Die Renditen in den USA steigen unaufhaltsam. Am Anleihemarkt spielt sich eine Entwicklung ab, die den gesamten Aktienmarkt in die Knie zwingen könnte. Nun werden selbst die optimistischsten Bullen der großen Investmentbanken unruhig und warnen vor einer spürbaren Korrektur.
Der Verkaufsdruck bei US-Staatsanleihen verschärft sich drastisch. Am Montag kletterte die Rendite der richtungsweisenden zehnjährigen Staatsanleihen auf rund 4,63 Prozent. Das ist der höchste Stand seit Januar 2025.
Auslöser für den Renditesprung ist der anhaltende Energieschock. Weil die Straße von Hormus blockiert bleibt, notiert der Ölpreis der Sorte Brent bei über 109 Dollar je Barrel. Das schürt neue Inflationsängste. Die Hoffnung auf baldige Zinssenkungen der Federal Reserve schwindet komplett.
An den Terminmärkten wetten die Händler bereits auf eine weitere Zinserhöhung durch die US-Notenbank bis zum Jahresende. Die Wahrscheinlichkeit dafür sprang auf rund 40 Prozent. Vor wenigen Wochen lag dieser Wert laut den Daten der CME Group noch praktisch bei null.
Warum steigende Renditen gefährlich sind
Die zehnjährige US-Anleihe gilt als der wichtigste Zinssatz der Welt. Steigt ihre Rendite, geraten Aktien mechanisch unter Druck. Das hat im Wesentlichen drei Gründe.
Zum einen sinkt dadurch die Bewertung von Unternehmen. Der faire Wert einer Aktie berechnet sich aus ihren zukünftigen Gewinnen, die auf den heutigen Tag abgezinst werden. Als Basis für diesen Abzinsungsfaktor dient die Rendite der Staatsanleihe. Je höher diese Rendite steigt, desto weniger wert sind zukünftige Gewinne in der Gegenwart.
Das trifft vor allem Technologie- und Wachstumsaktien hart, deren große Gewinne weit in der Zukunft liegen. Ihre fairen Bewertungskennzahlen schrumpfen zusammen.
Zum anderen werden Anleihen durch die steigenden Zinsen zu einer echten Konkurrenz für das Risikokapital. Wenn praktisch ausfallsichere US-Staatsanleihen über 4,6 Prozent abwerfen, schichten große Institutionen wie Pensionskassen und Versicherungen ihr Kapital um. Das Risiko am Aktienmarkt wird unattraktiver, wenn die US-Regierung hohe Renditen garantiert.
Schließlich verteuern steigende Renditen sofort die Refinanzierungskosten für Unternehmen. Höhere Zinskosten belasten die Nettogewinne direkt und bremsen gleichzeitig den Konsum der Verbraucher aus.
Top-Strategen werden vorsichtig
An der Wall Street wächst die Skepsis unter den großen Investmenthäusern. Mike Wilson, Chef-Stratege von Morgan Stanley und mit einem S&P-500-Ziel von 8.000 Punkten eigentlich einer der größten Bullen im Markt, zeigt sich in einer aktuellen Einschätzung besorgt.
Er verweist auf eine historisch extreme negative Korrelation von -0,8 zwischen den Aktienrenditen und der Bewegung der Anleihezinsen. Wilson warnt explizit: Sollte die Volatilität am Rentenmarkt parallel zu den Zinsen weiter anziehen, droht den Aktienmärkten die erste spürbare Korrektur seit dem Erreichen der letzten Tiefststände. Die kritische Grenze liegt für ihn beim nachhaltigen Überschreiten einer Rendite von 4,50 Prozent.
Dieses Warnsignal wird im New Yorker Handel breit geteilt. Scott Rubner von Citadel Securities schraubt seine optimistische Haltung aus dem März ebenfalls zurück und wird taktisch vorsichtiger.
Auch das Handelshaus JPMorgan äußert sich in einer aktuellen Mitteilung an seine Kunden deutlich zurückhaltender. Die dortigen Händler schrauben ihre bullige Überzeugung zurück und raten Anlegern explizit dazu, bestehende Long-Positionen jetzt verstärkt über Absicherungen zu schützen, anstatt das Risiko blind hochzuhalten.
Der Sprung der US-Renditen über die kritische Marke von 4,50 Prozent ist ein ernstes Warnsignal. Den nächsten richtungsgebenden Impuls, an dem sich Anleger festhalten können, liefern am Mittwochabend die Quartalszahlen von Nvidia. Ob der KI-Gigant den Markt trotz des schwierigen Zinsumfelds beflügeln kann und warum kurz vor den Zahlen Morgan Stanley noch einmal bullisher wird, lesen Sie im aktuellen Exklusiv-Bericht bei DER AKTIONÄR+.
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