Der Private-Equity-Investor Mutares legt zum Jahresauftakt eine hohe Aktivität an den Tag und meldet sowohl Exit-Transaktionen als auch Zukäufe. Vor allem eine strategische Übernahme im Chemiebereich und mit 2,5 Milliarden Dollar Jahresumsatz gleichzeitig größter Zukauf der Firmengeschichte des SDAX-Konzerns lässt aufhorchen. DER AKTIONÄR hat bei Mutares-CIO Johannes Laumann nachgefragt.
DER AKTIONÄR: Herr Laumann, Mutares hat zum Jahresstart eine ganze Serie bedeutender Transaktionen – Exits, Akquisitionen und sogar die Schaffung eines neuen Segments gemeldet. Ziemlich viel Bewegung für die eigentlich ruhigere Zeit um den Jahreswechsel?
Johannes Laumann: Das ist richtig, aber das ist für unser Geschäft normal. Insgesamt war der Dezember inklusive Jahreswechsel für uns sehr intensiv. Aber die harte Arbeit hat sich gelohnt. Wir haben mit GDL Anläggning & Miljö, dem Kranbereich von Jost und Hwaseung Special Rubber und Hwaseung Auto Parts von der koreanischen Hwaseung drei Akquisitionen geclosed und mit Venator Pigments France und dem Bereich Gas Solutions von Wärtsilä haben wir Vereinbarungen unterzeichnet. Alles zusammengerechnet geht es um circa 570 Millionen Euro Umsatz, wobei der Wärtsilä-Deal mit 300 Millionen Euro Umsatz aus meiner Sicht ein Mega-Deal ist und dabei herausragt.
Sie haben vor etwa einem Jahr Exiterlöse von mehr als 200 Millionen Euro als Ziel kommuniziert. Haben Sie diese ambitionierte Marke erreicht?
Nach den jüngsten überaus erfolgreichen Exits bei Steyr Motors, der Platzierung von Terranor-Aktien und den Verkäufen von Fuentes und Conexus in den zurückliegenden Wochen, dem Teilverkauf von zwei Buderus-Geschäftsbereichen an GMH im November und nun dem Verkauf von Kalzip haben wir unser kommuniziertes Exit-Ziel übererfüllt. Damit haben wir einmal mehr gezeigt, dass wir wie versprochen gezielt Werte schaffen und diese zum richtigen Zeitpunkt realisieren.
Sie haben den jüngst gemeldeten Exit bei Kalzip bereits angesprochen. Warum ist jetzt der richtige Zeitpunkt für den Verkauf?
Kalzip befindet sich heute in einer ganz anderen Liga als bei unserem Einstieg 2018. Damals war das Unternehmen Teil einer Sondersituation nach der Abspaltung von Tata Steel Europe. Wir haben Kalzip innerhalb der Donges Group neu aufgestellt, operative Exzellenz implementiert, internationale Synergien genutzt und die Profitabilität deutlich verbessert. Nach nunmehr sieben Jahren im Mutares-Portfolio ist das Unternehmen strategisch, operativ und kulturell vollständig transformiert. Das ist genau der optimale Exit-Zeitpunkt für uns.
Warum passt Tremco CPG als Käufer?
Tremco CPG ist Teil von RPM International, einem der weltweit führenden Anbieter von Bauprodukten. Strategisch ist das ein perfekter Fit: gleiche Industrien, komplementäre Technologien, internationale Skalierungsmöglichkeiten. Daher sind wir überzeugt, dass Kalzip dort die nächste Wachstumsphase auf internationaler Bühne optimal realisieren kann.
Parallel dazu expandiert Mutares im Bereich E-Commerce. Was ist die Logik hinter der Akquisition von Mimovrste und Mall.hr?
Diese Transaktion ist eine klassische Plattforminvestition. Mimovrste ist die führende E-Commerce-Plattform in Slowenien mit über 600.000 aktiven Kunden, Mall.hr gehört in Kroatien zu den Top 5. Gemeinsam sprechen wir von rund 100 Millionen Euro Umsatz und einer hochskalierbaren Technologieplattform, die starke lokale Marken mit moderner Infrastruktur, einem leistungsfähigen Logistiknetzwerk und enger Anbindung an regionale Lieferketten kombiniert. Wir sehen hier ein enormes Wertschöpfungspotenzial, sowohl auf operativer Ebene als auch durch weitere Add-on-Akquisitionen Des Weiteren können wir die Plattform nutzen, um Produkte innerhalb unseres Portfolios prominent zu vermarkten, wie zum Beispiel für keeeper oder Prenatal.
Kommen wir zur wohl bedeutendsten Meldung, der Übernahme des Engineering Thermoplastics-Geschäfts von SABIC. Was bedeutet dieser Deal für Mutares?
Das ist ein echter Meilenstein, allein schon aufgrund der Umsatzdimension. Gemessen am Jahresumsatz von 2,5 Milliarden Dollar ist es die größte Transaktion unserer Unternehmensgeschichte und markiert die Geburt eines weiteren strategischen Segments „Chemicals & Materials“.
Warum ist dieses Geschäft für Mutares so attraktiv?
Das Engineering Thermoplastics-Geschäfts (ETP) von SABIC ist ein globaler Marktführer in verschiedenen Spezialchemiebereichen mit einer exzellenten industriellen Plattform und enormer Innovationskraft. ETP ist beispielsweise zweitgrößter Polycarbonat-Produzent weltweit, führender Anbieter von Acrylnitril-Butadien-Styrol-Harz und einziger Polybutylenterephthalat-Produzent in den USA. Wir kaufen also einen führenden Player im Bereich der thermoplastischen technischen Kunststoffe, der zudem über eine starke Markenbasis verfügt und eine hohe Kunden-Diversifikation in den Bereichen Automobilindustrie, Bauwesen und Konstruktion, Konsum, Elektro- und Elektronikindustrie sowie im Gesundheitswesen aufweist, was uns außergewöhnliche Skalierungsmöglichkeiten eröffnet.
Rund zwei Drittel der der Umsätze werden in Nord- und Südamerika erzielt, der Rest in Europa. Jetzt gehört europäische Chemie nicht gerade zu den industriellen Zugpferden, hier werden eher Kapazitäten abgebaut.
Das ist richtig, aber hier geht es zum einen um Spezialchemie und Hochleistungswerkstoffe, die in verschiedensten Branchen essenziell sind. Vor allem aber verfolgen wir hier eine ähnliche Strategie wie im Automotive-Bereich. Wir formen bewusst internationale Champions, um regionale Marktschwächen zu kompensieren und unserer Kundschaft das optimale globale Setup in Sachen Qualität und Lieferfähigkeit bieten zu können. Das ist auch der Weg im Bereich Chemicals & Materials. Des Weiteren ist das US-Geschäft auch aufgrund von Zöllen sehr stabil und aus unserer Sicht kurz- und mittelfristig deutlich profitabler zu bekommen als in Europa. Mit Blick auf einen späteren Exit haben die US-Aktivitäten einen weiteren Pluspunkt. In den USA lassen sich doppelt so hohe Multiples erzielen als etwa in Europa.
Ein Enterprise Value in Höhe von 450 Millionen Dollar klingt nach viel, was davon sind Schulden, was tatsächlicher Kaufpreis?
Darüber wurde Stillschweigen vereinbart. Aber Sie wissen ja, dass wir nicht dafür bekannt sind, hohe Kaufpreise zu bezahlen. Gehen Sie davon aus, dass die Kaufpreisgestaltung Mutares-like ist.
Sie glauben an Wachstum bei ETP, was sind die wichtigsten Geschäftstreiber?
Auf jeden Fall. ETP ist in wachstumsstarken Märkten für Spezial- und Hochleistungskunststoffe aktiv. Treiber sind unter anderem die Premiumisierung im Konsumgüterbereich, der Aufschwung im Bau mit steigender Rechenzentrumsnachfrage, starke Trends in Elektronik sowie Medizintechnik und auch der Wandel zur Elektromobilität. Der adressierbare Markt umfasst rund 4.000 kt und wächst branchenübergreifend circa drei Prozent pro Jahr. Das sind ideale Bedingungen für einen Marktführer.
Können Sie etwas über die operativen Margen bei ETP sagen und wie sich diese in den nächsten Jahren entwickeln sollen?
ETP liegt aktuell auf adjusted Basis im mittleren einstelligen Prozentbereich bei der EBITDA-Marge. Über Volumen- und Kostensenkungseffekte erwarten wir in etwa eine Vervierfachung bis zum Ende des Jahrzehnts.
Ist ETP ein potenzieller Kandidat für einen Börsengang nach dem Beispiel von Steyr Motors oder Terranor?
Ein Börsengang ist immer eine Option, die wir parallel zum Verkauf an Strategen regelmäßig in Betracht ziehen. Lassen Sie es mich so ausdrücken, die Schlagzeile, dass Mutares einen Spezialchemie-Spezialisten mit drei Milliarden Dollar Umsatz an die Börse bringt, hat einen gewissen Reiz. Aber dazu müssen wir erst unsere Hausaufgaben machen. Vor Ende des Jahrzehnts ist das vermutlich kein Thema, aber man weiß ja nie.
Was dürfen Investoren von Mutares in näherer Zukunft erwarten?
Wir bauen Mutares in eine neue Dimension, mit größeren Plattformen, höherer internationaler Präsenz, einer starken operativen Steuerung und wir verfolgen gleichzeitig eine weiterhin sehr aktive Exit-Strategie. Auch im Jahr 2026 werden wir wieder sehr dealfreudig sein. Die Anzahl von Käufen und Verkäufen wird sich hierbei die Waage halten.
Die Übernahme des ETP-Geschäfts von SABIC ist allein aufgrund der Größe sicherlich ein Meilenstein für Mutares. Alleine das Amerika-Geschäft erscheint vielversprechend. Der Rekordzukauf dürfte sich zunächst deutlicher bei den Consulting-Erlösen für Mutares bemerkbar machen. Beim gemeldeten Verkauf von Kalzip geht DER AKTIONÄR von Erlösen im Bereich von 30 Millionen Euro aus. Mutares hat dadurch einmal mehr gezeigt, dass das Geschäftsmodell die erwarteten Renditen bringt.
08.01.2026, 15:43