Die Stimmung kippt. Bereits im vorbörslichen Handel notierten die drei wichtigsten US-Indizes am Donnerstag klar im Minus. Zum Handelsstart an den New Yorker Börsen bestätigt sich das schwache Bild. Die erneute Eskalation im Nahen Osten treibt den Ölpreis über die Marke von 100 Dollar. Anleger werden aufgrund der neuen Ölpreis-Rally nervös. Auch die Investitionen der Hyperscaler kommen nicht gut an. Alphabet und Tesla stürzen nach ihren Quartalsberichten ab.
Der Dow Jones fällt am Donnerstag um 1,2 Prozent auf 51.592 Punkte, der marktbreite S&P 500 verliert 1,1 Prozent. Der Nasdaq 100 geht mit 28.546 Zählern sogar 1,6 Prozent tiefer in den Handel. Im frühen Handel weiten die Indizes ihre Verluste weiter aus – für den Tech-Index geht es um mehr als zwei Prozent abwärts.
Huthi-Angriffe und Trump-Drohungen: Ölpreis springt über 100 Dollar
Für den größten Gegenwind sorgen die Rohstoffmärkte. „Die Inflation steht an den Märkten heute ganz oben auf der Agenda. Angesichts der anhaltenden Eskalation im Nahen Osten zieht der Brent-Ölpreis weiter an“, bemerkte Jim Reid von der Deutschen Bank am Morgen. Der Preis für ein Barrel der Nordsee-Sorte Brent springt am Donnerstag um sieben Prozent auf mehr als 100 Dollar und erreicht damit den höchsten Stand seit Ende Mai. Die US-Sorte WTI verteuert sich um sechs Prozent auf knapp 92 Dollar je Barrel.
Auslöser sind Angriffe der vom Iran unterstützten Huthi-Miliz auf zwei saudische Tanker im Roten Meer. Damit droht sich der Krieg zwischen den USA und dem Iran auf eine weitere wichtige Schifffahrtsroute auszuweiten. Die Straße von Hormus ist für den internationalen Ölhandel bereits seit Monaten weitgehend blockiert. Nun gerät auch die Meerenge Bab al-Mandab stärker in den Fokus.
Zusätzliche Brisanz liefern Äußerungen von US-Präsident Donald Trump. Auf Truth Social drohte er damit, weitere iranische Infrastruktur zu bombardieren: "Von nun an werden die Vereinigten Staaten jedes Mal, wenn die Islamische Republik Iran ein Schiff in der Straße von Hormus mit einer Rakete, einem Flugkörper, einer Drohne oder einer anderen Vorrichtung beziehungsweise Waffe angreift, eine Brücke oder ein Kraftwerk bombardieren und zerstören – auch in unmittelbarer Nähe oder innerhalb der Hauptstadt Teheran." Eine Deeskalation im Konflikt zeichnet sich damit bis auf weiteres nicht ab.
Die steigenden Ölpreise treiben auch die Renditen am Anleihemarkt nach oben. Die Verzinsung zehnjähriger US-Staatsanleihen klettert auf den höchsten Stand seit Januar 2025. Anleger fürchten, dass der neue Energieschock die Inflation erneut anheizt und weitere Zinserhöhungen erforderlich macht.
Starker Arbeitsmarkt verschärft Zinssorgen
Ausgerechnet robuste Konjunkturdaten verstärken den Druck. Die Zahl der Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe fiel in der vergangenen Woche von 209.000 auf 187.000 und damit auf den niedrigsten Stand seit 1969. Der US-Arbeitsmarkt zeigt sich damit weiterhin ausgesprochen widerstandsfähig.
Die Kombination aus steigenden Energiepreisen und einer robusten Wirtschaft ist für die Börse jedoch Gift. Sie könnte der US-Notenbank weniger Spielraum für Zinssenkungen lassen und im Extremfall sogar neue Zinserhöhungen auf die Tagesordnung bringen.
Alphabet investiert sich ins Minus
Mit Alphabet hat gestern der erste Hyperscaler die Berichtssaison eröffnet. Das Cloud-Geschäft von Google ist im zweiten Quartal geradezu explodiert: Der Umsatz schoss um 82 Prozent nach oben auf 24,8 Milliarden Dollar und wuchs damit noch schneller als im Vorquartal. Das Werbegeschäft mit der Google-Suche legte indes langsamer zu – um 14,4 Prozent auf 81,6 Milliarden Dollar. Im Vorquartal lag die Wachstumsrate dieses Segments noch bei 15,5 Prozent. Das enorme Wachstum der Cloud-Sparte verhalf dem Google-Mutterkonzern im zweiten Quartal jedoch zu einem besser als erwarteten Umsatzplus von 24 Prozent auf 120 Milliarden Dollar.
Gleichzeitig treten die Kosten der KI-Offensive immer deutlicher zutage. Alphabet verbrannte im Quartal unterm Strich Geld: Investitionen von rund 45 Milliarden Dollar überstiegen den operativen Mittelzufluss von 39 Milliarden Dollar. Ein Novum für den Konzern, der seit seiner Gründung als Gelddruckmaschine gilt. Zudem erklärte Finanzchefin Anat Ashkenazi gegenüber Analysten, dass der freie Cashflow „weiter unter Druck bleiben“ werde.
AKTIONÄR-Leser wissen: Die erneute Anhebung der Investitionsprognose für 2026 – von bislang 180 bis 190 Milliarden auf nun 195 bis 205 Milliarden Dollar – nahmen Anleger besonders negativ auf. Laut den Analystenschätzungen bei Bloomberg dürfte der freie Cashflow in diesem Jahr auf nur noch 14,1 Milliarden Dollar fallen. Im Vorjahr standen hier noch 73,3 Milliarden Dollar zu Buche. Zeitweise geht es für die Alphabet-Aktie heute um 7,4 Prozent nach unten – der höchste Tagesverlust seit mehr als einem Jahr.
Tesla-Aktien rauschen um 14 Prozent ab
Auch Tesla greift tief in die Tasche. Der Konzern von Elon Musk gab im letzten Quartal 5,8 Milliarden Dollar für die Entwicklung seiner Robotaxis und humanoiden Roboter aus. Das waren rund eine Milliarde Dollar mehr als in den beiden vorangegangenen Quartalen zusammen. Und das dürfte erst der Anfang gewesen sein. Musk erklärte gegenüber Analysten: "Das ist ein Jahr mit gewaltigen Investitionen."
Die hohen Ausgaben überschatteten dabei die Nachricht, dass der Umsatz um 26 Prozent auf 28,2 Milliarden Dollar gestiegen war – das Ergebnis davon, dass sich das Autogeschäft erholt hat. Die Auslieferungen sind im Q2 auf 480.126 Fahrzeuge geklettert. Die Bruttomarge von 16,8 Prozent verfehlte hingegen die Schätzung deutlich. Analysten hatten im Schnitt mit einer Bruttomarge von 19,4 Prozent gerechnet.
An der Börse kamen die Tesla-Zahlen ebenfalls schlecht an – die Aktie geht auf Talfahrt. Mit dem Tagestief bei 321,58 Dollar notiert die Aktie so tief wie seit elf Monaten nicht mehr.
Lichtblicke im Rüstungssektor
Zu den wenigen Gewinnern gehören Lockheed Martin und RTX. Beide Rüstungskonzerne überzeugten mit satten Gewinnsprüngen und hoben ihre Umsatzprognosen für das Gesamtjahr an. Die weltweit steigenden Verteidigungsausgaben und eine robuste Nachfrage nach Raketenabwehrsystemen sorgen für prall gefüllte Auftragsbücher. Die Aktien legen nach den Zahlen um rund zehn Prozent zu und setzen sich von der zuletzt schwächeren Entwicklung vieler europäischer Rüstungswerte ab.
Honeywell: Ballast abgeworfen
Nach der Abspaltung des Luftfahrtgeschäfts hat Honeywell einen starken Einstand als reiner Automatisierungskonzern hingelegt. Organisch legten die Erlöse im zweiten Quartal um vier Prozent zu, der bereinigte Gewinn je Aktie stieg auf 1,95 Dollar und übertraf die Erwartungen. Rückenwind lieferten vor allem das florierende Automatisierungsgeschäft, ein um 16 Prozent gestiegener Auftragseingang sowie höhere Margen. Das Management hob die Jahresprognose an. Die Aktie springt in der Spitze um 7,4 Prozent auf 250,27 Dollar.
T-Mobile: Gute Zahlen, böse Quittung
T-Mobile US hat im zweiten Quartal mit 277.000 neuen Vertragskunden zwar besser abgeschnitten als erwartet, zugleich aber 13 Prozent weniger Nettoneukunden gewonnen als im Vorjahr. Der Umsatz stieg um 7,9 Prozent auf 22,8 Milliarden Dollar und blieb damit leicht hinter den Prognosen zurück. Operativ lieferte die Telekom-Tochter zwar erneut starke Zahlen ab und hob sogar die Prognose für den freien Cashflow an (DER AKTIONÄR berichtete). Dennoch reagierten die Anleger enttäuscht: Die Aktie sackte zum Handelsstart um acht Prozent auf 175,75 Dollar ab.
Der nächste Zahlen-Kracher wartet schon
Nach US-Börsenschluss stehen heute die Zahlen von Intel und SAP auf dem Programm. Beim US-Chipkonzern rechnen Analysten mit einem Umsatz von 14,43 Milliarden Dollar und einem bereinigten Gewinn von 0,21 Dollar je Aktie. Entscheidend dürfte jedoch die Bruttomarge werden: Der Markt erwartet 39,2 Prozent und damit erste Belastungen durch den Hochlauf des neuen 18A-Fertigungsprozesses. Zudem muss Intel Fortschritte im milliardenschweren Foundry-Geschäft und bei den externen Kunden vorweisen. Wie hoch die Kursausschläge nach den Zahlen ausfallen könnten, erfahren Sie hier.
Bei SAP stehen erneut das Cloud-Geschäft und die KI-Offensive im Mittelpunkt. Erwartet wird ein Umsatzplus von neun Prozent auf 9,8 Milliarden Euro sowie ein Anstieg der Cloud-Erlöse um 22 Prozent.
Nach den heftigen Reaktionen auf Alphabet und Tesla ist klar: Solide Zahlen allein dürften kaum reichen – Intel und SAP müssen auch beim Ausblick überzeugen.
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