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Party und keiner geht hin

Party und keiner geht hin
Bernd Förtsch Heute, 08:33 Bernd Förtsch
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Allgegenwärtige Katerstimmung in der deutschen Wirtschaft und Rekordlaune beim DAX. Meine Gedanken zu Stimmungen, Ursachen, Gewinnern und Verlierern.

Der DAX ist über 26.000 Punkte gestiegen. Zum ersten Mal in seiner Geschichte. In Deutschland wirkt der Rekord wie eine Party, deren Einladung liegen geblieben ist. Kein Jubel, keine Euphorie. Eher ein Schulterzucken: Schön für die Börse. Was hat das mit uns zu tun?

Der Rekord ist kein breiter Aufschwung. Es gibt einige Gewinner, die den Index treiben: Infineon profitiert vom Halbleiter- und KI-Boom, Hochtief von Infrastruktur, Siemens Energy vom Strombedarf der Rechenzentren. Auch Siemens und Deutsche Telekom stützen als globale Schwergewichte. Dagegen bremsen die einstigen Börsenlieblinge SAP und Rheinmetall die Performance aus. Über die Autohersteller müssen wir nicht reden. Hier jagt eine Horrornachricht die nächste. Von 40 Konzernen liefert längst nicht jeder Rückenwind. Einige Gewinner überkompensieren die Verlierer. Der DAX steigt – das bedeutet aber nicht, dass es der deutschen Wirtschaft gut geht. Der DAX ist kein Fieberthermometer für die deutsche Volkswirtschaft, sondern ein Portfolio weltweit tätiger Konzerne. Bewertet werden deren internationale Geschäfte und Perspektiven, nicht die Lage des deutschen Mittelstands. Die Börse handelt weltweite Gewinne. Der deutsche Mittelstand erlebt dagegen den Standort: Energie teuer, Genehmigungen langsam, Regeln zahlreich.

Deutsche Konzerne
Deutsche Konzerne erwirtschaften ihr Geld in aller Welt, oben die auf Deutschland in etwa ent­fallenden Umsatz­anteile.

Die Zahlen passen zum Gefühl. Während der Leitindex ein Allzeithoch markierte, erwartet die Bundesregierung für Deutschland 2026 nur 0,5 Prozent Wachstum. Im Gegenzug muss Deutschland von steigenden Zinsen und damit steigenden Finanzierungskosten ausgehen. Nur 23 Prozent der Unternehmen bewerten ihre Lage als gut, 26 Prozent als schlecht. Investitions- und Beschäftigungspläne liegen auf einem Langzeittief.

Der Börsenrekord ist auch eine politische Bilanz. Unternehmen wachsen am Standort vorbei oder kämpfen mit Kosten und schwacher Nachfrage. Die Politik vertagt schlechte Nachrichten. Es gibt Pakete und Ankündigungen. Was fehlt, ist der Moment, in dem sich bei Energiepreisen, Steuern, Genehmigungen oder Bürokratie etwas ändert.

Die Wirtschaftsverbände sagen es deutlich. Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger spricht von einem Jahrzehnt der „Rezession und Stagnation“. Seit 2019 „verwalten wir den Rückstand“. Die DIHK fordert: „2026 muss das Jahr echter Reformen werden.“ Das Ifo-Institut nennt staatliche Impulse „strukturerhaltend“.

Das ist das höfliche Wort für: Der Staat hält ein Modell am Leben, das sich selbst nicht mehr trägt. Investitionen können Wachstum schaffen. Aber Geld auszugeben ist noch keine Wirtschaftspolitik. Entscheidend ist, ob daraus Produktivität und private Investitionen entstehen – oder nur Förderbescheide.

Die Börse macht der Politik ein Angebot: Kapital ist vorhanden, Deutschland nicht abgeschrieben. Die Bedingung lautet: Liefert Rahmenbedingungen, unter denen aus Konzernstärke wieder Standortstärke wird. Die Politik schließt (wie immer) Augen und Ohren.

Der DAX-Rekord ist kein Beweis für eine gesunde deutsche Wirtschaft. Er ist ein Warnsignal. Die Weltkonzerne laufen weiter. Deutschland steht daneben und diskutiert noch über den Start.

Party und keiner geht hin? Vielleicht liegt es daran, dass niemand mehr glaubt, dass dort tatsächlich etwas stattfindet. Die Kurse steigen trotzdem. Noch.

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