Der Goldpreis hat am Mittwoch eine dreitägige Verlustserie beendet, während die niederländische Zentralbank ein Viertel ihres nordamerikanischen Goldes abzog. Zwei Nachrichten, ein Zusammenhang: Es geht um die Verfügbarkeit des Metalls, wenn es darauf ankommt.
Zwischen März und August dieses Jahres haben rund 86 Tonnen Gold die Tresore in New York und Ottawa verlassen. Gemeldet hat es De Nederlandsche Bank am Mittwoch in einer knappen Mitteilung. Es ist gut ein Viertel dessen, was die Niederländer in Nordamerika lagerten. Seither liegt der größte Einzelbestand des niederländischen Goldes in London. Die Meldung fiel auf einen Tag, an dem der Goldpreis um rund ein Prozent zulegte und damit drei Verlusttage beendete.
Der interessante Teil steht nicht in der Schlagzeile. Physisch bewegt wurde nur der kleinere Teil: Gut 27 Tonnen gingen aus den USA und Kanada in den Tresor im niederländischen Zeist, dieselbe Menge wanderte von dort nach London. Knapp 59 Tonnen verkaufte die DNB in New York und kaufte in London die gleiche Menge zurück – ausdrücklich Barren, die der internationalen Handelsnorm entsprechen. Der Kern der Sache: Ein Teil des Goldes in Nordamerika erfüllt diese Norm offenbar nicht. Wer sein Metall in einer Krise binnen Stunden zu Geld machen will, braucht handelbare Ware am liquidesten Handelsplatz. Das ist London.
Goldreserven: Die Zahlen hinter der Verlagerung
Der niederländische Bestand umfasst 612,4 Tonnen, was Ende 2025 einem Gegenwert von 72,2 Milliarden Euro entsprach. Nach der Aktion liegen 32,1 Prozent in London, 30,8 Prozent in Zeist und je 18,5 Prozent in New York und Ottawa. Der nordamerikanische Anteil sinkt damit von rund 51 auf 37 Prozent. Zum Vergleich die Bundesbank: 3.350 Tonnen, davon 51 Prozent in Frankfurt, rund 37 Prozent in New York und gut zwölf Prozent in London. Deutschland liegt damit heute genau dort, wo Amsterdam nach der Verlagerung angekommen ist – nur ohne die Umtauschaktion.
Wer den Vorgang für einen Einzelfall hält, hat das vergangene Jahr nicht verfolgt. Zwischen Juli 2025 und Januar 2026 ersetzte die Banque de France rund 129 Tonnen Gold bei der Fed in New York, verteilt auf 26 Einzelgeschäfte – rund fünf Prozent ihrer Reserven von 2.437 Tonnen. Auch dort fuhr kein Schiff über den Atlantik: verkaufen in New York, normgerechte Barren in Europa zurückkaufen, einlagern in Paris. Daraus entstand ein Buchgewinn von 12,8 Milliarden Euro. Der stammt allerdings nicht aus dem Tausch selbst: Die alten Barren standen mit Anschaffungskosten aus einer anderen Ära in den Büchern und wurden zum heutigen Kurs verkauft.
Bundesbank: Warum Deutschland vorerst nichts tut
In Deutschland wird die Frage seit Jahren gestellt, zuletzt im März im Bundestag: Sollen wir unser Gold heimholen? Die Bundesbank sagt Nein und begründet das mit der Nähe zum Markt – in New York und London wird physisches Gold gehandelt, dort ließe es sich im Notfall binnen Stunden zu Geld machen, ohne dass ein einziger Barren über den Atlantik muss. Genau diese Rechnung stellen die Niederländer nun infrage: Verkaufen kann man nur Barren, die der Markt auch annimmt, und die müssen einer festen Norm entsprechen – richtiges Gewicht, geprüfte Feinheit, anerkannter Hersteller. Ein Teil des Goldes in New York stammt aus alten Beständen und erfüllt diese Norm nicht; es müsste erst eingeschmolzen und neu geprüft werden. Kurz gesagt: Der beste Lagerplatz nützt wenig, wenn die Ware im Regal nicht verkaufsfertig ist.
Goldpreis: Warum das Metall am Mittwoch drehte
Für den Preis ist die Verlagerung selbst neutral. Weder die DNB noch die Banque de France haben zusätzliche Unzen gekauft, sie haben verkauft und in gleicher Menge zurückgekauft. Die Menge blieb gleich, geändert haben sich Standort und Barrenqualität. Bewegt hat den Kurs am Mittwoch etwas anderes: Donald Trump ließ durchblicken, dass die jüngsten US-Angriffe auf den Iran wohl von kurzer Dauer seien. Das bremste die Ölrally und nahm den Inflationssorgen die Spitze, die zuvor auf dem Edelmetall gelastet hatten. Der Goldpreis konnte zulegen und notiert aktuell bei etwa 4.425 Dollar je Unze.
In der Notenbank selbst laufen die Signale auseinander. John Williams, Präsident der New Yorker Fed, sagte, die Inflation lasse weiter nach, weil die Zolleffekte abklingen, und höhere Energiepreise sprängen nicht auf andere Dienstleistungen über. Die Arbeitsmarktdaten stützen ihn: Nach dem ADP-Bericht schufen die US-Unternehmen im August nur 38.000 neue Stellen. Dagegen steht Notenbankchef Kevin Warsh, der vergangene Woche in Jackson Hole deutlich restriktiver auftrat und damit die Erwartung nährte, die Fed könnte die Zinsen zur Eindämmung der Inflation sogar anheben. Für Gold ist das die entscheidende Spannung: Ein zinserhöhender Warsh wäre Gegenwind, ein nachgebender Arbeitsmarkt Rückenwind.
Die Niederlande haben nicht ihr Vertrauen in Amerika aufgekündigt, sondern ihr Gold verkaufsfähig gemacht. Die Kursbewegung vom Mittwoch kam aus Washington und dem Nahen Osten. Mittelfristig zählt trotzdem, dass inzwischen zwei westliche Notenbanken schriftlich einräumen, wie sehr die Handelbarkeit ihrer Barren über die Krisentauglichkeit der Reserve entscheidet. Für die nächsten Tage zählen zwei Dinge: die Veränderungen der US-Renditen und die Fed-Sitzung am 16. September.
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