05.04.2020 Leon Müller

Bernd Förtsch: "Das Virus wird dieses Land nachhaltig verändern"

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DAX

Das Coronavirus hat die Märkte infiziert und den schnellsten Crash der Geschichte ausgelöst. AKTIONÄR-­Herausgeber, Unternehmer und Investor Bernd Förtsch hat schon viele Krisen erlebt. Im großen Interview äußert er sich zur Corona-Krise, der Politik, aber auch zu Einzelwerten wie Lufthansa und Commerzbank.

DER AKTIONÄR: Herr Förtsch, im AKTIONÄR-Standpunkt vor einer Woche (Anm. d. Red: Ausgabe 13/2020) schrieben Sie: „Es wird schnell, V-förmig, 2.000, 3.000 Punkte nach oben gehen“. Da stand der DAX bei 8.400 Punkten, während wir sprechen, bei über 10.000 Punkten – ein Plus von 1.600. Gegenbewegung oder Wendepunkt?

Bernd Förtsch: Perfektes Timing (lacht). Nein, ich hab ja auch geschrieben, dass Market Timing keine Disziplin ist, sondern eine Illusion. In diesem Fall war das Timing zwar gut. Ich meinte aber etwas anderes: Wenn der Markt jetzt dreht, dann ist das keine Drehung, sondern eine Kehrtwende auf der Stelle. Das geht so schnell, dass es dann zu spät ist, noch reinzugehen. Ein V, steil runter, steil rauf.

Ob Disziplin oder Illusion: Sie haben am bisherigen Tiefpunkt des Corona-Crashs gesagt, man solle kaufen. Der Text war mit „Stunde null“ überschrieben.

Zufall. Aber mal ehrlich: Die Krise ist noch nicht vorbei. Und ich schließe nicht aus, dass wir noch einmal neue Tiefs sehen werden, deutlich unter 8.000, das ist für mich absolut denkbar. Stunde null deshalb, weil jeder, der langfristig denkt, jetzt beginnen muss, zu kaufen. Wir erleben bald die Geburt eines neuen Bullenmarktes.

Also Wendepunkt oder nicht?

Wenn ich das wüsste … Aber wenn es so kommt, dass wir noch einmal deutlich fallen, dann könnte das auf Jahre gesehen die letzte Chance gewesen sein, günstig einzusteigen. Es bringt ja nichts, hier Prognosen abzugeben. Wir wissen es nicht. Was ich weiß, ist: Es ist besser, die Aktien zu haben, als sie nicht zu haben, wenn der Wendepunkt da ist. Den aber sieht man erst, wenn man dran vorbei ist. Sollte es jetzt wider Erwarten noch deutlich stärker bergauf gehen, würde ich sogar dazu tendieren, kurzfristig auch wieder Gewinne rauszunehmen. Die Vola wird hoch bleiben. Dafür ist zu vieles unklar. Doch es geht ja nicht darum, ob wir jetzt 500 Punkte steigen oder fallen. Es geht darum, wo wir in einem Jahr, in fünf Jahren stehen. Und das wird nach meiner Einschätzung deutlich höher sein als heute – und vor Beginn des Crashs. Wir werden neue Hochs sehen.

Sie haben auch geschrieben, dieses Mal – also bei diesem Crash – sei alles anders.

Das ist es. Aber das ist es ja jedes Mal. Jeder Crash, jede Krise ist anders. Man meint immer, man hätte fast alles gesehen und erlebt. 1987, 9/11, Lehman. Aber der Mensch vergisst recht schnell. Und dann kommt Corona. Da tun sich Abgründe auf.

Was meinen Sie genau?

Abgesehen von der Pandemie, die für sich genommen schon schlimm ist, offenbart diese Krise auch die Schwächen unserer Systeme. Wenn wir Corona überstanden haben, beginnt erst die wahre Krise, wenn wir jetzt nicht verdammt aufpassen. Wenn man ehrlich ist, dann war der Ansatz dafür ja schon da. Die Rezession stand ja schon vor der Tür. Das hat jeder gesehen. Corona beschleunigt das Ganze jetzt, und zwar in einem unfassbaren Tempo. Italien …

… das mehr Todesopfer zu verzeichnen hat als China …

… ist das nicht erschreckend? Ein europäischer Staat, ein Partner, einer der wichtigsten Deutschlands, wurde im Stich gelassen von seinen Verbündeten. So wird das in Italien empfunden. Am Ende haben Chinesen Schutzausrüstung rüberfliegen lassen. Die Russen helfen. Jetzt wackelt dort die Wirtschaft, das ganze Land. Die Italiener haben nicht die gleichen Möglichkeiten wie wir. Sie müssen aber die gleichen Register ziehen, um die Wirtschaft nicht vollends vor die Wand zu fahren. Die verschulden sich, aber von einem ganz anderen Niveau ausgehend, als wir das tun. Das kann nicht gut gehen.

Mit „nicht gut gehen“ ­meinen Sie?

Ich erwarte, dass Italien das nicht so einfach übersteht, ohne massive – auch finanzielle – Hilfe von der EU zu erhalten. Das eine Problem dabei ist, dass derzeit alle viel Geld brauchen. Deutschland, Frankreich und vor allem Spanien. Keine Milliarden, sondern Billionen Euro, wollen sie diese Krise bewältigen, die im Übrigen vermeidbar gewesen wäre. Und das andere Problem ist: Italien ist nicht Griechenland, das man mal eben mit ein paar Hundert Milliarden Euro hat retten können. Ich will dennoch nicht ausschließen, dass die Rettung am Ende doch gelingt. Für die Kleinen und Schwachen wird es schwierig. Und in Italien gibt es etliche, auf die das zutrifft. Jede fünfte Firma dort ist ein Zombie-Unternehmen, das so schon nur durch das billige EZB-Geld am Leben gehalten wird. Das macht die Situation ja so prekär. Dennoch: Ich kann mir vorstellen, dass die EZB-Milliarden Italien noch einmal vor dem Ruin bewahren.

Auf Kosten von? Einer muss ja die Zeche zahlen, wie es so schön heißt.

Auf Kosten aller. Vor allem Deutschlands. Das Thema ist ja nicht neu, das hatten wir zuletzt 2012. Die Stichworte lauten hier: Schuldenunion, Eurobonds. Die wird man jetzt als alternativlose Maßnahme durchdrücken. Vor lauter Krise werden es die Menschen nicht einmal richtig mitbekommen. Und dann haften deutsche Sparer mit ihren Ersparnissen. Ihre Sparguthaben werden quasi über Nacht entwertet. Ich hoffe, dass es nicht dazu kommt. Aber ich befürchte, die Wahrscheinlichkeit dafür ist gestiegen in den vergangenen Wochen, nicht gesunken. Egal, was Wirtschaftsminister oder Finanzminister erzählen.

Sie haben vorhin gesagt, das wäre vermeidbar gewesen. Aber die Länder, jedes für sich, haben doch sehr weitreichende Maßnahmen ergriffen.

Da war die Seuche doch schon längst im letzten Winkel des Landes angekommen. Wenn Sie sehen, wie China gegen das Virus gekämpft hat. Wenn Sie sehen, dass wir Italien mindestens sieben Tage hinterherlaufen und wie es sich dort verbreitet. Dann haben Sie genügend Zeit. Dann brauchen Sie keinen typisch deutschen Weg zu entwickeln. Das muss man erkennen, analysieren und dann ganz schnell verbessern und umsetzen. Wir lassen keinen mehr einreisen, schließen die Grenzen. All das haben wir nicht gemacht. Dann hatten wir sogar noch einmal die Chance, das Ausmaß zu verringern. Die Winterferien in Bayern und die vielen Ski-Urlauber, die in Italien waren. Das war absehbar, dass das Virus so den Weg nach Deutschland findet. Aber auch diese Chance haben wir nicht genutzt. Jetzt sitzen wir alle daheim. Die Wirtschaft nimmt Schaden.

Sie sehen die Verantwortung wo?

Wir haben das Gesundheitsministerium mit 800 Mitarbeitern, wir haben das Robert Koch-Institut – und keiner hat es kommen sehen? Da muss man, wenn es vorbei ist, über Konsequenzen sprechen.

Stichwort Konsequenzen. Die spürt auch die deutsche Wirtschaft.

Corona ist hier, wie ich schon eingangs erwähnt habe, nur der Brandbeschleuniger. Aber ein höchst wirksamer. Die Rezession, die ohnehin früher oder später eingesetzt wäre, kommt jetzt plötzlich und womöglich viel früher, als sie es sonst wäre. Sie wird in ihrem Ausmaß dramatisch. Noch einmal: Die Krise kommt nach der Krise. Und auf die Wirtschaftskrise könnte eine Schuldenkrise folgen. Die Notenbanken drucken Geld, als wenn wir Krieg hätten.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron sagte, wir befänden uns im Krieg.

Damit hat er ja auch recht. Aber wer ist Freund, wer ist Feind in diesem Krieg? Ein Feind ist unsichtbar, das ist das Coronavirus. Aber das geht ja weiter. Bis hin zu der Frage, was die Chinesen jetzt machen werden. Die sind als erster raus aus der Krise. Europa ist gerade das Epizentrum. Die USA nehmen uns diese Rolle bald ab. Sprich: Die Wirtschaft und die Finanzmärkte hier und in den USA werden gerade erst richtig runtergeprügelt, während sich die Wirtschaft in China bereits zu erholen beginnt. Kaufen die Chinesen jetzt europäische und amerikanische Firmen zum Spottpreis? Ich würde das nicht ausschließen. Es ist an den Regierungen hier, dem Ganzen einen Riegel vorzuschieben, ehe wir ausverkauft werden.

Sie plädieren für Protektionismus?

Nein, das tue ich keinesfalls. Nur, wenn Sie so wollen, dann wurden wir alle gerade zu einhundert Prozent deglobalisiert. Wir sind auf den Nukleus zurückgedrängt worden. Jeder von uns sitzt jetzt zu Hause, mehr oder minder für sich. Die Verbindungen zur Außenwelt sind gekappt.

Sie wollen also nicht, dass die heimische Wirtschaft stärker gegen Übernahmen ausländischer Konkurrenten oder Investoren geschützt wird.

Am Ende richtet das doch der Markt. Letztlich geht es doch darum, dass es den Menschen gut geht. Wenn nachher zehn Millionen Menschen arbeitslos sind, dann wird sich die Frage nach Protektionismus oder Globalisierung nicht mehr stellen. Geht es uns dann besser oder schlechter? Ich will, dass wir ein vernünftiges Sozialsystem, ein vernünftiges Steuersystem haben. Beides muss gerecht sein, Letzteres gerecht und leistungsorientiert. Corona zeigt auch, wie angreifbar wir sind. Produktionsketten sind unterbrochen. Lieferanten im Ausland liefern nicht. Uns fehlen einfachste Schutzmasken und Schutzanzüge. Unsere Regierung hat das Gesundheitssystem so sehr auf Effizienz getrimmt, dass wir drohen handlungsunfähig zu werden. Es wird nichts mehr im Land produziert und gelagert, weil das Geld kostet, sondern bestellt und just in time geliefert. Das rächt sich jetzt brutal. So kann das nicht bleiben. Wir brauchen kritische Infrastruktur und Produktion im Land, nicht in Fernost. Es zeigt sich ja jetzt, dass uns alles andere am Ende teuer zu stehen kommen kann. Hier hat die Politik uns einen Bärendienst erwiesen. Das muss jetzt in Ordnung gebracht werden.

Der Mangel an Ausrüstung wird mit dem exponentiellen Wachstum der Coronafälle begründet.

In Deutschland sterben jedes Jahr 30.000 Menschen an einer Lungenentzündung. Wir hatten 2017/18 durch die Grippe 25.000 Tote zu beklagen. Wenn man so einen Pandemiefall auslöst wie jetzt, muss man die Sache anders angehen. Ich habe es schon gesagt: Wir hatten ausreichend Vorlauf, uns vorzubereiten. Jetzt müssen wir sehen, dass wir hinten raus keinen einzigen Fehler mehr machen: Wir brauchen sofort Beatmungsgeräte, Schutzkleidung, Betten, Handschuhe, Mundschutz – nicht nur wegen der jetzigen Krise, sondern auch für die nächste. Das erwarte ich vom Staatsapparat und dafür zahle ich Steuern. Das Krankenhauspersonal und die niedergelassenen Ärzte müssen versorgt werden. Das scheint jetzt gar nicht zu funktionieren. In unserem Metier würde man von einer Bankrotterklärung sprechen.

Lassen Sie uns zu den wirtschaftlichen Aspekten kommen: Altmaier, Scholz, Merkel geben sich gerade beim Geldverteilen die Klinke in die Hand. Altmaier sagt, die Krise dürfe keinen einzigen Arbeitsplatz vernichten …

(lacht laut) … entschuldigen Sie bitte, aber das ist lächerlich. Diese Aussage ist ein Schlag ins Gesicht für jeden, der ein kleines Geschäft betreibt, ein Hotel, eine Gastronomie, ein Reisebüro, und jetzt zumachen muss. Diese Krise wird definitiv Arbeitsplätze kosten, und zwar leider etliche. Das tut sie jetzt schon. Es muss sofort etwas passieren, sonst bringt es nichts. Jetzt sind Macher gefragt. In Talkshows zu sitzen bringt da nichts. Die sollten sich lieber Gedanken dazu machen, wie die Exit-Strategie aussieht. Dazu hört man nämlich nichts. Weder aus Gesundheits- noch aus Wirtschaftsministerium. Dabei ist doch das die Frage, die sich alle im Land stellen: Wann und vor allem wie kehren wir zur Normalität zurück.

Die Maßnahmen reichen in Ihren Augen demnach nicht aus?

Überhaupt nicht. Das kann nicht reichen, weil es die Probleme nicht löst. Was nützt einem kleinen Unternehmen ein Kredit, selbst wenn er zinslos ist? Das verlagert das Problem doch nur in die Zukunft. Hier muss neu gedacht werden.

Was schlagen Sie vor?

Der Staat soll den Unternehmern einfach die Steuern wieder zurücküberweisen, die sie zuvor bezahlt haben. Die haben sie ja bezahlt, jetzt erhalten sie sie zurück, für ein Jahr oder länger. Das wahrt die Liquidität. Das Geld ist sofort da. Es muss nichts geprüft und berechnet werden, es ist ja alles schon da. Und wer keine Steuern gezahlt hat, muss einen anderen Weg gehen. Man muss hier aufpassen, dass der Staat, den wir finanzieren, nicht ausgenutzt wird. Wenn aber das Maßnahmenpaket erst durch die Bürokratiewalze muss, dann ist ohnehin alles zu spät. Die Gleichung ist einfach: Ohne Wirtschaft keine Steuern. Ohne Steuern kein Staat.

Sie sprechen von kleinen Firmen, wenn es um die größten Verlierer dieser Krise geht. Was ist mit den großen?

Die großen Firmen werden vom Staat aufgefangen. Nehmen Sie als Beispiel die Lufthansa. Die Flugzeuge stehen am Boden, statt in der Luft zu sein. Heißt: Es kommt kein neues Geld mehr rein. Die Löhne laufen weiter. Das wird noch einige Wochen so weitergehen. Das einzig Gute im Schlechten: Die Lufthansa ist ordentlich kapitalisiert. Die meisten Flugzeuge sind Eigentum, nicht geleast. Weltweit arbeiten 135.000 Menschen für die Airline. Die lässt man nicht fallen. Das kann und wird der deutsche Staat nicht machen.

Die Lufthansa will Staatshilfe. Andere sprechen von Verstaatlichung.

Zwei vollkommen unterschiedliche Dinge, die manche offenbar bewusst oder unbewusst durcheinanderbringen. Eine Vergesellschaftung der Lufthansa bringt doch am Ende keinem was. Man sieht an der Deutschen Bahn, wie der Staat wirtschaftet, dass er es anscheinend nicht kann. Eine kurzzeitige Beteiligung im Rahmen einer Kapitalerhöhung. Ein zinsgünstiges, staatlich abgesichertes Darlehen – das sind durchaus Dinge, über die man sprechen kann und muss, will man ein solches Unternehmen nicht an einen ausländischen Konkurrenten verlieren. Der Grundsatz aber, dass das Führen von Unternehmen keine Staatsaufgabe ist, bleibt bestehen.

Sehen Sie die Gefahr, dass manche Firmen ihre Eigenständigkeit verlieren werden?

Grundsätzlich ja. Viele Firmen sind heute nur noch die Hälfte dessen wert, was sie noch vor ein paar Wochen wert waren. Nehmen Sie die Commerzbank, wo der Staat beteiligt ist seit der Finanzkrise. Die wurde erst totreguliert und dann durch den Negativzins ganz nah an die Wand gefahren. Ich hab jetzt zugekauft, immer mit einer drei vorm Komma.

Commerzbank (WKN: CBK100)

Sie sind schließlich auch Investor. ­Greifen Sie auch bei der Lufthansa zu?

Klar habe ich bei der Lufthansa verbilligt, und sie wird diese Krise überleben, bestenfalls als Marktführer sogar gestärkt aus ihr hervorgehen. Also ja, das ist in jedem Fall einen Gedanken wert. Die Deutsche Bank verbietet sich. Bei der Commerzbank sind wir inzwischen auf einem Niveau angekommen, das unbestritten günstig ist, Niedrigzins hin oder her. Die Commerzbank hat mit der Comdirect auch eine gute Chance im Transaktionsgeschäft mit Privatkunden. In dem Markt kenne ich mich ja ein wenig aus. Irgendwer wird im nächsten Aufschwung zudem die Kredite an die Wirtschaft ausgeben müssen. Die Commerzbank dürfte dazugehören. Das ist ein potenzieller Verdreifacher, die Lufthansa ein Verdoppler.

Deutsche Lufthansa (WKN: 823212)

Das waren jetzt, sagen wir, nicht gerade Coronaprofiteure. Wer sind denn Ihre Favoriten?

Wie gesagt, langfristig könnten Lufthansa und die Commerzbank sogar sehr wohl zu den Profiteuren gehören. Nämlich dann, wenn der Verdrängungswettbewerb andere aus dem Markt spült.

Und die Favoriten?

An erster Stelle Amazon …

… das überrascht jetzt nicht wirklich …

… nein, das tut es nicht. Amazon ist aber das derzeit wohl beste Unternehmen für die Krise und für die Zeit danach ebenfalls. Amazon streamt Unterhaltung und liefert bis zur Haustür beinahe alles, was man braucht und sich vorstellen kann. Der Drift hin zum E-Commerce wird jetzt größer. Jetzt bestellen sogar Menschen online, die vorher nichts damit am Hut hatten, jetzt aber keine Alternative haben. Amazon ist Weltmarktführer. Und wird diese Position jetzt ausbauen. Ergo: Die kann man blind kaufen. Das ist ’ne Bank.

Amazon.com (WKN: 906866)

Gilt das auch für Apple?

Das gilt auch für Apple. Apples größter Vorteil ist sein geschlossenes System. Einmal drin, bleibt man drin. iPhone, iPad, iWatch, nehmen Sie, was Sie wollen. iTunes, Apps. Das ist ein eigenes Ökosystem und wird es bleiben. Und die Delle, die jetzt entsteht, wird aufgeholt werden.

Apple (WKN: 865985)

Was schauen Sie sich noch an?

Die Allianz. Der Kurssturz ist absolut überzogen in meinen Augen. Natürlich kann die Aktie weiter fallen, wie jede andere auch. Aber langfristig gesehen, auf Sicht von fünf oder zehn Jahren, ist die Aktie jetzt günstig. Auf die Dividende will ich gar nicht erst zu sprechen kommen. Die Deutsche Post ist auch so ein Kandidat. Logistik gewinnt an Bedeutung. Irgendwann wird Amazon der Post zusetzen, aber bis dahin macht es sie noch größer. Davon abgesehen: Die Post ist größter Arbeitgeber in Deutschland. Systemrelevant in vielerlei Hinsicht. Ich würde grundsätzlich bevorzugt auf Unternehmen setzen, die viele Arbeitnehmer beschäftigen. Wenn der Staat, wenn die Notenbank zum Aktienkauf übergeht – und das wird sie am Ende vermutlich –, dann werden es die Aktien dieser Unternehmen sein.

Allianz (WKN: 840400)

Bei unserem letzten Gespräch (Anm. d. Red. DER AKTIONÄR Edition „Jahrbuch 2020“) haben wir auch über ProSieben gesprochen.

Haben wir, und das ist nicht gut gelaufen. Die Aktie hat sich halbiert. Der Markt preist hier offenbar einen massiven Konjunktureinbruch mit entsprechenden Cuts bei den Werbeausgaben ein. Damit hat er vermutlich recht. ProSieben wird es hart treffen. Auf der anderen Seite: Fürs letzte Jahr gibt es eine attraktive Dividende. Wobei, ich rechne ein, dass die ausfällt. Mittel- bis langfristig kann Corona den Wandel hin zum Digitalkonzern aber beschleunigen. Manche Firmen brauchen Druck von außen, um innen zu wachsen und sich zu wandeln. Bei ProSieben gilt es jetzt. Die müssen jetzt auf die Überholspur wechseln. Jede Entspannung kann hier wie ein Turbo auf die Aktie wirken.

ProSiebenSat.1 Media (WKN: PSM777)

Sonst noch etwas?

Vieles. Wir haben ja auch im neuen AKTIONÄR-Depot einiges verarbeitet, was derzeit besonders attraktiv ist. Ein Wert noch außer der Reihe: Shell. Die laufen mittlerweile mit einer zweistelligen Dividendenrendite. Auch wenn ich nicht glaube, dass sie das halten können, sehe ich den Ölpreis auch nicht dauerhaft so tief wie jetzt. Der Streit innerhalb der OPEC und mit Russland wird irgendwann beigelegt werden. Erwähnen möchte ich auch noch die Deutsche Telekom. Die machen gerade jetzt in der Krise einen super Job. AT&T, das amerikanische Pendant, ist ebenfalls mindestens ein Watchlist-Wert, eher schon ein Depotkandidat.

Royal Dutch Shell (WKN: A0D94M)

Kommen wir zum Ende noch einmal zurück auf das Big Picture. Was erwarten Sie von der Zeit nach Corona?

Den Menschen werden sich die Augen öffnen. Das hoffe ich jedenfalls. Es muss sich etwas ändern. Unser staatliches Gesundheitssystem entlarvt sich als nicht belastungsfähig. Obwohl es mit Milliarden ausgestattet ist. Allein das Ministerium hat 15,35 Milliarden zur Verfügung. Auf der anderen Seite haben wir zu wenig Pfleger, zu wenig Ärzte, und offenbar auch zu wenig Intensivbetten. Von Atemschutzmasken, Handschuhen und Beatmungsgeräten reden wir mal gar nicht. Wenn Sie das Coronavirus als schlimmere Form der Grippe betrachten, dann muss man sich fragen, was passiert, wenn es eines Tages eine Epidemie mit einem viel schlimmeren Erreger gibt. Aber das muss ja nicht mal passieren. Seit 2000 hatten wir mindestens drei Epidemien: MERS, SARS und jetzt Covid-19. Zwei davon machten um Deutschland einen Bogen. Drei in 20 Jahren. Wollen wir unser Land jetzt gefühlt alle sieben Jahre runterfahren? Wir müssen besser vorbereitet sein. Dafür ist der Staat zuständig.

Die Erkenntnis, dass wir nicht ausreichend geschützt werden, wird sich nicht auf das Gesundheitssystem beschränken. Die Menschen werden mehr und mehr hinterfragen, das Rentensystem zum Beispiel.

Abgesehen von den politischen Fragen …

… ein Satz noch zur Politik: Die hat sich entfernt von den Menschen, beschäftigt sich mit sich selbst. Davon abgesehen wird sich die Art und Weise, wie wir leben, verändern, je länger dieser Zustand anhält. Wir werden noch digitaler – auch wir als Unternehmen arbeiten jetzt in dieser Zeit zu 100 Prozent dezentral in weit über 100 Homeoffices. Zunächst werden wir sicher erstmal mehr Urlaub im eigenen Land machen. Wir werden uns nicht mehr die Hände geben. Wir werden mehr von zu Hause aus erledigen, Einkäufe, Lebensmittel, Mode. Die Innenstädte werden sich verändern, weil der Einzelhandel und auch die Gastronomie durch Corona ausgedünnt werden. Lassen Sie es mich abkürzen: Das Virus wird dieses Land nachhaltig verändern. Das hat gute Seiten, aber leider auch viele schlechte.

Und was erwarten Sie von der Börse nach Corona?

Vorausgesetzt, die Politik versagt nicht vollends, dann sehen wir gerade die Geburt eines neuen Bullenmarktes. Die Börse wird wieder und noch weiter steigen als zuvor. Im Markt ist jetzt noch mehr Geld. Wer jetzt keine Aktien kauft – und das sollte jeder tun –, wird sich in einem Jahr sehr ärgern. Aber lassen Sie mich noch eines sagen: Wir haben jetzt viel über Politik und Börse gesprochen. Viel wichtiger ist mir, dass alle gesund bleiben und gut durch diese Krise hindurchkommen. Das wird nicht einfach.

Das Interview mit AKTIONÄR-Herausgeber Bernd Förtsch ist erschienen in Ausgabe 14/2020, die Sie hier als digitales E-Paper lesen können.

Hinweis auf Interessenkonflikte: Der Vorstandsvorsitzende und Mehrheitsinhaber der Herausgeberin Börsenmedien AG, Herr Bernd Förtsch, ist unmittelbar und mittelbar Positionen über die in der Publikation angesprochenen nachfolgenden Finanzinstrumente oder hierauf bezogene Derivate eingegangen, die von der durch die Publikation etwaig resultierende Kursentwicklung profitieren: Allianz, Apple, AT&T, Commerzbank, Deutsche Lufthansa, Deutsche Telekom, ProSiebenSat.1.

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