Die These, dass die Ankunft von Artificial Superintelligence (ASI) zwangsläufig zu materiellem Überfluss führt, dominiert den aktuellen KI-Diskurs. OpenAI-CEO Sam Altman und andere Tech-Größen wie Elon Musk versprechen eine Zukunft mit „universellem extremen Wohlstand" und propagieren ein bedingungsloses Grundeinkommen (UBI) als Lösung für die durch Automatisierung verursachte Arbeitslosigkeit. Doch diese Erzählung ignoriert eine fundamentale Wahrheit: Wir hatten schonmal solche Systeme – und sie sind gescheitert.
Vor der Komplexität moderner Zivilisationen existierte ein System, das alle Kennzeichen eines Überflussmodells aufwies: die Natur selbst. Jäger-und-Sammler-Gesellschaften lebten in vielen Kontexten in materiellem Überfluss. Studien zeigen, dass zeitgenössische Jäger-und-Sammler eine „überraschende Fülle an Vegetation" und „sowohl vielfältige als auch reichliche" Nahrungsressourcen hatten, wobei Millionen von Nüssen ungenutzt verrotteten.
Dieses System basierte auf einer dezentralen, selbstregulierenden Infrastruktur – der Natur als ursprüngliche ASI – die kontinuierlich produzierte, während Menschen den Output konsumierten.
Dennoch scheiterte es nicht an Produktionsgrenzen, sondern an organisatorischen Strukturen, die mit zunehmender Komplexität entstanden. Die Landwirtschaft steigerte zwar die Bevölkerungsdichte um das 100-fache gegenüber Jäger-und-Sammlern, aber diese Effizienzgewinne führten zu neuen Knappheitsformen: Hierarchien, Eigentumsrechten und Zugangskontrolle.
Gegenwärtige Beweise: Produktion ohne Distribution
Die deutlichste Widerlegung der Abundanz-gleich-Wohlstand-Hypothese findet sich in unserem globalen Ernährungssystem. Jährlich werden 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel verschwendet – genug, um 2 Milliarden Menschen zu ernähren, während über 820 Millionen Menschen chronisch hungern. Etwa 30 Prozent der weltweiten Lebensmittelproduktion gehen zwischen Ernte und Konsum verloren, das Vierfache dessen, was zur Ernährung aller Hungernden benötigt würde.
Wer besitzt die KI-Zukunft?
Die Vorstellung, ASI könne Überfluss schaffen, übersieht eine kritische Realität: KI ist kein öffentliches Gut, sondern gehört einer Handvoll Konzerne. Eine Studie des MIT Technology Review stellt unmissverständlich fest: „Es gibt keine KI ohne Big Tech. Mit verschwindend wenigen Ausnahmen ist jedes Startup, jeder neue Marktteilnehmer und sogar jedes KI-Forschungslabor von diesen Firmen abhängig."
Das Versprechen eines Grundeinkommens
Angesichts dieser Konzentrationsdynamiken propagieren viele Tech-Führungskräfte das bedingungslose Grundeinkommen als Lösung. Sam Altman finanzierte eine 60-Millionen-Dollar-UBI-Studie, die 1.000 Dollar monatlich an Teilnehmer in Illinois und Texas verteilte. Die Ergebnisse zeigten, dass Empfänger „mehr ausgeben, um ihre Grundbedürfnisse zu erfüllen und anderen zu helfen", und „nicht aus der Erwerbsbevölkerung ausscheiden". Altman, Elon Musk und Mark Zuckerberg haben alle öffentlich UBI unterstützt.
Altman selbst deutet an, dass traditionelles UBI unzureichend ist: „Ich denke, wenn man einfach sagt: 'OK, KI wird alles machen, und dann bekommt jeder eine Dividende davon', wird sich das nicht gut anfühlen." Er schlägt stattdessen „universellen Basis-Compute" vor – ein System, in dem Menschen Rechenleistung erhalten, nicht Bargeld. Dies verschiebt lediglich die Abhängigkeit: Statt auf Arbeitsplätze sind Menschen auf rationierten Zugang zu proprietären KI-Systemen angewiesen.
Warum glauben manche also, dass es funktionieren könnte?
Befürworter argumentieren, KI sei „fundamental anders" als frühere Technologien. Eine Analyse nennt folgende Unterschiede: beispiellose Adoptionsgeschwindigkeit (unter drei Jahren zu 50 Prozent Haushaltsadoption vs. zwölf Jahre für Desktop-Internet), breite Anwendbarkeit über Sektoren hinweg, und globale Verfügbarkeit.
Doch Geschwindigkeit ändert nichts an Machtstrukturen. Frühere Technologien – Dampfmaschine, Elektrizität, Internet – wurden ebenfalls als transformativ gefeiert, führten aber zu Konzentration, nicht Demokratisierung von Macht. Das Internet, einst als dezentralisierende Kraft gepriesen, ist heute von einer Handvoll Plattformen dominiert. KI folgt demselben Muster, nur schneller.
Die Geschichte lehrt uns also, dass eine hohe Produktionskapazität keinen utopischen Überfluss für alle garantiert. Die Natur bot diesen bereits, doch wir haben Knappheit geschaffen. Die Industrialisierung steigerte die Produktion – und wir schufen neue Knappheiten. Das Internet versprach Informationen für alle, doch wir schufen Paywalls und Algorithmen. Daher ist zu erwarten, dass ASI diesem Muster folgt. Denn der Mensch ist von Natur aus ein von Macht angetriebenes Wesen, und Sam Altman, Elon Musk und Co. werden ihre Macht höchstwahrscheinlich nur äußerst ungern abgeben wollen.
Doch wer würde das an ihrer Stelle auch tun?
Heute, 19:30