Der wichtigste Preismesser der Branche ist erstmals unter einen Dollar gefallen. Der Handelstisch von Goldman Sachs warnt vor einem Überangebot an Rechenkapazität. Die Gegenrechnung ist allerdings ebenso plausibel.
Ende August schloss der LLM Token Expenditure Index bei 97 Cent je Million Token. Der Index von Silicon Data notierte so tief wie nie seit dem Start Ende vergangenen Jahres – und bei weniger als der Hälfte des Sommerhochs. Ein Token ist die kleinste Abrechnungseinheit eines Sprachmodells, grob ein Wortteil. Entscheidend ist, was der Index misst: nicht Listenpreise, sondern den nach tatsächlichem Verbrauch gewichteten Effektivpreis über den Markt hinweg. Er zeigt, was wirklich gezahlt wird.
Goldman Sachs: Die Rechnung des Handelstischs
Der Delta-One-Desk von Goldman Sachs hat daraus eine Kundenwarnung gemacht. Die Mechanik dahinter ist simpel: Umsatz ist Preis mal Menge. Fällt der Preis je Token schneller, als das verbrauchte Volumen wächst, schrumpft der Erlös der gesamten Rechenkette – obwohl die Rechenzentren für mehr gebaut wurden. Dann, so Goldman, würden Phasen eines Überangebots an Rechenkapazität plausibel.
Meta: Der Preisdruck hat einen Namen
Wie schnell das geht, zeigte Meta: Muse Spark 1.3 liegt im Index von Artificial Analysis auf Rang 6 von 636 Modellen und kostet 1,25 Dollar je Million eingehender sowie 4,25 Dollar je Million ausgehender Token. Zuckerberg nannte die Leistung fast zu billig, um sie noch abzurechnen. Es ist die vierte Modellversion in fünf Monaten. Wer so taktet, verteidigt keine Preise.
Der Schluss ist allerdings nicht zwingend. Erstens ist der Index verbrauchsgewichtet: Er fällt auch dann, wenn günstige Modelle Marktanteile gewinnen, ohne dass die Nachfrage schwächer wäre. Zweitens hat derselbe Handelstisch vor gut einer Woche mit Blick auf China das Gegenteil betont: Dort setzen sinkende Stückkosten so viel neuen Verbrauch frei, dass die Nachfrage nach Rechenleistung insgesamt steigt – der Jevons-Effekt.
OpenAI hat am 1. September erklärt, sein Modell Astra demnächst verfügbar zu machen. Preis, Datum und API-Name fehlen bislang. Liefert Astra einen echten Fähigkeitssprung, verschiebt sich die Debatte weg vom Preiskampf. Bleibt es beim Gleichstand, bekommt das Überangebots-Szenario Rückenwind. Auf der Kostenseite läuft es gegenläufig: Nvidia wies für das im Juli beendete Quartal 96,2 Milliarden Dollar Umsatz und eine Bruttomarge von 75 Prozent aus, stellte für das Schlussquartal aber nur noch 71 bis 72 Prozent in Aussicht. Grund sind die Speicherpreise.
Dass Rechenleistung billiger wird, freut jeden, der Künstliche Intelligenz nutzt. Für die Anbieter ist es zweischneidig – wie bei einer Tankstelle: Sinkt der Preis, zahlt der Kunde weniger. Ob die Tankstelle trotzdem mehr verdient, hängt allein daran, ob sie genug zusätzliche Liter absetzt. Genau das ist offen. Wer es verfolgen will, braucht keinen Index, sondern zwei Angaben aus den Quartalszahlen: was die Cloud-Sparten von Amazon, Microsoft und Google einnehmen – und wie viel sie gleichzeitig in neue Rechenzentren stecken. Wächst das Erste schneller als das Zweite, trägt sich der Ausbau.
DER AKTIONÄR hat eine laufende Empfehlung für Meta mit Kursziel 690 Euro und einen Stopp bei 450 Euro.
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