16.09.2017 Thorsten Küfner

Rio Tinto: Jetzt einsteigen?

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Rio Tinto
Trendthema

Die Erholung der lange Zeit gebeutelten Preise für Industriemetalle dürfte sich fortsetzen. Hiervon profitieren die Bergbauriesen in enormem Umfang, aus denen vor allem der britisch-australische Konzern Rio Tinto positiv heraussticht. Sollten Anleger jetzt die jüngste Korrektur zum Einstieg nutzen?

Für Verkehrsteilnehmer in Australien sind sie mit etwas Pech eine wahre Zumutung. Denn wer mit seinem Auto unglücklicherweise gerade an einer Bahnschranke steht, wenn ein Zug mit einer Eisenerzlieferung vorbeirauscht, braucht wirklich viel Geduld. Denn nicht wenige dieser Transporte umfassen mehr als 300 Waggons und erreichen eine Gesamtlänge von bis zu drei Kilometern.

Einer der „Hauptverantwortlichen“ für den gelegentlichen Unmut bei den Autofahrern in Down Under ist Rio Tinto, eine der weltweit größten Bergbaugesellschaften. Der britisch-australische Mischkonzern ist schon jetzt einer der auf dem Kontinent am stärksten aktiven – und weitet sein Engagement sogar kontinuierlich aus. So eröffnete Rio Tinto in der vergangenen Woche offiziell die Silvergrass-Eisenerzmine. Damit betreibt das Unternehmen nun insgesamt 16 Förderstätten für diesen Indus­trierohstoff und plant, die Gesamtproduktion zukünftig um weitere 10,0 Millionen Tonnen Eisenerz pro Jahr zu erhöhen. Vor einigen Monaten hätte die Inbetriebnahme zusätzlicher Minen beim Eisenerzpreis noch zu einem weiteren Kursrutsch geführt. Denn es zeichnete sich ohnehin bereits ein sattes Überangebot auf dem Markt ab.
Doch angesichts der robusten weltweiten Konjunkturentwicklung zeigt sich allmählich: Es wird auch wieder vermehrt Eisenerz für die Stahlherstellung nachgefragt.

Beeindruckendes Comeback
Aus diesem Grund hat sich der Eisenerzpreis ausgehend vom Ende des Jahres 2015 markierten Mehrjahrestief bei 38 Dollar wieder kräftig verteuert. Nach einer zwischenzeitlichen Korrektur bis auf 55 Dollar im Frühjahr ging es zuletzt sogar wieder bis auf 78 Dollar nach oben – ehe an den vergangenen Handelstagen wieder eine Korrektur einsetzte.

Zudem hat der Kupferpreis zuletzt kräftig zugelegt und ein neues Mehrjahreshoch markiert. Im vergangenen Jahr erzielte Rio Tinto, das beispielsweise mit 30 Prozent an der weltgrößten Kupfermine in Chile (Escondida) beteiligt ist, mit Kupfer Erlöse von knapp vier Milliarden Dollar, was elf Prozent des gesamten Konzernumsatzes entspricht. Und auch bei anderen Industriemetallen wie etwa Zink ziehen die Notierungen im Zuge sinkender Lagerbestände deutlich an.

Einer der Hauptgründe für den wohl auch nachhaltigen Boom bei Industriemetallen ist die anhaltend hohe Nachfrage aus den Schwellenländern. Allen vo­ran China gibt hier mit dem Jahrhundert-Projekt „One Belt, One Road“ (hierzulande bisweilen als „Neue Seidenstraße“ bezeichnet) kräftig Gas und sorgt für eine nachhaltig hohe Nachfrage nach Stahl, Kupfer und Co (DER AKTIONÄR berichtete hierzu umfangreich in Ausgabe 15/2017).

Starke Zahlen
Angesichts dieser Entwicklung ist es wenig verwunderlich, dass Rio Tinto kürzlich starke Zahlen für die ersten sechs Monate des laufenden Jahres präsentierte. So stieg der Nettogewinn um 152 Prozent (!) auf 3,9 Milliarden Dollar. Ein wichtiger Grund für die beeindruckende Ergebnisentwicklung sind die stetig sinkenden Kosten. So konnte Rio Tinto im Vergleich zum Vorjahreszeitraum die Ausgaben um satte zwei Milliarden Dollar verringern. Dank strikter Disziplin sind die Produktionskosten für eine Tonne Eisenerz in den Minen im westaustralischen Pilbara im ersten Halbjahr 2017 nun sogar auf nur noch 13,80 Dollar gesunken (siehe Grafik auf Seite 16).

Neben den Sparbemühungen hat zu diesen niedrigen Kosten vor allem der Fokus des Managements auf hohe Eisenerzgehalte beigetragen. Hier zahlt sich die Prämisse des Vorstands um CEO Jean-Sébastien Jacques aus: Die Werthaltigkeit und die Profitabilität der Vorkommen sind wichtiger als pures Produktionswachstum.

Satte Dividendenrendite
Von der erfreulichen Gewinnentwicklung sollen auch die Anteilseigner des Bergbau-Riesen profitieren. So steigt die Dividende für das erste Halbjahr im Jahresvergleich in etwa demselben Umfang wie der Nettogewinn von 34 auf 83 Britische Pence. Für das Gesamtjahr rechnen Experten mit einer Dividende auf Rekordniveau von knapp 180 Pence (1,96 Euro), woraus sich eine stattliche Rendite von knapp fünf Prozent errechnen würde.
Neben den hohen Dividendenzahlungen erfreut Rio Tinto seine Anteilseigner derzeit zudem mit einem Aktienrückkaufprogramm. Im Rahmen dessen sollen noch bis zum Jahresende Papiere im Volumen von einer Milliarde Dollar zurückgekauft werden.

Der Top-Pick der Branche
Was die Zuwendungen an die Aktionäre betrifft, rangiert Rio Tinto damit klar vor den Konkurrenten BHP Billiton (Dividendenrendite 3,9 Prozent), Glencore (2,9 Prozent), Vale (3,7 Prozent) oder Anglo American (3,3 Prozent). Und auch bezüglich der Bilanz ist Rio Tinto erste Wahl. So konnte die Netto­verschuldung im ersten Halbjahr um weitere 2,0 Milliarden Dollar auf „nur noch“ 7,6 Milliarden Dollar gesenkt werden, was lediglich einem Drittel des EBITDA entspricht. Zum Vergleich: Bei Vale oder Glencore sind die Nettoschulden etwa nahezu doppelt so hoch wie der operative Gewinn.

Nicht das Ende der Fahnenstange
Angesichts der anziehenden Metallpreise und der starken operativen Entwicklung, gepaart mit einer attraktiven Bewertung, ist es wenig verwunderlich, dass die Rio-Tinto-Papiere zuletzt gesucht waren. Die Aktie kletterte jüngst auf ein neues Mehrjahreshoch. Und damit dürfte zumindest nach Ansicht vieler Analysten das Ende der Fahnenstange noch längst nicht erreicht sein. So hat etwa die australische Großbank Macquarie das Kursziel an die jüngste Entwicklung der Preise für Eisenerz, Kupfer und Co angepasst. Demnach wird der faire Wert der Rio-Tinto-Anteile von 4.000 auf 4.500 Britische Pence (umgerechnet 49,00 Euro) angehoben. Auch die Experten von HSBC, JPMorgan oder Exane BNP Paribas haben allesamt ihre Kursziele nach oben geschraubt und raten Anlegern zum Kauf. Von den 29 Analysten, die sich regelmäßig mit den Anteilen des Bergbau-Riesen befassen, empfehlen aktuell 20 den Einstieg, sechs stufen die Aktie mit Halten ein und nur drei raten zum Verkauf.

Ein guter Zeitpunkt für den Einstieg
Zugegeben, der Bergbausektor ist ein relativ volatiler Bereich. Doch die aktuell gehobenen Industriemetallpreise dürften, gepaart mit einer dauerhaft niedrigeren Kostenbasis, die Kasse bei Rio Tinto in den kommenden Monaten weiterhin kräftig klingeln lassen. Die Entwicklung der Weltkonjunktur, kombiniert mit einer immer noch günstigen Bewertung sowie einem starken Chart, bietet Anlegern deshalb eine sehr gute Gelegenheit für den Einstieg.

Dieser Artikel wurde in der Print-Ausgabe 37/2017 veröffentlicht. Das komplette Magazin erhalten Sie hier bequem als ePaper.