Das Versprechen ist so alt wie die Übernahme durch Mark Zuckerberg selbst: Was bei WhatsApp geschrieben wird, bleibt bei WhatsApp. Ende-zu-Ende-Verschlüsselung als heiliger Gral der Privatsphäre. Doch nun wankt die Firewall des Marktgiganten. Eine Klage vor einem US-Bezirksgericht in San Francisco rüttelt an den Grundfesten von Meta – und wirft die Frage auf, wie viel Vertrauen drei Milliarden Nutzer sich leisten können.
Der Vorwurf wiegt schwer: Die Kläger, eine Gruppe von WhatsApp-Nutzern aus Ländern wie Australien, Mexiko und Indien, bezeichnen die Verschlüsselung als „Täuschung“. Meta verfüge über Hintertüren, um private Chats mitzulesen. Der Grund: Datenhunger. Die Kläger wollen beweisen, dass der Konzern systematischen Betrug an seinen Nutzern begeht, indem er absolute Privatsphäre vorgaukelt, während er im Hintergrund alles offenlässt.
Die Reaktion aus der Konzernzentrale in Menlo Park folgte prompt und im schroffen Tonfall. Meta-Kommunikationschef Andy Stone kanzelte die Klage via X als „frivoles fiktionales Werk“ ab. Jegliche Behauptung, Nachrichten seien nicht verschlüsselt, sei „kategorisch falsch und absurd“.
Giftpfeile von der Konkurrenz
Pavel Durov, CEO des Erzrivalen Telegram, nutzt die Gunst der Stunde für eine Breitseite, die an Deutlichkeit kaum zu überbieten ist. Man müsse „hirntot“ sein, um WhatsApp im Jahr 2026 noch für sicher zu halten, so der Tech-Unternehmer. Seine Analyse: Bei der Implementierung der Verschlüsselung habe man mehrere Angriffsmöglichkeiten gefunden. Auch wenn Durov als direkter Wettbewerber kaum als neutrale Instanz taugt, trifft seine Kritik einen empfindlichen Nerv in einer Zeit, in der das Misstrauen gegenüber zentralisierten Plattformen ohnehin wächst.
Entsprechend nervös beobachten Marktteilnehmer die juristische Entwicklung. WhatsApp ist für Meta längst nicht mehr nur ein Messenger, sondern der strategische Ankerpunkt für künftige Geschäftsmodelle vom Kundensupport bis zum E-Commerce. Sollte das Gericht den Klägern recht geben oder im Zuge der Beweisaufnahme tiefere Einblicke in die technische Struktur erzwingen, wäre der Vertrauensverlust kaum zu beziffern. Die Meta-Aktie zeigte sich von den Schlagzeilen zwar zunächst unbeeindruckt, doch das langfristige Risiko einer regulatorischen Kettenreaktion bleibt real.
Das Geschäftsmodell von Meta lebt von der Datenauswertung, während das Produktversprechen von WhatsApp auf deren strikter Geheimhaltung fußt. Sollte die Verschlüsselung tatsächlich als „Sham“ – als bloßer Schein – entlarvt werden, wäre das der ultimative Offenbarungseid für den Konzern. In einem Markt, der zunehmend auf digitale Souveränität setzt, kann sich Meta ein Loch in der Brandmauer nicht leisten. Ein Einstieg drängt sich bei der Aktie derzeit nicht auf.
Heute, 14:25