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Der Citrini‑Crash

Der Citrini‑Crash
Bernd Förtsch Heute, 08:34 Bernd Förtsch

Ein Posting eines kleinen, bis dato unbekannten Analysehauses sorgt für Panik am Markt. Die Zukunft der Menschheit erscheint ungewiss. Ein paar Gedanken zum Thema Wirtschaft, Arbeitsmarkt und unserem Verhältnis zur Technologie.

James van Geelen. Der 33-jährige CEO von Citrini Research. Bis vor wenigen Tagen nur wenigen Insidern bekannt. Veröffentlichte am Dienstag ein Posting mit 7.000 Wörtern auf Substack. Titel: „The 2028 Global Intelligence Crisis“. Darin skizzierte er eine hypothetische Zukunft, in der die rasante Entwicklung im KI-Bereich apokalyptische Verwüstungen bei den Bürojobs anrichtet, die Arbeitslosigkeit auf über zehn Prozent katapultiert und die Aktienkurse auf Talfahrt schickt.

Offenbar der falsche (oder richtige?) Text zur falschen Zeit. Der Markt ging in die Knie. Allein im Nasdaq 100 mehr als 800 Milliarden Dollar Börsenwert in Luft aufgelöst. Ob Nvidia, Microsoft oder IBM – die Anleger gingen in Deckung.

Das bringt mich zu zwei Fragen. Erstens: Ist das Thema KI an der Börse jetzt final gespielt und man sollte die Finger davon lassen? Zweitens: Was wird KI für Auswirkungen auf unser Leben, unsere Wirtschaft und unsere Sozialsysteme haben?

Zu Frage 1: Ein klares Nein! Erinnern Sie sich an die 90er? Irgendwann um 1996/97 verwandelte sich das Mobiltelefon vom Luxusartikel für Geschäftsleute zum selbstverständlichen Begleiter eines jeden. Der Massenmarkt war erreicht. Das haben wir im Bereich der Künstlichen Intelligenz mit der Veröffentlichung von ChatGPT erlebt. Seitdem „kann“ jeder KI. In Sachen Entwicklung sind wir aber noch immer – um im Bild zu bleiben – in den 90ern. Der Tag, an dem Steve Jobs das iPhone vorstellte, war übrigens der 9. Januar 2007. Es kann also noch jede Menge passieren.

In Sachen Börse ist das KI-Thema ein zweischneidiges Schwert. Die Aktien von Firmen, deren Modell von KI bedroht ist, werden abverkauft. Offenbar zweifeln die Börsianer mittlerweile an einigen Geschäftsmodellen – Softwarefirmen sind nur die Spitze des Eisbergs. Hier lautet der Gedanke immer: „Brauche ich das Produkt von Firma XY noch, wenn ich das schneller und einfacher auch mit der KI machen kann?“

Im Gegenzug wurden Firmen, die man als Profiteure sieht, auf enorme Bewertungen getrieben – Infrastruktur, Chips, Modelle. Hier muss man genau beobachten, ob sich die massiven Investitionen auszahlen und wer die Nase vorn hat. Dem Sektor aber als Anleger fernzubleiben, das wäre töricht. Aber jetzt um jeden Preis einzusteigen, wäre es auch. Man muss Rücksetzer abwarten.

Wie ist es mit der Wirtschaft? Hier erwarte ich Disruption in ungeahntem, zerstörerischem Ausmaß. Qualifizierte Tätigkeiten von bestens ausgebildeten Menschen sind genau das, was KI schon bald ebenfalls können wird. Die Auswirkungen können wir uns noch gar nicht vorstellen. Ich würde gern zu den Optimisten gehören, die darauf verweisen, dass in der letzten industriellen Revolution ebenfalls viele Arbeitsplätze verschwanden, gleichzeitig aber neue geschaffen wurden. Aber wie gesagt: Ich denke, wir stehen vor einer Zerstörung, deren Ausmaß wir uns noch nicht wirklich ausmalen können.

Sind wir in Deutschland dafür gerüstet? Wird die Jugend an Schulen und Universitäten mit Vollgas fit gemacht für eine Zeit mit KI? Eine Zeit, in der Mathematik, Programmieren, Fremdsprachen und Co keine Garantie mehr für ein gutes Aus- und Einkommen sind? Ich sehe nichts davon. Nicht mal am Horizont. Im Gegenteil. Die dämlichste Nachricht zu diesem Thema zuletzt: Die CDU will der jungen Generation (zumindest denen unter 16) den Zugang zu sozialen Medien verbieten. Verbieten. Natürlich. Was denn auch sonst?

Ebenfalls ein Presse-Highlight der letzten Tage: Die Bundesregierung hat beschlossen, Habecks Heizungsgesetz zu kippen. Schon bald. Falls es klappt. Im Bundestag muss das noch durchkommen.

Das sagt viel aus: Die Welt schreitet mit Siebenmeilenstiefeln in eine digitale Zukunft. Deutschland dereguliert die Zentralheizung seiner Bürger und sperrt seine Kinder aus TikTok, Instagram und Co aus. Das wird noch spannend.

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Quelle: Börsenmedien AG
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