16.04.2016 Andreas Deutsch

Walt Disney: Wir sind Helden

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Es ist schon ziemlich niedlich, dieses ganz kurze Comicfilmchen, das im Vorspann von Disney-Filmen gezeigt wird. Micky Maus ist da zu sehen, aber nicht die von heute, sondern die aus den 30er-Jahren: sehr dünn, große Ohren, strahlendes Lächeln, Hose, Handschuhe und Schuhe. Das Ganze natürlich schwarz-weiß und mit Orchestermusik. Man sieht ihren Erfinder direkt vor sich, wie er stundenlang an so einem Clip gearbeitet hat, mit ein paar Stiften und jeder Menge Papier ausgestattet. Feinste Handarbeit. Absolut nostalgisch.

Micky-Maus-Erfinder Walter Elias „Walt“ Disney ist seit 50 Jahren tot. Doch seinen Konzern gibt es immer noch. Von Nostalgie ist aber insgesamt kaum etwas zu spüren. The Walt Disney Company ist eine Unterhaltungsmaschine mit der Lizenz zum Gelddrucken. Das Unternehmen bringt einen aufwendig produzierten Kassenschlager nach dem anderen in die Kinos, lockt Jahr für Jahr Millionen von Menschen in seine Freizeitparks und bringt Kinder und Erwachsene gleichermaßen dazu, für Merchandising-Artikel ein Vermögen auszugeben. Schon mal eine Darth- Vader-Backform, eine Donald-Duck- Spardose oder ein Navi mit Yoda-Stimme gekauft? Die Firma Disney dankt.

Zehn Jahre ist es jetzt her, dass bei Walt Disney eine neue Zeitrechnung begann. Eingeläutet hat sie Robert A. Iger, der 2005 Michael Eisner an der Konzernspitze ablöste. Iger wollte Wachstum, Innovat ion, Kino und Merchandising für die Massen. Der ehemalige Präsident der ABC Network Television Group war begeistert von den Möglichkeiten des Animationskinos und sah hier enormes Potenzial. So entschloss sich Iger 2006 zur Übernahme des Trickfilmstudios Pixar („Findet Nemo“, „Die Monster AG“) für 7,4 Milliarden Dollar. Drei Jahre später kaufte Disney für vier Milliarden Dollar Marvel. 2012 legte Iger ebenfalls vier Milliarden Dollar für Lucasfilm („Star Wars“) auf den Tisch. Stolze Summen, meinten Kritiker damals. Doch jetzt weiß man: Iger handelte richtig, Pixar, Marvel und Lucasfilm sind Cashcows im Konzern. Beispiel Marvel: Seit der Übernahme 2009 brachte Disney 19 Marvel-Produktionen ins Kino. Einnahmen nur an der Kinokasse: zehn Milliarden Dollar. Die Einnahmen aus Merchandising, DVD-Verkäufen und TV-Lizenzen dürften das Doppelte betragen haben.

Auch die Übernahme von Pixar ist für Disney längst Gold wert. Seit mit „Toy Story“ 1995 der erste Computeranimationsfilm ins Kino kam (produziert von Pixar im Auftrag von Disney), ist der Vormarsch dieser Art Film nicht zu stoppen. Bei Filmen wie dem derzeit in den Kinos laufenden „Zoomania“ kriegen Kinder und ihre Eltern gleichermaßen etwas zu lachen. „Zoomania“ stammt aber nicht von Pixar, sondern vom Walt Disney Animation Studio. Der rasante Film über die Freundschaft zwischen einem Hasen und einem Fuchs ist ein Gagfeuerwerk und auf dem besten Weg, einer der erfolgreichsten Animationsfilme aller Zeiten zu werden. Kinoexperten schätzen, dass „Zoomania“ 300 Millionen Dollar einspielen wird. Das haben bislang nur zehn Trickfilme geschafft.

Prädestiniert für einen Sprung in die Top 10, vielleicht sogar in die Top 5, ist auch „Findet Dorie“. Hierbei handelt es sich um die Fortsetzung von „Findet Nemo“, den Pixar vor zwölf Jahren in die Kinos brachte. „Findet Nemo“ spielte weltweit 870 Millionen Dollar ein, bei Produktionskosten von gerade einmal 94 Millionen Dollar. Die Kritik lobte den Film über den grünen Klee. Pixar beweise mal wieder ein Feingespür für gleichzeitig berührende wie humorvolle Trickgeschichten, schrieb damals der Filmspiegel.

Ganz klar das Zeug zum Kassenschlager hat auch die Neuverfilmung von „The Jungle Book“. Hier trifft ein echter Mogli auf vom Computer animierte Tiere. Dabei war es Regisseur Jon Favreau sehr wichtig, dass die Dschungelkulisse real wirkt, weswegen Favreau sie höchst aufwendig anfertigen ließ. Die Tiere im Film werden im Original von Weltstars wie Bill Murray (Balu), Christopher Walken (King Louie) und Scarlett Johansson (die Schlange Kaa) synchronisiert. „The Jungle Book“ kommt am 14. April in die deutschen Kinos.

Daneben bedient sich Disney weiter aus dem schier unerschöpflichen Marvel- Repertoire. Am 28. April hat „The First Avenger: Civil War“ Deutschland- Premiere. Der Vorgänger „The Avengers“ aus dem Jahr 2012 ist die finanziell erfolgreichste Comicverfilmung und der vierterfolgreichste Film aller Zeiten. Weltweit spielte „The Avengers“ 1,6 Milliarden Dollar ein.

Insgesamt drei Milliarden Dollar und damit das Dreifache ihrer Produktionskosten spielten bislang die X-Men-Filme ein. Der nächste Teil der Mutanten- Serie, „X-Men Apocalypse“, kommt im Mai in die Kinos. 2017 soll der dritte Wolverine-Film in den Kinos starten.

Alles super. Doch wir kommen jetzt erst bei der Eier legenden Wollmilchsau im Disney-Konzern an: Star Wars. 2009, als Disney Lucasfilm für vier Milliarden Dollar kaufte, gab es viele Bedenkenträger. Wer weiß, wie lange die Geschichte von Raumschiffen, Luke Skywalker und den Klonkriegern die Leute noch interessieren wird, fragten die Kritiker. Jetzt sind sie verstummt. „Star Wars 7 – Das Erwachen der Macht“, der Ende 2015 im Kino lief, hat 2,1 Milliarden Dollar eingespielt – allein an der Abendkasse. Damit ist der Streifen hinter „Avatar“ und „Titanic“ der dritterfolgreichste Film aller Zeiten. Die Produktionskosten von „Star Wars 7“ betrugen 200 Millionen Dollar. Doch wie gesagt: Zwei Milliarden spielte der Film nur in den Kinos ein. Im Jahr 2016 verstehen es die Marketingprofis brillant, einen Stoff wie Star Wars auszupressen wie eine Zitrone. Umsätze generiert Disney zum Beispiel durch Streaming-Lizenzen bei Anbietern wie Netflix und durch die DVD-Verkäufe. Experten rechnen damit, dass Disney pro eingenommenem Dollar an der Kinokasse mit Streaming und dem DVD-Absatz 1,20 Dollar einnimmt. Eine weitere Einnahmequelle sind Merchandising-Gimmicks wie Spielfiguren, Bettwäsche oder Backformen, alles verziert mit dem Star-Wars- Logo. Hier fällt der Faktor 1,8 an, pro eingenommenem Dollar im Kino gibt es beim Merchandising für Disney also 1,80 Dollar. Bei Büchern und E-Books liegt das Verhältnis 0,2/1, bei Spielen 0,5/1 und bei TV-Sendungen et cetera ebenfalls bei 0,5/1. Insgesamt bedeutet das, dass Disney mit Star Wars pro an der Kinokasse eingespieltem Dollar mit den ganzen Sachen außerhalb des Kinos das 4,2-Fache einnimmt. Für „Star Wars 7“ heißt das: 2,1 Milliarden Dollar setzte Disney mit dem Film in den Kinos um und obendrauf gab es 8,8 Milliarden Dollar.

Nun ist das Thema Star Wars für den Unterhaltungskonzern noch lange nicht durch. Bis 2019 kommen noch zwei reguläre Episoden ins Kino und zwei sogenannte Spin-offs, also von der Haupthandlung losgelöste Streifen. Credit Suisse schätzt allein die Kinoeinnahmen der Filme auf 7,4 Milliarden Dollar. Angesichts dieser Aussichten wundert es kaum, dass amerikanische Medienexperten den Wert von Star Wars auf zehn Milliarden Dollar schätzen. Aber Disney-Chef Iger denkt nicht im Traum daran, die Cashcow zu verkaufen.

Freilich ist Disney viel mehr als Filme und Merchandising. Da sind ja noch die Freizeitparks, die seit Jahren sichere Umsatz- und Gewinnquellen des Unternehmens sind und im vergangenen Jahr knapp 150 Millionen Besucher zählten. Filme wie „Die Eisprinzessin“ und „Zoomania“ sind die beste Werbung für die Parks, denn dort gibt es unter anderem entsprechende Mottoshows. Zudem lassen sich die kreativen Köpfe bei Disney ständig etwas Neues einfallen, um die Leute anzulocken. In den Parks in Kalifornien und Florida können Star-Wars-Fans bald das Raumschiff Millenium Falcon fliegen – täuschend echt mithilfe der Virtual-Reality- Technik.

Allein in den USA hat Disney mit den Themenparks im vergangenen Jahr elf Milliarden Dollar umgesetzt, was knapp einem Fünftel des Konzernumsatzes entspricht.

Nostalgisch ist bei Walt Disney nicht mehr viel. Der Konzern ist eine Entertainment- Maschine mit feinstem Gespür dafür, was Erwachsene und Kinder witzig und spannend finden. Wie wertvoll die Zukäufe von Pixar, Marvel und Lucasfilm waren, zeigt sich erst jetzt. Klar, mit einem 2016er-KGV von 17 ist die Disney-Aktie kein Schnäppchen mehr. Angesichts des Repertoires an Unterhaltung wird das KGV in den nächsten Jahren aber sinken und der Aufwärtstrend sich fortsetzen.