Die Bullen mussten am Donnerstag das Feld räumen. Der DAX gab seine bisherigen Wochengewinne vollständig ab und rutschte deutlich unter die psychologisch wichtige Marke von 25.000 Punkten. Gleich mehrere Belastungsfaktoren – vom Nahostkonflikt über steigende Ölpreise bis hin zum Chip-Ausverkauf – vertrieben die Anleger aus dem Markt.
Zum Handelsende stand ein Minus von 1,8 Prozent auf 24.709 Zähler zu Buche. Der MDAX verlor 1,2 Prozent auf 31.603 Punkte. Einzig der SDAX stemmte sich mit einem Plus von 0,2 Prozent gegen den schwachen Gesamtmarkt.
Ölpreis schürt Inflationsangst: EZB liefert keine Entwarnung
Belastet wurde der deutsche Aktienmarkt vor allem durch die erneute Eskalation des Iran-Kriegs. Die vom Iran unterstützte Huthi-Miliz erklärte, zwei saudi-arabische Tanker im Roten Meer angegriffen zu haben. Zugleich drohte US-Präsident Donald Trump mit weiteren Angriffen auf iranische Infrastruktur.
Die Sorge vor schwerwiegenden Störungen der weltweiten Energieversorgung ließ den Preis für ein Barrel Brent erstmals seit zwei Monaten wieder über die Marke von 100 Dollar springen. Damit kehrten auch die Inflations- und Zinssorgen mit voller Wucht zurück. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen stieg auf 3,21 Prozent und damit auf den höchsten Stand seit 2011.
Die Europäische Zentralbank ließ den Einlagensatz wie erwartet unverändert bei 2,25 Prozent. EZB-Präsidentin Christine Lagarde warnte, dass die Folgen des Energiepreisschocks noch nicht vollständig sichtbar seien und die Inflation bis in das erste Halbjahr 2027 oberhalb des Zwei-Prozent-Ziels bleiben dürfte. Ökonomen erwarten, dass im September die nächste Zinserhöhung folgen könnte.
Chip-Aktien geraten unter die Räder
Besonders hart traf der heutige Ausverkauf die Halbleiterbranche. Der europäische Chipkonzern STMicroelectronics legte mit einem Umsatzplus von 26 Prozent auf 3,49 Milliarden Dollar und einer Verdreifachung des Gewinns auf 0,26 Dollar je Aktie zwar überzeugende Q2-Zahlen vor, enttäuschte aber mit dem Umsatzausblick für das dritte Quartal. Andere europäische Branchenwerte wurden in den Abwärtssog hineingezogen. Infineon landete mit einem Minus von 6,3 Prozent am DAX-Ende. SUSS Microtec schloss die Handelssitzung mit minus 5,2 Prozent als größter MDAX-Verlierer.
Sartorius fängt sich nach schwachem Start
Der Labor- und Pharmazulieferer Sartorius schüttelte seine anfänglichen Verluste im Tagesverlauf ab. Die Vorzugsaktie notiert am Ende 0,2 Prozent im Plus. Das Zahlenwerk am Morgen fiel gemischt aus: Der währungsbereinigte Umsatz stieg im ersten Halbjahr um 7,7 Prozent auf 1,81 Milliarden Euro und blieb damit knapp hinter den Erwartungen zurück. Beim EBITDA übertraf das Unternehmen mit 548 Millionen Euro dagegen den Konsens um eine Million Euro. Auch die EBITDA-Marge fiel mit 30,3 Prozent besser aus als gedacht (DER AKTIONÄR berichtete).
Traton und Daimler Truck geben Gas
Einer der wenigen positiven Akzente kommt von den Nutzfahrzeugherstellern. Traton schoss um 11,0 Prozent nach oben auf ein neues Allzeithoch von 40,80 Euro. Die VW-Tochter hob nach einem schwachen ersten Halbjahr die untere Grenze ihrer Jahresziele an. Im schlechtesten Fall drohe beim Absatz und Umsatz nun eine Stagnation. Zwar fiel der Absatz in der ersten Jahreshälfte 2026 um ein Prozent auf 151.500 Fahrzeuge, der Auftragseingang stimmt jedoch optimistisch: Vor allem dank einer hohen Nachfrage in Nordamerika legten die Bestellungen im Berichtszeitraum um 30 Prozent auf 181.900 Fahrzeuge zu. In Deutschland gingen die Lkw-Bestellungen dagegen zurück.
Die Aktie von Daimler Truck stand am Donnerstag mit einem Kursgewinn von 3,9 Prozent an der DAX-Spitze. Gestern Abend erhöhte das Unternehmen seine Umsatz- und Gewinnprognose – unter anderem wegen niedrigerer US-Zollkosten und höherer Absatzerwartungen in den USA. Die Deutsche Bank schraubte das Kursziel daraufhin auf 54 Euro rauf.
Stabilus stürzt auf Rekordtief
Ein Debakel erlebten dagegen die Aktionäre von Stabilus. Das im SDAX gelistete Papier brach um 16,0 Prozent ein und fiel auf ein neues Rekordtief. Der Auto- und Industriezulieferer konkretisierte sein Umsatzziel auf lediglich 1,15 Milliarden Euro, was einem Umsatzrückgang um elf Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Die operative Marge soll mit zehn Prozent zudem nur noch am unteren Ende der bisherigen Zielspanne liegen. Die Belastungen sind vielgestaltig: schwache Nachfrage aus der Automobilindustrie, schwieriges China-Geschäft, negative Währungseffekte, geringe Werksauslastung und Invesitionszurückhaltungen vieler Industriekunden.
Positiv ragten im SDAX dafür die Aktien von Verbio (plus 3,7 Prozent) und Tonies (plus 3,1 Prozent) heraus.
Angst vor Blitz-Übernahme
Die Commerzbank-Aktie verlor am Donnerstag 5,4 Prozent, nachdem Unicredit eine baldige Kontrollübernahme in Aussicht gestellt hatte. Die Italiener rechnen bereits im vierten Quartal mit den nötigen Genehmigungen und wollen ihre Strategie anschließend zügig durchsetzen – notfalls über eine außerordentliche Hauptversammlung. Das schürte Unsicherheit über den künftigen Kurs der Frankfurter Bank, mögliche Eingriffe in die Unternehmensstrategie und den weiteren Widerstand von Bundesregierung, Management und Arbeitnehmervertretern. Zusätzlichen Druck brachte das schwache Umfeld für europäische Bankaktien.
Warten auf SAP
Jetzt wird mit Spannung der Quartalsbericht von Software-Schwergewicht SAP erwartet. Analysten rechnen mit einem Umsatz in Höhe von 9,85 Milliarden Euro sowie einem EPS in Höhe von 1,75 Euro. Interessanter als die blanken Zahlen dürfte allerdings die Entwicklung des Cloud-Geschäfts sein. Nach den heftigen Kursreaktionen bei Alphabet liegt die Messlatte hoch.
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