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03.02.2020 Andreas Deutsch

Dr. Jens Ehrhardt: "Der DAX kann auf 16.000 Punkte steigen"

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DAX

Börsenlegende Dr. Jens Ehrhardt sieht trotz politischer Risiken gute Chancen für Aktien. Besonders Deutschland gefällt ihm.

Fondsmanager, Vermögens­ver­walter, Börsenbriefautor: Dr. Jens Ehrhardt hat viele Talente. Im Jahr 1972 gründete Ehrhardt die Dr. Jens Ehrhardt Vermögensverwaltung. Seit 2008 heißt die Firma DJE Kapital AG. Sitz ist Pullach bei München. Der Flaggschifffonds FMM-Fonds wurde 1987 als erster Vermögensverwalter-Fonds Deutschlands aufgelegt. Seit Auflage hat der FMM-Fonds 1.100 Prozent zugelegt, während der Vergleichsindex MSCI World nur auf 345 Prozent kommt.
Dr. Jens Ehrhardt

DER AKTIONÄR: Herr Dr. Ehrhardt, Zollstreit, Brexit, Trumps Scharmützel mit der Fed – 2019 hatte es für Anleger in sich. Wie fällt Ihre Analyse aus?

Dr. Jens Ehrhardt: 2019 war ein sehr politisches Börsenjahr. Die amerikanische Notenbank begründete ihre drei überraschenden Zinssenkungen nicht mit einer Verschlechterung der US-Konjunktur, sondern mit der im Zuge des Handelskriegs belasteten Weltkonjunktur beziehungsweise der Verminderung des Welthandels. Das letzte Mal setzten die Amerikaner derart massive Zollerhöhungen im Zuge der Weltwirtschaftskrise durch. Schon damals zeigten die Maßnahmen keinen Erfolg, sondern verschlimmerten die Krise.  

Was ist besonders problematisch an den Zöllen? 

Sie führen zur Konsumentenpreis-Inflation in den USA, was die Reallöhne schwächt und den für die US-Konjunktur extrem wichtigen Konsum dämpft. Während die US-Konjunktur durch einen relativ niedrigen Exportanteil gekennzeichnet ist, wurden die exportlastigen Schwellenländer durch die Zölle mehr belastet.  

Trotz der belastenden Faktoren sind wichtige Indizes aber sehr gut gelaufen.  

Ohne die politischen Belastungen hätten die Weltbörsen im laufenden Jahr sicher besser abgeschnitten. Viele Anleger haben 2019 taktisch vorsichtig agiert. Das Ungewöhnliche am Börsenjahr 2019 ist, dass zwar neue Höchstkurse erreicht wurden, die Anzahl der Einzelaktien, die auf historischem Hoch notieren, dagegen auffällig gering ist. Trotz neuer Indexhochs gibt es nicht mehr Titel mit neuem Jahreshoch als Titel mit neuem Jahrestief. Dieser Gegensatz erklärt sich aus dem zunächst weiter guten Abschneiden der schon in den letzten Jahren stark angezogenen Wachstumsaktien, während die seit längerer Zeit vernachlässigten Value- und Dividendentitel erst im vierten Quartal wiederentdeckt wurden.  

Wie zufrieden sind Sie als Investor mit 2019? 

Man musste 2019 einen geschickten Favoritenwechsel vornehmen, wenn man die Aktienindizes erreichen wollte. Aus dieser Sicht sind wir mit den Ergebnissen unserer Fonds, die immer defensiv ausgerichtet sind und die Vorzüge der preiswerten Value-Aktien zu schätzen wissen, im Jahre 2019 durchaus zufrieden. 

"Zinsen und Liquidität sollten auch 2020 positiv sein."

Dr. Jens Ehrhardt

Welche Investments haben Ihre Erwartungen übertroffen, welche nicht?

Im ersten Halbjahr haben unsere Investments in Wachstumsaktien in den USA die Erwartungen übertroffen. Im zweiten Halbjahr haben sich die zuvor stark vernachlässigten Value-Aktien erfreulicherweise zurückgemeldet. Enttäuscht waren wir von unseren Investments in Hongkong, wo die gewalttätigen Auseinandersetzungen unerwartet stark sind. Allerdings haben wir weitgehend in Titel investiert, die in ihren Aktivitäten nicht oder nur wenig von der Situation in Hongkong abhängig sind, sodass solche Titel heute deutlich unterbewertet erscheinen. 

Worauf müssen wir uns 2020 einstellen? 

Ich rechne damit, dass 2020 monetär weiter gelockert wird und die für mich wichtigste Aktienmarkt-­Komponente, Zinsen und Liquidität, auch 2020 positiv sein wird. Wichtig dabei ist, dass Trump nicht neue Probleme für den Welthandel bereitet. Im Wahljahr dürfte er sich aber mit Zollmaßnahmen zurückhalten. Einschränkungen des Welthandels schaden auch der US-Konjunktur. Trump muss aber versuchen, die zuletzt fast stagnierende US-Konjunktur bis zur Wahl im November kräftig anzukurbeln. Nur ein Präsident mit guter Wirtschaftsentwicklung wird wiedergewählt. Aus dieser Sicht könnte 2020 politisch ein einfacheres Börsenjahr werden.  

Das heißt, das Thema Handelskrieg können wir abhaken? 

Langfristig keineswegs. Die Amerikaner werden weiter versuchen, das überdurchschnittliche chinesische Wirtschaftswachstum zu dämpfen. Wir befanden uns 2016 konjunkturell in einer ähnlichen Situation. Damals kurbelten die Chinesen mit fiskalpolitischen Maßnahmen und einer sehr hohen Neuverschuldung die Wirtschaft wieder an. Dies hatte für die Weltkonjunktur sehr positive Ausstrahlungen. China bestritt zuletzt rund die Hälfte der weltweiten Investitionen. Allerdings stößt die Verschuldung des Reiches der Mitte langsam an Grenzen, sodass man weder monetär noch fiskalpolitisch so stark Gas gibt wie 2016. Ein neuer internationaler Konjunkturaufschwung wird diesmal also weniger von China ausgehen. Eher könnten die Amerikaner mit ihrer neu begonnenen Politik des Gelddruckens und mit ihrem höchsten Staatsdefizit in Friedenszeiten für eine Wiederbelebung der amerikanischen, aber auch der internationalen Konjunktur sorgen.  

Was spricht noch für Aktien? 

Die niedrige Aktienquote der Anleger dürfte positiv sein. 2019 war nach 2016 das Jahr mit den höchsten Aktienfonds-­Rückgaben und Aktien-ETF-Verkäufen. Hier sollte es 2020 zu einer positiven Gegenbewegung in Richtung Aktien kommen.  

Sie haben im FMM-Fonds Gold hoch gewichtet. Wie wichtig wird das ­Edelmetall für Anleger 2020?

Ich denke, dass 2020 ein gutes Jahr für Edelmetallanleger sein wird. Besonders Gold-Aktien haben sich seit langer Zeit wesentlich schlechter entwickelt als das Gold selbst. Dies hat zu einer starken relativen Unterbewertung geführt. Auch die Bilanzen vieler Goldunternehmen sehen heute wesentlich besser aus als in der Vergangenheit, wo man bei Übernahmen viele Schulden auf sich genommen hatte.  

Der wichtigste Bestimmungsfaktor für das zinslose Gold dürfte der heute fehlende Realzins sein. Bei immer noch circa elf Billionen Dollar Negativzinsen weltweit dürfte die Goldanlage interessanter sein als Staatsanleihen.  

Negativ ist, dass zuletzt die Inder und Chinesen kaum physisches Gold kauften und der Preisauftrieb durch ETF-Käufe westlicher Finanzinvestoren zustande kam. Eine weitere Konsolidierung ist deshalb realistisch. Im Jahresverlauf sollten die Chinesen und Inder aber erneut als Käufer auftreten.  

Was trauen Sie dem DAX zu?  

Der DAX entwickelt sich seit 20 Jahren – bezogen auf stark steigende Gewinne und Dividenden – schlecht. Aus dieser Sicht sind deutsche Aktien weltweit neben japanischen im Vergleich zu festverzinslichen Papieren am meisten unterbewertet. Der DAX hat viele Value-Aktien und im Gegensatz zu den US-Indizes wenige Wachstumstitel. Bei einer Konjunkturerholung sollten die deutschen Value-­Aktien im internationalen Vergleich relativ stark profitieren. Fundamental, monetär und markttechnisch halte ich neue Allzeithochs im DAX bis circa 16.000 Punkte für realistisch. Der DAX wurde bisher von den institutionellen auslän­dischen Anlegern gemieden wegen der extremen deutschen Exportabhängigkeit und wegen des schlechten Abschneidens des Euro. Hier ist ein Umdenken der internationalen Anleger zugunsten des DAX möglich. Die Negativ-Folgen einer grün-rot-roten Regierung sollte man allerdings nicht unterschätzen. Demontiert man die soziale Marktwirtschaft, ist ein Umdenken ausländischer Anleger realistisch. 

Hollywood in Pullach: Den Stern gab es zum 40-jährigen Firmenjubiläum vor fünf Jahren.

Wie viel Potenzial haben ­amerikanische Aktien?

Amerikanische Aktien sind zwar teurer als in anderen Ländern, haben dafür aber höheres Wachstum und – noch wichtiger – die Unternehmen selbst kaufen in Höhe von Billionen Dollar ihre eigenen Aktien und waren damit der Haupt-Kurstreiber der letzten zehn Jahre. Hier sind zwar Abschwächungen zu beobachten, aber immer noch auf sehr hohem Niveau.

Welche Branchen favorisieren Sie?  

Besonders preiswert erscheinen mir deutsche Versorger und japanische Eisenbahn-Aktien. Aber auch zyklische Titel, wie Halbleiter, dürften vor deut­lichen Erholungen stehen. 

Und was würden Sie derzeit nicht anfassen? 

Die lange favorisierten Qualitäts-Konsum-Aktien erscheinen mir zurzeit unterdurchschnittlich aussichtsreich. Diese Titel, die sich zum Beispiel durch Stetigkeit in der Gewinn- und Dividendenzahlung auszeichnen, sind im historischen Vergleich so teuer wie noch nie. Hier könnte es Umschichtungen in zyklische Bereiche geben. 

Sie sind seit über 50 Jahren an der Börse, haben etliche Hochs und Tiefs erlebt. Was hat Sie als Investor am meisten geprägt? 

Ich denke, die wichtigste Erfahrung an der Börse ist, dass die Wahrscheinlichkeit für eine Fortsetzung des Trends im Allgemeinen größer ist als die Wahrscheinlichkeit für eine Umkehr. Man muss deshalb mit antizyklischen Investitionen vorsichtig sein. Trotzdem gibt es Trendwechsel, die sehr gefährlich werden können. Deshalb ist eine defensive Anlagestrategie, die zuallererst auf Risikovermeidung aus ist, nach meiner Meinung wichtig. Am meisten beeindruckt hat mich der Crash im Herbst 1987. Aus markttechnischer Sicht war dieser wohl schärfste Börseneinbruch der Neuzeit allerdings voraussehbar. Das hat mir das Gefühl gegeben, dass meine Börsenindikatoren funktionieren, denn mit denen hatte ich den Crash vermieden.  

Sie haben einmal gesagt, Sie wüssten, dass es auch ohne Sie ginge. Jemand, der so lange am Markt ist, kann der wirklich ohne Börse? 

Ich bin zuversichtlich, dass meine Firma auch ohne mich gute Leistung bringen wird. Trotzdem ist die Börse mein Lebenselixier und macht mir nach wie vor so viel Freude, dass ich auf keinen Fall ans Aufhören denke. Ich finde die Arbeit an der Börse spannender als Kreuzfahrtreisen.

Das von Andreas Deutsch geführte Interview ist zunächst in der Sonderausgabe Edition 1/20 von DER AKTIONÄR erschienen, die Sie hier als PDF gesamt herunterladen können.

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