28.03.2020 Martin Weiß

Kommentar von Franziska Schimke: Zeit für eine Rolle rückwärts

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DAX
Franziska Schimke, Börsenkorrespondentin Frankfurt
DER AKTIONÄR

Seit über zehn Jahren berichte ich live von der Börse über das tägliche Marktgeschehen. Das Börsenparkett in Frankfurt ist mein zweites Zuhause. Zu Beginn meiner Karriere ging es um Analystenkommentare, es ging um nackte Zahlen, Bilanzen. Wie ist ein Unternehmen aufgestellt? Welche Perspektiven sind gegeben? Seit dem Ausbruch des Coronavirus ist alles anders.

Früher bewegten sich Aktien moderat und waren trotzdem bereits das Tagesthema. Fast schon langweilig, wobei mir das erst im Nachhinein klar wurde. Wie so oft im Leben. Wenn eine Aktie einmal mehr als 3 Prozent in Bewegung war, wurde über „asiatische Verhältnisse“ gesprochen, Händler, Berichterstatter waren in Aufruhr.

2007, in meinem ersten Jahr, fuhr der DAX neue Bestmarken ein. Aktionäre wurden nach der Dotcom-Blase (2000) langsam wieder mutiger. Die Börse feierte wieder! Aber nur kurz. Denn darauf folgte nahezu umgehend die Lehman-Pleite und hatte die globale Banken- und Finanzkrise ab 2007 zur Folge.

Die Ursache für Crashs werden nach der Crash-Forschung durch externe/interne Schocks unterschieden. Diese Krisen waren also hausgemacht/intern. Dabei ist es der Wille nach Mehr, nach Höher, nach Weiter (die grenzenlose Gier), die die Player ungeahnte Wege einschlagen lässt.

Um das abzufangen wurde viel Geld gedruckt, die Notenbanken waren gefragt. In der jüngeren Vergangenheit waren es aber vor allem geopolitische Faktoren die das Börsengeschehen beherrschten. Also externe Crashs wie zum Beispiel der Handelsstreit zwischen den USA und China und 2020 das Corona-Virus.

So unbekannt das Virus ist, so unbekannt sind die Folgen für Wirtschaft und Börse. Darauf wird reagiert: mit Verunsicherung. Der Markt erlebt einen Crash historischen Ausmaßes.

Durch die Globalisierung arbeitet die Welt Hand in Hand. Aber „Hände schütteln“ ist in diesen Zeiten verboten. Das führt zu bislang für unmöglich gehaltenen Problemen. Lieferketten brechen auseinander, Bänder stehen still, Mitarbeiter bleiben zu Hause.

Es geht in diesen Zeiten nicht mehr um Zahlen, um Rekorde, um blendende Aussichten für ein Unternehmen. Heute geht es „um die Welt“ – und mit Blick auf die nähere Zukunft, auf die Art und Weise wie wir leben. Das könnte sich nachhaltig verändern.

Der Ruf nach einer neuen „Glokalisierung“, der Soziologe Roland Robertson prägte den Begriff und sieht Globalisierung und Lokalisierung in seiner Theorie im Gleichgewicht und nicht im Gegensatz zueinander, wird lauter und dürfte auch im Sinne der Anleger, aber auch der Berichterstatter sein.

Somit ist es vielleicht möglich zurück zum Ursprung zu gelangen mit der nötigen Innovation des 21. Jahrhunderts.

Heißt, ich wünsche mir wieder über moderate Kursreaktionen zu berichten, über Unternehmensnachrichten und Ausblicke, auch wenn ich das früher als langweilig empfand. Und nicht über ein unsichtbares Virus, das die Welt beherrscht und die Börsen durcheinander wirbelt und die Notenbanken zwingt mit Geld um sich zu schmeißen, als gäbe es kein Morgen.

Wir wissen doch alle: Geld allein macht nicht Glücklich. Ihre und meine Gesundheit ist nämlich unbezahlbar.

Bleiben Sie gesund

Franziska Schimke

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