Die Europäische Zentralbank hat die Zinsen in der Eurozone am Donnerstag wie erwartet bei zwei Prozent belassen. Deutlich spannender als die Entscheidung selbst waren jedoch einmal mehr die Worte von EZB-Präsidentin Christine Lagarde zum weiteren Kurs der Geldpolitik. Ökonomen erwarten im Jahresverlauf weiterhin Zinsanhebungen. Der DAX zog nach dem Zinsentscheid leicht an.
Es ist das siebte Mal in Folge, dass die Währungshüter in Frankfurt den Einlagenzins bei 2,0 Prozent belassen. Doch die Idylle trügt. Der Iran-Krieg hat die Energiemärkte in Aufruhr versetzt. Die Folge: Im April schossen die Verbraucherpreise im Euroraum nach ersten Schätzungen von Eurostat auf 3,0 Prozent nach oben – nach 2,6 Prozent im März. Damit entfernt sich die EZB immer weiter von ihrem erklärten Stabilitätsziel von 2,0 Prozent.
Lagarde in der Zwickmühle
Die Notenbank steht vor einem klassischen Dilemma. „Je länger der Krieg anhält und je länger die Energiepreise auf hohem Niveau bleiben, desto stärker wird sich dies voraussichtlich auf die allgemeine Inflation und die Wirtschaft auswirken“, hieß es im Statement der Notenbank.
Erhöht die EZB die Zinsen zu aggressiv, riskiert sie, die ohnehin schwächelnde Konjunktur (Wachstum im Euroraum im Q1 nur magere 0,1 Prozent) vollends abzuwürgen. Reagiert sie zu spät, droht eine Lohn-Preis-Spirale wie nach dem Ukraine-Schock 2022. Das Schreckgespenst der „Stagflation“ – stagnierende Wirtschaft bei hoher Inflation – kehrt an die Börse zurück.
Das sagen die Volkswirte
Mark Wall, Chefvolkswirt für Europa bei der Deutschen Bank, teilte anschließend mit: „Wie erwartet hat die EZB die Leitzinsen unverändert gelassen. In der begleitenden Erklärung wird jedoch auf eine Zunahme der Risiken hingewiesen. Diese sind symmetrisch verteilt: Aufwärtsrisiken für die Inflation und Abwärtsrisiken für das Wachstum.“
Edward Hutchings, Head of Rates bei Aviva Investors, kommentierte hingegen: „Die heutige Entscheidung der EZB, die Zinsen bei 2,00 Prozent zu belassen, war vollständig erwartet worden. Mit Blick auf die nächste Sitzung im Juni bleibt die Lage für den EZB-Rat jedoch von Unsicherheit geprägt, da er den Balanceakt zwischen höherer Inflation und schwächerem Wachstum meistern muss. Die Inflationserwartungen infolge des Konflikts mit dem Iran steigen bereits an, und sollten sie anhalten, dürfte eine Zinserhöhung um 0,25 Prozent und möglicherweise darüber hinaus sehr wahrscheinlich werden.“
An den Märkten bisher bis zum Jahresende noch drei Leitzinserhöhungen um je 0,25 Prozentpunkte erwartet. Damit könnten die Zinsen zeitnah angehoben werden, was Gift für die Börsen wäre.
Der DAX zog in einer ersten Reaktion nach dem EZB-Zinsentscheid weiter an. Im Fokus steht nun Lagardes Rede. In den ersten Minuten wiederholte die EZB-Präsidentin zunächst die geldpolitischen Beschlüsse. Außerdem betonte Sie, dass fiskalische Maßnahmen gegen die hohen Energiepreise temporär und zielgerichtet sein müssten und unterstrich die Notwendigkeit von Reformen, um die Wettbewerbsfähigkeit des Euro-Raums zu steigern.
Heute, 14:45