Die Infrastrukturschicht von Nvidias Five-Layer Cake liegt zwischen Stromanschluss und Beschleuniger: Kühlung, Stromverteilung, Netzwerk. Hier entscheidet nicht die Knappheit über die Rendite, sondern ein Wechsel des technischen Standards.
Gestern ging es an dieser Stelle um die Chips, um Packaging und Speicher. Eine Etage höher liegt das, was in keiner Schlagzeile vorkommt und trotzdem jeden Beschleuniger erst benutzbar macht: der Schrank, die Leitung, das Wasser, das Netzwerk. Ein Schrank mit Hopper-Beschleunigern zog rund 40 Kilowatt, die Generation ab dem zweiten Halbjahr 2027 zieht rund 600. Das ist kein Ausbau, das ist ein Bruch: Luft trägt diese Wärme nicht mehr ab, und die klassische Stromverteilung im Rack trägt diese Ströme nicht mehr.
Nicht Knappheit, sondern Standardwechsel
Bei der Energie war das Argument die Warteschlange, bei den Chips die Zuteilung. Hier ist es der Standard – mit zwei Folgen. Die gute: Der Wechsel entwertet einen Teil des Bestands und schafft Nachfrage, die es sonst nicht gäbe; ein luftgekühltes Rechenzentrum lässt sich nicht mit der neuen Generation bestücken. Die unangenehme: Der Engpass hält nicht lange – eine Fabrik für Flüssigkühlkomponenten steht in zwölf bis 18 Monaten. Die Frage ist nicht, wer knapp ist, sondern wer bei der Umstellung die Marge behält.
Die Zahl, aus der alles folgt
Der Sprung verläuft in Stufen: Hopper rund 40 Kilowatt je Schrank, Grace Blackwell als GB200 NVL72 120 bis 130, die Ultra-Variante GB300 132 bis 142, die seit Anfang August ausgelieferte Vera-Rubin-Generation VR200 190 bis 230. Für die Ausbaustufe Rubin Ultra im Rack-Format Kyber nennt Nvidia rund 600 Kilowatt, Auslieferung im zweiten Halbjahr 2027. Diese Zahl steht heute in keinem Rechenzentrum, sie bestimmt aber schon jetzt, wie gebaut wird: Wer 2027 einen Kyber-Schrank betreiben will, muss die Elektroplanung heute umstellen.
Vertiv: Der Pure Player und was seine Zahlen zeigen
Am 29. Juli legte Vertiv die Quartalszahlen vor: Umsatz plus 24 Prozent auf 3,27 Milliarden Dollar. Wichtiger ist die Zeile darunter – das bereinigte Betriebsergebnis legte um 51 Prozent zu, die bereinigte Marge kletterte von 18,5 auf 22,6 Prozent. Fürs dritte Quartal stellt der Konzern 34 bis 36 Prozent organisches Wachstum und eine bereinigte Marge von 24 bis 25 Prozent in Aussicht.
Zwei Bilanzzeilen sagen mehr als jede Prognose. Die Vorräte stiegen seit Jahresende von 1,46 auf 2,52 Milliarden Dollar – Kapazitätsaufbau vor der Auslieferung. Und die Vertragsverbindlichkeiten aus Anzahlungen und Meilensteinabrechnungen kletterten von 1,81 auf 3,63 Milliarden Dollar. Wer vorauszahlt, reserviert einen Fertigungsplatz: dasselbe Verhalten wie bei den Turbinenplätzen in Teil 2 und der Speicherzuteilung in Teil 3, nur eine Etage höher.
800 Volt Gleichspannung: Der zweite Teil des Umbaus
Die Kühlung ist die sichtbare Hälfte des Umbaus, die Stromverteilung die unsichtbare. Heute verteilen Racks intern 48 bis 54 Volt Gleichspannung – das funktioniert bis etwa 200 Kilowatt. Bei 600 Kilowatt wären es rund 12.500 Ampere, ein Megawatt-Rack bräuchte etwa 200 Kilogramm Kupfer allein für die Stromschienen. Die Antwort heißt 800 Volt Gleichspannung, verteilt bis dicht an den Prozessor. Nvidia hat dafür ein Ökosystem großer Elektrotechnikkonzerne um sich versammelt. Entscheidend ist der zweite Punkt: Die Spezifikationen werden in der Entwurfsphase festgelegt, danach wechselt kaum jemand den Lieferanten. Wer den Standard mitschreibt, bindet den Kunden für die gesamte Laufzeit.
Nvidia sitzt selbst in dieser Schicht
Der Konzern, um den die Serie kreist, verdient an dieser Etage mit: Im abgelaufenen Quartal, dem Q2 des Geschäftsjahres 2027, wuchs das Ethernet-Geschäft Spectrum-X auf das 2,6-Fache des Vorjahreswerts – eine eigene Umsatzzahl fürs Netzwerkgeschäft nennt Nvidia in der Mitteilung nicht mehr, im Analystengespräch war von einem Rekord und einem Plus von 18 Prozent gegenüber dem Vorquartal die Rede. Im Q1 lag die Zahl mit 14,8 Milliarden Dollar auf Rekordniveau. Das erklärt, warum das Umsatzpotenzial je Gigawatt Rechenzentrum von rund 18 Milliarden Dollar zu Hopper-Zeiten über 25 Milliarden mit Grace Blackwell auf rund 40 Milliarden mit Vera Rubin gestiegen ist: Der Zuwachs kommt nicht aus dem Preis des Beschleunigers, sondern aus dem, was zusätzlich im Regal steht.
Die NeoClouds: Sie bauen, was die Großen nicht können
Der belastbarste Nachfragebeleg stammt aus Nvidias Analystengespräch vom 26. August: Die Neocloud-Partner, die nach Nvidias DSX-Referenzdesigns bauen, hatten Ende 2025 rund drei Gigawatt installierte Kapazität. Ende 2026 sollen es acht sein. Neoclouds vermieten nichts als Rechenleistung und sind damit die reinsten Käufer dieser Schicht: Ein Hyperscaler schleppt luftgekühlte Altbauten mit sich, eine Neocloud baut auf der grünen Wiese.
Zur Einordnung: Neocloud-Anbieter füllen Rechenzentren mit Hochleistungs-Grafikprozessoren und vermieten die Rechenleistung an alle, die KI-Modelle trainieren wollen.
CoreWeave: Der Auftragsbestand und sein Preis
Der größte börsennotierte Vertreter legte am 11. August Zahlen vor: Umsatz plus 112 Prozent auf 2,58 Milliarden Dollar. Wichtiger ist der Auftragsbestand von 104 Milliarden Dollar, ein Plus von 246 Prozent – darin noch nicht enthalten: mehr als 25 Milliarden Dollar an Zusagen aus dem laufenden Quartal. Physisch: 1,5 Gigawatt aktive und rund 3,7 Gigawatt kontrahierte Leistung.
Der Preis steht in derselben Mitteilung: Investitionen von 35 bis 39 Milliarden Dollar für 2026 bei 12,4 bis 13,2 Milliarden Dollar Umsatzprognose – rund das 3-Fache des Jahresumsatzes. Unter dem Strich stand ein Quartalsverlust von 626 Millionen Dollar, allein der Zinsaufwand betrug 640 Millionen. Operativ trägt sich das Geschäft bereinigt bereits – das Problem sitzt nicht im Betrieb, sondern im Finanzierungsmodell: Wer die Aktie kauft, kauft die Wette, dass der Kreditmarkt offen bleibt, bis der Auftragsbestand in Umsatz übergeht.
Nebius: Das Preisschild je Megawatt
Der zweite Fall zeigt dieselbe Schicht von der Ertragsseite. Nebius meldete am 12. August 582 Millionen Dollar Quartalsumsatz, ein Plus von 454 Prozent, und ein bereinigtes EBITDA von 236 Millionen Dollar bei 41 Prozent Marge – nach Verlust im Vorjahr. Bis Jahresende sollen 800 Megawatt bis ein Gigawatt angeschlossen sein, das Ziel für kontrahierte Leistung wurde auf fünf Gigawatt angehoben – mehr als CoreWeaves 3,7 Gigawatt, bei einem Bruchteil der heute aktiven Basis. Interessanter ist eine Angabe aus dem Analystengespräch: Die vier Verträge des Quartals mit einem Volumen von je über einer Milliarde Dollar bringen 20 bis 25 Millionen Dollar je Megawatt und Jahr, und die Kunden zahlen 50 bis 60 Prozent der Investition im Voraus. Kapazität, die kurzfristig vergeben wird, ruft Nebius derzeit mit 40 bis 50 Millionen Dollar je Megawatt auf, und die erste Kapazitätsauktion räumte 15 Prozent über dem höchsten Preis, der je für Blackwell-Leistung verlangt wurde.
Damit lässt sich die Kette dieser Serie erstmals durchrechnen: Nvidia erlöst mit Vera Rubin rund 40 Millionen Dollar je Megawatt, einmalig für die Ausrüstung. Der Betreiber holt davon 20 bis 25 Millionen im Jahr wieder herein – vor Strom, Personal und Zinsen ist die Ausrüstung damit in weniger als zwei Jahren bezahlt; Nebius selbst nennt für die Abschlüsse des Quartals eine Amortisation von unter zwei Jahren. Die Gesamtinvestition des Betreibers liegt höher, weil Halle, Netzanschluss und Kühlung hinzukommen. Genau deshalb wird hier so bereitwillig vorausgezahlt, und genau hier bricht die These, wenn der Preis je Megawatt fällt.
Beide Titel sind etwas anderes als ein Ausrüster: Ein Ausrüster verkauft in den Ausbau hinein und trägt kein Auslastungsrisiko; die NeoCloud finanziert ihn und trägt dieses Risiko vollständig. Drei Dinge gehören auf die Rechnung: die Zinslast, bei CoreWeave zuletzt höher als der Nettoverlust; die Genehmigungen, die bei Nebius am Standort Vineland an der Kommunalpolitik hingen; und der Restwert der Beschleuniger, den für 2030 niemand kennt.
Die Schicht unter der Schicht: Wer den Ausbau finanziert
Weder Vertiv noch CoreWeave noch Nebius bezahlen den Ausbau aus dem laufenden Geschäft. Nvidia hat die Adressen dahinter am 10. August benannt und am 26. August bestätigt: Gemeinsam mit Apollo, BlackRock, Blackstone, Brookfield, Goldman Sachs und KKR hat der Konzern Absichtserklärungen für unabhängige Finanzierungsplattformen unterzeichnet, die mehr als 500 Milliarden Dollar an Drittkapital mobilisieren sollen. Verbindliche Verträge stehen noch aus. Das ist der unterschätzte Punkt dieser Serie: Wer Kühlung verkauft, verdient einmal je Halle. Wer die Halle finanziert, verdient über die gesamte Laufzeit – zweifach sogar, an der Verwaltungsgebühr und an der Erfolgsbeteiligung.
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Vier Termine, an denen sich die These überprüfen lässt
Erstens die Vertiv-Zahlen Ende Oktober: Erreicht der Konzern die organischen 34 bis 36 Prozent, und hält die Marge? Zweitens der Nvidia-Bericht Mitte bis Ende November: Weist der Konzern das Netzwerkgeschäft wieder mit einer eigenen Umsatzzahl aus, und wächst es schneller als das Rechenzentrumsgeschäft insgesamt? Drittens die ersten Serienaufträge für 800-Volt-Systeme – erst wenn diese Spezifikation in Bestellungen auftaucht, ist der Standardwechsel bezahlt und nicht nur beschlossen. Viertens die nächsten Quartalszahlen von CoreWeave und Nebius: Wächst die kontrahierte Leistung schneller als die Zinslast?
Bisher trugen in dieser Serie immer knappe Güter die Marge – zu wenig Strom, zu wenige Chips. Hier ist es etwas anderes: Ein Schrank zieht künftig 600 statt 40 Kilowatt, damit passt die alte Technik nicht mehr, und wer weiter mitspielen will, muss neu bauen. Das ist das Geschäft der Ausrüster, aber es hält nicht ewig und eine neue Fabrik steht in anderthalb Jahren. Wer den Ausbau dagegen finanziert, verdient nicht einmalig, sondern über die gesamte Laufzeit der Anlage.
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Am Montag setzt DER AKTIONÄR die Serie mit der finalen Schicht zu Modellen und Anwendungen fort.
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