Der jüngste Abschwung am Krypto-Markt wirkt auf den ersten Blick unspektakulär. Es gibt keine medienwirksamen Pleiten, keine geflohenen Gründer und keine neuen Verbote durch Aufseher. Dennoch erleiden die großen Handelsplattformen der Branche Verluste, die an die schlimmsten Krisenzeiten erinnern.
Während Bitcoin seit seinem Rekordhoch im Oktober um rund 35 Prozent nachgegeben hat, trifft es die Betreiber der Börsen deutlich härter. Die Aktien von Schwergewichten wie Coinbase Global, Gemini und Bullish sind in den vergangenen drei Monaten um 40 bis 55 Prozent eingebrochen. Der Grund: Das Herzstück ihres Geschäftsmodells, das Handelsvolumen, trocknet aus. Analysten korrigieren ihre Erwartungen derzeit massiv nach unten.
Das Gebührenmodell wackelt
Die meisten Plattformen generieren den Großteil ihrer Einnahmen aus Transaktionsgebühren. Bleiben die Trader fern, sinken die Gewinne sofort. Bei Coinbase könnte das Handelsvolumen im vierten Quartal im Vergleich zum Vorjahr um 40 Prozent auf 264 Milliarden Dollar geschrumpft sein, schätzt Owen Lau, Analyst bei Clear Street. Die Daten aus dem Januar signalisieren eine weitere Verschlechterung. Das aktuelle Tempo deutet darauf hin, dass das Volumen in diesem Quartal weniger als die Hälfte des Vorjahresniveaus erreichen könnte.
Für Anleger, die Krypto-Aktien als Ersatz für direkte Investments in digitale Assets nutzen, ist das eine schmerzhafte Lektion. Selbst moderate Preisrückgänge bei Bitcoin führen zu überproportionalen Umsatzverlusten, wenn die Aktivität der Kleinanleger versiegt. Der jüngste Rutsch des Bitcoin unter die Marke von 80.000 Dollar verstärkt die Sorge vor einer dauerhaften Abwanderung der Investoren.
In Aufwärtsphasen treibt die Angst, etwas zu verpassen (FOMO), die Massen in den Markt. Laut Peter Christiansen, Analyst bei der Citigroup, fehlt derzeit jedoch jedes Momentum. Bitcoin verzeichnete im Januar ein Minus von fast 11 Prozent. Es ist der vierte Verlustmonat in Folge – die längste Durststrecke seit dem Platzen der Blase im Jahr 2018.
Warten auf Washington
Dieser Zyklus unterscheidet sich grundlegend von früheren Krisen. Während der Zusammenbruch von FTX im Jahr 2022 Panik auslöste, herrscht heute eher Desinteresse. Die Trader fliehen nicht vor einer Katastrophe, sie klinken sich schlicht aus. Ein entscheidender Faktor für die Rückkehr der Aktivität könnte die Politik sein.
Bisher stecken wichtige Gesetze zur Marktstruktur in den USA fest. Das lässt sowohl Börsen als auch institutionelle Anleger in einer rechtlichen Grauzone zurück. Am heutigen Montag treffen sich Vertreter der Branche im Weißen Haus, um über einen Kompromiss für ein neues Krypto-Gesetz zu beraten. Solange hier keine Klarheit herrscht, dürften viele Akteure an der Seitenlinie bleiben. Diversifizierungsversuche der Börsen in Bereiche wie die Verwahrung von Digitalassets federn den Sturz zwar etwas ab, können das Loch bei den Handelsgebühren aber nicht füllen.
Die Krypto-Börsen erleben derzeit einen "Bärenmarkt der Erschöpfung". Da spektakuläre Schocks fehlen, bleibt auch der reinigende Gewittereffekt aus. DER AKTIONÄR setzt daher aktuell auf keine der obengenannten Aktien.
Heute, 14:58