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08.07.2021 DER AKTIONÄR

Kommentar von Lars Brandau: Das heimische Fieberthermometer

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DAX

Für die allermeisten Anlegenden in Deutschland ist der DAX nach wie vor das Maß aller Dinge. Solange der Leitindex nicht fällt, stimmt es auch mit dem Wohlbefinden der Bundesbürger - solange es nach oben geht, glauben Investorinnen und Investoren zu wissen, was sie haben. Doch diese ausgeprägte Home-Bias hat auch ihre Schattenseiten, findet Lars Brandau, Geschäftsführer des Deutschen Derivate Verbands.

„Zuhause ist es doch am Schönsten“, das klingt oft durch, wenn Menschen nach ihren Urlaubserlebnissen befragt werden. Viele nutzen die Sommermonate, um den Stress des Alltags und der Pandemie einfach mal hinter sich zu lassen und auszuspannen. Fernab jeder Routine einfach die Seele baumeln lassen und abschalten. Und nach wie vor verbringen viele ihren Urlaub vorzugsweise in der Heimat und nicht im fernen und exotischen Ausland.

Aber nicht nur Urlauber schätzen die Regionen von Flensburg bis Berchtesgaden, auch viele Anlegende wissen scheinbar um die Attraktivität deutscher Aktien und Indizes. Geht es dem DAX gut, dann braucht man sich um die Deutschland-AG keine Sorgen zu machen, so die stark verkürzte Wahrnehmung. 

Nun, die Deutschland-AG gibt es schon lange nicht mehr und der deutsche Blue-Chip-Index zeigt, trotz der Größe der dort vertretenen Unternehmen, eben doch nur einen eher untypischen Ausschnitt des Ganzen. Zu bedenken ist, dass diejenigen, die ausschließlich heimatverbunden investieren, eine breitere Streuung ihrer Geldanlage vernachlässigen. Hinzu kommt, dass der DAX immer weniger „deutsch“ ist. Darüber hinaus gibt es natürlich auch immer unterschiedliche Interessenslagen. Während sich die großen Konzerne vor allem um ein mit den jeweils vorherrschenden gesellschaftspolitischen Strömungen kompatibles Image bemühen, geht es im Mittelstand eher um die praktischen Herausforderungen des Standorts – und die sind angesichts rekordhoher und steigender Steuerlast, rekordhoher und steigender Energiepreise, einer anziehenden Teuerung und weiter vorhandenen Lieferengpässen bereits ein mehr als abendfüllendes Programm.

Was bedeutet das nun für die Wertpapieranlage? Mit einer breiten Streuung über verschiedene Assetklassen und Regionen hinweg sollten Privatanlegende langfristig gut aufgestellt sein. Natürlich muss man sich darüber im Klaren sein, dass etwaige Abschwünge, rezessive Tendenzen oder ein mögliches Drehen an der Zinsschraube in 2022 immer auch spürbare Auswirkungen auf andere Märkte haben. Generell kann es aber auch künftig durchaus Sinn machen, über die eigenen Landesgrenzen zu schauen.


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