Venezuela klingt nach Angebotsschock: Regimewechsel, US-Gespräche, große Öl-Zahlen. An der Börse wirkte die Fantasie sofort. Nur: Zwischen „größten Reserven der Welt“ und schnell förderbarem, exportfähigem Rohöl liegt ein Abgrund. Für Chevron und andere Unternehmen ist das die entscheidende, unbequeme Wahrheit.
Offiziell meldet Venezuela rund 300 Milliarden Barrel. Die Zahl ist nicht unabhängig geprüft und beruht zu großen Teilen auf extrem schwerem Orinoco-Öl. Dieses Rohöl ist zäh, schwer zu transportieren und ohne Verdünner oder teure Aufbereitung kaum marktfähig. „Reserve“ heißt hier: viel Theorie, wenig Tempo.
Chevron ist der Sonderfall. Der Konzern ist derzeit die einzige westliche Firma mit US-Lizenz, um in Venezuela zu fördern und zu exportieren. Laut Schätzungen hängen an Chevron-Joint-Ventures rund 240.000 Barrel pro Tag. Nach dem Machtumbruch steuert nun eine Flotte gecharterter Tanker venezolanische Häfen an. Das wirkt wie Aufbruch, ist aber vor allem Logistik unter Risiko.
Viel Arbeit
Die Infrastruktur ist marode. Upgrader laufen nicht stabil, Korrosion und Stromausfälle sind Alltag. Gleichzeitig stören Blockade und Kontrollen den Schiffsverkehr. Nach Einschätzung der Rohstoffanalysten von Kpler droht sogar kurzfristig ein Rückgang der Förderung, weil Lagerkapazitäten knapp werden und Schiffe ausweichen. Dazu kommt ein Nadelöhr: Ohne importierte Verdünner lässt sich Orinoco-Öl kaum aus dem Land bewegen.
Auch für den Ölpreis ist Venezuela kurzfristig kein Hebel. Der Markt schaut wieder stärker auf Fundamentaldaten und ein drohendes Überangebot. Händler halten den Beitrag Venezuelas in den kommenden Monaten für „sehr, sehr gering“. Geopolitik liefert Schlagzeilen, aber nicht automatisch höhere Preise.
Ja, es gibt Chancen, vor allem für Chevron als Türöffner. Aber ein schneller Produktionssprung ist unwahrscheinlich, ein günstiger schon gar nicht. Entscheidend ist nicht, wie viel Öl im Boden liegt. Sondern wie viel davon sicher, profitabel und dauerhaft auf den Markt kommt. Da verwundert es nicht, dass es nach dem prozentual zweistelligen Kursanstieg zum Jahresauftakt für die Chevron-Aktie inzwischen schon wieder ein gutes Stück abwärts gegangen ist. Eine rationale Korrektur gewissermaßen nach der ersten Euphorie.
06.01.2026, 22:14