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22.09.2020 Lars Friedrich

Der Kontraindikator: Tückisches Signal

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DAX

Der Kontraindikator: Wer oder was ist das eigentlich? Ein Mythos? Oder doch ein verlässlicher Hinweis, stets das Gegenteil zu tun? Eine Spurensuche.

Börsenneulinge begegnen ihm recht früh. In jedem zweiten Text zu den Grundlagen des Aktienhandels taucht er auf: der Kontraindikator. Nicht direkt, sondern als Mythos und Menetekel. Die Erzählung geht in etwa wie folgt: Anleger, hüte dich, wenn die Schlagzeile in der Boulevard­zeitung zum Kauf von Aktien trommelt! Sei vorsichtig, wenn der Taxifahrer mit dir über Bitcoin reden will! Und kaufe keinesfalls, wenn das Milchmädchen kauft! Denn all dies sind Kontraindikatoren! Der Weise, der diese Zeichen als solche erkennt, wird bei ihrem Auftauchen stets das Gegenteil von dem tun, was sie verheißen. Denn die Masse liegt immer falsch. Wenn die Amateure kaufen, ist der Untergang nah!

Die Idee dahinter ist zweifellos bestechend: Erste Profis kaufen rational. Die Kurse steigen. Weitere Anleger springen auf. Die Kurse steigen weiter. Es spricht sich herum, dass es da etwas gibt, womit sich gigantische Profite erzielen lassen. Plötzlich wird jeder zum Glücksritter. Kaum etwas zieht so sehr wie der Traum vom schnellen Geld. Kaum etwas platzt so häufig wie Träume. Also sollten sich Anleger von Hypes lieber fernhalten. Sicher ist sicher.

Das Problem mit der Praxis

Wäre es doch nur so einfach. Das Beispiel mit dem Milchmädchen zeigt, dass hinter der Idee von Kontraindikator mehr Theorie als Praxis steckt. Oder haben Sie schon einmal ein Milchmädchen getroffen? Gar eines, das Aktien gekauft hat?

Mitten in der Coronakrise haben viele Privatanleger zu Hause gesessen und Konten bei Brokern eröffnet. Ein vermeintlicher Kontraindikator. Doch die Kurse sind gestiegen. Profis hatten das Nachsehen.  

Tesla hat seit Jahren eine treue Fanbasis, ist zugleich seit Jahren im Visier professioneller Leerverkäufer. Der Kurs? Volatil, aber mit extremer Aufwärtstendenz. Am 13. August titelte Bild.de: „Wie Sie mit Tesla-Aktien Geld verdienen können.“ Der große Einbruch ist bislang ausgeblieben.  

Irgendwann hat selbst Warren Buffett bei einer vermeintlich dauerüberbewerteten Aktie wie Amazon zugeschlagen. 

Andererseits verfeuern Möchtegern-­Contrarians, also diejenigen, die sich mit ihren Entscheidungen vermeintlich clever gegen die Masse stellen, seit Jahren ihr Kapital, wenn sie konsequent auf gefallene Substanzwerte von gestern setzen: Deutsche Bank. Daimler. 

Kontraweisheiten

An diesen Stellen greifen dann wieder andere Sprichwörter: The trend is your friend. Der Markt kann länger irrational bleiben, als Sie liquide bleiben können. Erfolgreiche Anleger passen sich an.  

Solche Sprüche helfen in der Praxis zwar auch nur bedingt weiter, nehmen dem bequemen Anleger aber das Denken ab. Wer braucht schon Erfahrung und Strategien, wenn er Kostolanys Börsenweisheiten auswendig kennt?

Medien als Kontraindikator?

Am 20. April veröffentlichte Bild.de einen Artikel mit der Überschrift: „An der Börse einsteigen: Was muss ich wissen, um JETZT Aktien und ETFs zu kaufen?“ Auch das war kein Kontraindikator. Eher ein Trendfolge-Artikel. Schließlich war zu diesem Zeitpunkt längst bekannt, dass Broker mit Anträgen auf Depot-Eröffnungen überschwemmt wurden. DER AKTIONÄR hatte schon Mitte März getitelt: „Kaufen im Ausverkauf“ (Ausgabe 13/20).

Die Wirtschaftswoche biss sich 2013 die Zähne aus, beim Versuch, Börsentitel in den Medien als Kontraindikator zu brandmarken (Überschrift des Artikels: „Verkaufen, wenn der Börsenjubel am größten ist“). Der Autor erkannte damals, dass DER AKTIONÄR zwar optimistisch war, aber auch gute Argumente hatte und Wirtschaftsmagazine nicht unbedingt die Stimmung in der breiten Bevölkerung widerspiegeln, also schon deswegen nur sehr bedingt als Kontraindikator taugen könnten. Selbst das eher zurückhaltende Handelsblatt hatte sich damals mit dem Titel „DAX 10.000“ offensiv positioniert. Das Fazit des Wirtschaftswoche-Artikels fiel denkbar schwammig aus: „Die Zeit für eine anschließende Börsenumkehr könnte erreicht sein, wenn zum Hoch die zittrigen Anleger Gewinne mitnehmen und wieder in das Lager der Pessimisten wechseln. Im Vorfeld kann es hilfreich sein, die Cover der Zeitschriften im Auge zu behalten. Denn wenn das voraussichtlich wachsende Optimisten-Lager seine relativ geringen Gewinnhoffnungen an der Börse erfüllt sieht, könnte es zu schnellen Gewinnmitnahmen kommen. Vielleicht warnt zuvor davor ein die Börse bejubelndes Titelblatt.“ 

Könnte. Vielleicht. Das sind zugegebenermaßen gängige und notwendige Vokabeln bei der Kursprognose. Kein Börsenjournalist hat eine Glaskugel. Für ein Fazit über die Konkurrenz als vermeintlichen Kontraindikator ist ein „Vielleicht“ am Ende eines langen Artikels aber ziemlich dünn. Seit damals ist der DAX übrigens 70 Prozent gestiegen. Ja, Rücksetzer gab es. Nein, eine langfristige Trendwende war nicht dabei. 

Trotzdem hat fast jeder Börsenjournalist schon einmal den Vorwurf gehört, ein Kontraindikator zu sein. Vor allem, wenn sich eine besonders gewagte Empfehlung doch nicht sofort verdoppelt. Ob der Verfasser oder dessen Medium deswegen als Kontraindikator taugen, ist aber dann doch äußerst zweifelhaft. Schließlich wären die Kritiker dann wohl eher mit Geldzählen als dem Verfassen von Leserbriefen und Kommentaren beschäftigt. 

Die Euphorie verkaufen?

Am anerkanntesten als Kontraindikator sind am ehesten extreme Ausschläge beim Sentiment, auch wenn umstritten ist, wie diese am besten zu messen sind. Klar, wenn die Euphorie bei Anlegern überhandnimmt, wird sich die Stimmung irgendwann abkühlen. Die Frage ist, ob und wie diese Erkenntnis zur eigenen Strategie passt. Der eher aktive Trader könnte beispielsweise seine Stopps eng nachziehen. 

Ein Leerverkauf drängt sich dagegen nicht zwangsläufig auf. Sendet der Kontraindikator heute ein Warnsignal, kann der Markt schließlich trotzdem erst einmal weiter steigen. Und nur weil inzwischen jeder Börsenneuling auf Wasserstoff setzt und die Unternehmen Fördergelder kassieren, heißt das nicht, dass sich morgen kein Konzern finden könnte, der bereit wäre, eine teure Übernahme zu stemmen.

Gefühlte Wahrheit

Der Kontraindikator ist eher ein geflügeltes Wort als alles andere. Für Handelsentscheidungen wird er bei entsprechender Erfahrung höchstens im Verbund mit anderen Signalen interessant.

Dieser Artikel ist in DER AKTIONÄR Nr. 39/2020 erschienen, welches Sie hier als PDF gesamt herunterladen können.

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