufbruchs, den er selbst nicht mehr verantworten will.
Inhaltlich ist daran kaum etwas falsch. Und doch hat die Stellungnahme eine auffällige Leerstelle: die zentrale Herausforderung der Gegenwart. Sie klingt bei Narayen nur als Verheißung an: "Die nächste Ära der Kreativität wird genau jetzt geschrieben – geprägt von KI, neuen Arbeitsweisen und völlig neuen Ausdrucksformen. Adobe hat nie darauf gewartet, dass die Zukunft einfach eintritt. Wir haben sie vorausgesehen. Wir haben sie gebaut. Und wir haben sie angeführt."
Man kann das nach zwei Jahrzehnten, in denen der CEO sein Unternehmen erfolgreich durch die größte Transformation seiner Geschichte geführt hat, als eleganten Abgang lesen. Man kann es aber auch als Abschiedsrede lesen, die sich lieber im Glanz der Erfolge von gestern sonnt als der Bedrohung von morgen ins Auge zu blicken.
Congrats Shantanu, on a legendary run at Adobe! You’ve built one of the most important software companies in the world, and expanded what’s possible for creators, entrepreneurs, and brands everywhere. What has always stood out to me is the empathy you’ve brought to the creative…
— Satya Nadella (@satyanadella) March 12, 2026
So solide die Geschäftszahlen von Adobe auch wirken: Der Rücktritt des langjährigen Kapitäns und die Angst vor dem KI-Ungeheuer überdecken derzeit alles. Anleger beobachten das Geschehen bis auf Weiteres aus sicherer Entfernung. Wo sich stattdessen Chancen auftun, lesen Sie in der neuen Ausgabe von DER AKTIONÄR, die Sie hier als E-Paper abrufen können.
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