Wie zwei Gründer, ein (sehr) langjähriger Aufsichtsrat und eine unkritische Wirtschaftspresse deutschen Anlegern den Boden unter den Füßen wegziehen. Meine Gedanken zum BioNTech-Skandal.
Der 9. November 2020. Mitten in der Coronapandemie. US-Pharma-Riese Pfizer und das deutsche Unternehmen BioNTech veröffentlichen die Zwischenergebnisse ihrer Phase-3-Studie in Sachen Corona-Impfstoff: Wirksamkeit: über 90 Prozent! Der Befreiungsschlag. Das Licht am Ende des Tunnels. Erleichterung, Bewunderung und Fantasie kennen keine Grenzen. BioNTech und seine Gründer Uğur Şahin und Özlem Türeci sind die Helden der Stunde. Die Menschen haben wieder Hoffnung, der Aktienmarkt haussiert, die BioNTech-Aktie kennt kein Halten mehr. Der Beweis, dass die mRNA-Technologie beim Menschen tatsächlich funktioniert, ist erbracht. Ab jetzt lautet das Versprechen: Zuerst besiegen wir Corona, dann besiegen wir den Krebs!
Der 10. März 2026. Ebenfalls auf seine Weise historisch. Uğur Şahin und Özlem Türeci geben bekannt, BioNTech bis Ende 2026 zu verlassen, um ein neues, unabhängiges mRNA-Unternehmen zu gründen. Sie erfüllen noch ihre Verträge. Mehr aber auch nicht. Der Clou: Das neue Start-up wird keine Tochtergesellschaft. BioNTech erhält lediglich eine Minderheitsbeteiligung. Das war es dann mit dem Versprechen. Das mittlerweile „langweilige“ Comirnaty-Geschäft bleibt beim Konzern, die Fantasie wandert ins Start-up. Entsprechend klar und harsch die Reaktion des Marktes: minus 20 Prozent für die Aktie!
Wie ist das zu bewerten? Ein Schlag ins Gesicht der Aktionäre oder eine zu akzeptierende Lebensentscheidung von zwei begeisterten Forschern?
Natürlich sind wir ein freies Land. Auch als Gründer oder Vorstand muss man sich nicht sein Leben lang an ein Unternehmen fesseln. Aber der Kapitalmarkt basiert auf Vertrauen. Wer soll einem Unternehmen noch Geld geben, wenn die neue Einstellung lautet: „Wenn es wirklich spannend wird, dann ziehen wir weiter!“? Somit ist der Schritt der beiden für den Kapitalmarkt ein Desaster. Mit Ansage. Mit Vorsatz. Offenbar seit 18 Monaten, seit Mitte/Ende 2024 vorbereitet! So zumindest Uğur Şahin in Interviews. Ein Aufsichtsrat, der das kritiklos durchwinkt, ist keinen Cent wert. Helmut Jeggle und Michael Motschmann (beide seit 2008) sind nach meinem Compliance-Verständnis auch schon sehr lange im Amt! Seit 2022 hält man in Deutschland zwölf Jahre für das Maximum – nur dummerweise notiert BioNTech in den USA.
Medien, die das feiern, haben das Signal nicht verstanden. BioNTech wollte die Medizin revolutionieren. Dummerweise findet die Revolution künftig ohne die Aktionäre statt. Die Gründer, beide Milliardäre, sind offenbar nicht reif für die Börse. So etwas macht man nicht. Nicht so. Da fehlt mir das Verantwortungsbewusstsein. Ihr eigenes Vermögen kann den beiden egal sein, aber es geht nicht nur um sie. So gehe ich nicht mit einem Unternehmen um. Und nicht mit meinen Mitarbeitern. Und nicht mit den Menschen, die mir das Geld gegeben haben. Den Aktionären. Niemand hat BioNTech einfach so gekauft. Wer die Aktie gekauft hat, der tat dies im Glauben an die Genialität des Ehepaars: „Wir besiegen den Krebs!“ Das war die Losung! Und jetzt? Das Vertrauen ist erschüttert. Was ist BioNTech ohne die beiden? Was am Ende des Tages für die leidgeprüften BioNTech-Aktionäre, wie auch mich, bleibt: ein börsennotiertes Unternehmen mit überschaubarer Fantasie und ein Start-up mit Interessenkonflikten ohne Ende. Für die Allgemeinheit: die Hoffnung, dass das Paar auch den Krebs eines Tages wirklich besiegen kann – wo auch immer. Kein guter Tag für die Anlegerkultur in Deutschland!
Hinweis auf Interessenkonflikte:
Der Vorstand und Mehrheitsinhaber der Herausgeberin Börsenmedien AG, Herr Bernd Förtsch, ist unmittelbar und mittelbar Positionen über die in der Publikation angesprochenen nachfolgenden Finanzinstrumente oder hierauf bezogene Derivate eingegangen, die von der durch die Publikation etwaig resultierenden Kursentwicklung profitieren können: BioNTech.
19.03.2026, 08:22