In der Softwarebranche geht die Angst um, dass Künstliche Intelligenz (KI) nicht nur ein nützliches Zusatzfeature ist, sondern ganze Geschäftsmodelle infrage stellen könnte. Die Diskussion drückte spürbar auf Stimmung und Kurse – auch bei ATOSS Software. Analysten bleiben zuversichtlich. Unternehmens-Insider haben den Rücksetzer genutzt, um massiv eigene Aktien zu kaufen.
Der „KI frisst Software“ - Narrativ hat an der Börse in den vergangenen Wochen hohen Wellen geschlagen. Mit Blick auf eine drohende Disruption oder zumindest mögliche Marktanteilsverluste sowie eine drohende Margenerosion haben Investoren begonnen, Bewertungen neu zu justieren und Risiken höher zu gewichten. Das führte bei vielen Softwareaktien zu deutlichem Verkaufsdruck – berechtigt oder nicht.
Zugenommen haben die Sorgen, als das US-amerikanische KI-Unternehmen Anthropic mit seinen leistungsfähigen Modellen gezeigt hat, wie schnell KI klassische Softwareprodukte entwerten oder zumindest unter Preisdruck bringen kann.
Mittlerweile nimmt der Verkaufsdruck bei den Aktien aber wieder ab. Kommentare wie dieser von Wedbush nach einem Anthropic-Event passen da ins Bild: „Obwohl diese Anwendungsfälle beeindruckend sind, werden diese neuen KI-Tools in Wirklichkeit die bestehenden Software-Ökosysteme und Datenumgebungen nicht ersetzen, da sie nur so nützlich sind wie die Daten, auf die sie zugreifen können, argumentiert das Unternehmen.“ Wedbush ist der Ansicht, dass der Markt die Fähigkeiten von Basismodellen mit einem vollständigen Ersatz von Unternehmenssoftware verwechselt und dass die Befürchtung, generative KI werde Legacy-Systeme über Nacht umschreiben, die Realität in Unternehmen ignoriert.
Vorstand hält dagegen
ATOSS-Finanzvorstand Christof Leiber sieht das ähnlich: „Die Annahme, dass ein End-to-End-Prozess für Workforce Management sich durch einen einzelnen Prompt quasi „kostenfrei“ von einem KI-Modell programmieren und gleichzeitig im Unternehmen ausrollen, ist realitätsfern“, so der CFO gegenüber dem AKTIONÄR. „Im Bereich unternehmenskritischer End-to-End-Unternehmenssoftware sehen wir keinen Trend zur Ersetzung. Im Gegenteil: KI verbessert die bestehende Software.“
ATOSS Software entwickelt und vertreibt Softwarelösungen für modernes Workforce Management (WMF) – also digitale Tools zur Arbeitszeit- und Personaleinsatzplanung, Zeiterfassung, Schichtplanung und Personalkapazitätssteuerung. Egal ob kleines Start-up, mittelständisches Unternehmen oder internationaler Konzern: Mehrere Millionen Arbeitnehmer werden dank ATOSS effizienter eingesetzt, eine Vielzahl an Prozessen wird automatisiert. Dabei werden die modularen WFM-Lösungen branchenübergreifend eingesetzt – von Industrie und Handel über Logistik bis hin zum Gesundheitswesen.
„Unsere Lösungen haben deutliche Markteintrittsbarrieren – angefangenen von der regulatorischen Komplexität, über die tiefe Verzahnung mit Kundenprozessen, den Zugang zu relevanten Daten und vieles mehr,“ so Leiber. Diese Parameter geben uns in Verbindung mit den Möglichkeiten der KI-Modelle exzellente Möglichkeiten die Chancen der KI-Technologierevolution zu heben.“ Im Hintergrundgespräch führt Leiber die Chancen und Risiken weiter aus und nennt auch entsprechende Anwendungsbeispiele.
Bewertung im Fokus
Stand heute wollen die Münchner auch künftig auf dem profitablen Wachstumspfad bleiben. Der Vorstand peilt für 2026 einen Umsatz von rund 215 Millionen Euro (Vorjahr: 189,3 Millionen Euro) an. Die operative Marge soll mindestens 32 Prozent betragen. Für 2027 werden rund 245 Millionen Euro Umsatz und eine Marge von mindestens 33 Prozent erwartet. Der Gewinn je Aktie könnte damit auf Basis der Analystenschätzungen von 3,04 Euro im Vorjahr auf über 3,20 Euro im laufenden Jahr und bis 2027 auf 3,75 Euro steigen. Das viel diskutierte KGV würde von 27 auf 23 sinken. Zum Vergleich: Das durchschnittliche KGV der vergangenen zehn Jahre lag bei 45.
Fehlbewertung attraktive langfristige Chance
Analysten äußerten sich zuletzt recht zuversichtlich: „Wir sind der Ansicht, dass die erstklassige Marktpositionierung, der ausgeprägte Produktfokus – über Jahrzehnte im Markt geschärft – sowie die hohe Ergebnisqualität dazu führen, dass das Potenzial für ein nachhaltiges Gewinnwachstum nach dem Kursrückgang der Aktie deutlich unterschätzt wird“, so die Berenberg-Experten. Sie sehen „die aktuelle Fehlbewertung als attraktive langfristige Chance“ und bestätigen daher ihre Kaufempfehlung mit einem Kursziel von 150 Euro.
Mit dieser Einschätzung stehen die Analysten nicht allein: Auch Alexander Zienkowicz von MWB Research sieht KI eher als strukturelle Chance denn als Bedrohung. KI schwäche klassische Software dort, wo sie austauschbar sei – und stärke sie dort, wo sie tief im Geschäft des Kunden verankert sei. Das Unternehmen hat eine umfassende, auf mehrere Jahre angelegte KI-Roadmap vorgestellt, mit klarem Fokus auf Prognosemodelle, die Optimierung der Personaleinsatzplanung und datenbasierte Entscheidungsunterstützung. „Der Vorstand betonte ausdrücklich die tiefe Branchenexpertise als entscheidenden Wettbewerbsvorteil und argumentierte, dass komplexe Arbeitszeitregelungen, Tarifverträge und Compliance-Anforderungen nicht durch generische KI-Lösungen abgedeckt werden können“, so Zienkowicz. Er hat seine Kaufempfehlung bestätigt und das Kursziel für die ATOSS-Aktie von 125 auf 130 Euro angehoben.
Gründer greift massiv zu
Den jüngsten Rücksetzer hat Gründer und CEO Andreas Obereder genutzt, um am 10. Februar ATOSS-Aktien im Wert von rund 7,2 Millionen Euro zu kaufen. Bereits Ende 2025 hatte der Firmenlenker in zahlreichen Einzeltransaktionen eigene Aktien im Wert von rund 9,4 Millionen Euro erworben. Als Großaktionär hielt er zuvor bereits einen Anteil von rund 22 Prozent (aktueller Wert: rund 400 Millionen Euro) am Unternehmen. In dieser Woche liefen weitere Insider-Transaktionen in Höhe von insgesamt rund 7,5 Millionen Euro über den Ticker.
„Mittel- und langfristig werden wir über den Ausbau von KI-Services in Ergänzung zu unseren Lösungen deutlich attraktiver für Kunden“, legt sich der Finanzchef zum Abschluss fest. „Und das gibt uns ähnlich wie unsere erfolgreiche Umsetzung der Cloud Strategie sei 2016 exzellente Chancen für weiteres Wachstum bei ATOSS.“
Wie lange die KI-Sorgen die Software-Aktien noch unter Druck setzen, lässt sich kaum prognostizieren. In den letzten Tagen konnte sich die ATOSS-Aktie stabilisieren, eine größere Gegenbewegung hat es aber noch nicht gegeben. Gut möglich, dass einzelne Analysten mit den endgültigen Zahlen am 10. März einen moderaten Risikoabschlag in ihre Schätzungen einpreisen und die Kursziele moderat senken. Auch wenn die historischen Bewertungsniveaus vorerst nicht wieder erreicht werden, dürfte sich die noch junge Gegenbewegung weiter fortsetzen. DER AKTIONÄR setzt im Real-Depot weiter auf steigende Kurse.
Hinweis auf Interessenkonflikte: Aktien von ATOSS Software befinden sich in einem Real-Depot der Börsenmedien AG.
Heute, 09:30