26.10.2019 Michel Doepke

Heiß, heißer, Biotech: Diese Player lassen es krachen

-%
Seattle Genetics
Trendthema

Es ist Europas bedeutendster Krebskongress: die Jahrestagung der European Society for Medical Oncology (ESMO). In diesem Jahr trafen sich vom 27. September bis 1. Oktober rund 29.000 Teilnehmer, um sich über die neuesten Entwicklungen in der Onkologie auszutauschen. Ärzte, Patienten, Pflegepersonal – sie alle kamen zusammen mit einem gemeinsamen Ziel: Die Versorgung von Krebspatienten zu verbessern. Daher lautete das Motto des diesjährigen Kongresses: „Translating science into better cancer patient care”. Eines der Schwerpunktthemen des diesjährigen ESMO war erneut die Immuntherapie in diversen Anwendungsbereichen. Hier konnten einige starke Ergebnisse präsentiert werden. DER AKTIONÄR wird auf den folgenden Seiten die interessantesten Unternehmen vorstellen, die mit vielversprechenden Entwicklungen auf sich aufmerksam gemacht haben und bei denen Anleger jetzt zugreifen können.

Vier Favoriten haben gezündet

Doch zunächst ein Blick zurück in das vergangene Jahr. Auch damals hatte sich DER AKTIONÄR auf die Suche nach den interessanten ESMO-Stories gemacht. 2018 waren dies Roche, Astrazeneca, Incyte, Loxo Oncology und Dynavax. Und diese haben sich seitdem sehr stark entwickelt. Im Schnitt hätten AKTIONÄR-Leser seitdem einen Gewinn von gut 22 Prozent (auf US-Dollar-Basis gut 18 Prozent) einfahren und damit den Nasdaq-Biotech-Index klar schlagen können, der in diesem Zeitraum sogar ein Minus aufweist.

Ausreißer nach oben war Loxo Oncology. Das Unternehmen wurde zu 235 Dollar je Aktie von Eli Lilly übernommen und hat damit den AKTIONÄR-Lesern ein Kurs­plus von fast 55 Prozent beschert. Die Erwartungen hingegen nicht erfüllt hat Dynavax. Die Aktie wurde mit einem Verlust von gut neun Prozent ausgestoppt. Dauerbrenner sind und bleiben die Aktien der großen Pharmakonzerne Roche und Astrazeneca. Roche beispielsweise hat auch beim diesjährigen ESMO wieder positiv auf sich aufmerksam machen können. Der Konzern hat gute Daten der Phase-3-Studie „IMvigor130“ zu seinem Immuntherapeutikum Tecentriq bei der Behandlung von Blasenkrebs vorgelegt. Dabei wurde Tecentriq mit einer platinbasierten Chemotherapie bei Patienten mit bisher unbehandeltem fortgeschrittenem Blasenkrebs eingesetzt. Tecentriq war die erste Krebsimmuntherapie, die bei einer bestimmten Form von Blasenkrebs zugelassen wurde. Derzeit laufen laut Roche vier Phase-3-Studien, in denen Tecentriq allein und in Kombination mit anderen Medikamenten bei frühem und fortgeschrittenem Blasenkrebs untersucht wird. Man darf gespannt sein, was Roche hier in Zukunft noch erreichen kann.

GlaxoSmithKline: Tesaro im Fokus

Gespannt darf man auch auf die weitere Entwicklung von GlaxoSmithKline sein. An der Börse fand die angekündigte Übernahme von Tesaro für 5,1 Milliarden Dollar zunächst wenig Anklang – doch zunehmend scheint sich die Akquisition für GlaxoSmithKline auszuzahlen. Auf dem ESMO-Treffen 2019 haben die Briten frische vielversprechende Studienergebnisse mit Niraparib (Zejula) zur Behandlung von Patientinnen mit Eierstockkrebs vorgestellt. Diese könnten die Umsätze des PARP-Inhibitors ankurbeln. Der Markt ist hart umkämpft, gut möglich, dass GlaxoSmithKline nun weitere Marktanteile hinzugewinnen kann. Analyst Keyur Parekh von Goldman Sachs rechnet indes mit steigenden Marktschätzungen.

GlaxoSmithKline (WKN: 940561)

GlaxoSmithKline glänzt mit einer soliden operativen Entwicklung, einer hohen Dividendenrendite (aktuell 4,7 Prozent) sowie einem attraktiven Chartbild. Die Aktie steht kurz vor dem Ausbruch auf ein neues Mehrjahreshoch. Der Top-Tipp konservativ aus AKTIONÄR-Ausgabe 17/2018 bleibt bei Schwäche für Dividendenjäger kaufenswert.

Merck & Co mit Keytruda auf Kurs

Zu den Gewinnern unter den großen Pharma-Konzernen zählte in diesem Jahr die amerikanische Merck & Co. Der Top-Tipp aus AKTIONÄR-Ausgabe 34/2019 glänzte einmal mehr mit dem Immuntherapeutikum Keytruda auf dem Kongress. Dank positiver Ergebnisse der KEYNOTE-522-Studie kann sich Merck & Co berechtigte Hoffnungen machen, dass der Kassenschlager eine Zulassungserweiterung zur Behandlung von dreifach-negativem Brustkrebs bekommt. Das würde zusätzliches Erlöspotenzial eröffnen. Allein für das laufende Geschäftsjahr rechnen Analysten mit einem Produktumsatz von 10,8 Milliarden Dollar für das Krebsmittel. Laut einer aktuellen Studie von GlobalData soll Keytruda im Jahr 2025 zum umsatzstärksten Medikament der Welt aufsteigen – und allein 22,2 Milliarden Dollar in die Kasse von Merck & Co spülen. Derzeit nimmt noch der Antikörper Humira von AbbVie diese Position ein. Doch durch den auslaufenden Patentschutz brechen die Erlöse weg. GlobalData führt Humira im Jahr 2025 mit einer Schätzung von 10,3 Milliarden Dollar nur noch auf Rang 6.

Merck & Co (WKN: A0YD8Q)

Und die Pipeline von Merck & Co bietet weitaus mehr als Keytruda: Mit den Krebsmedikamenten Lynparza (im Rahmen der Kooperation mit Astrazeneca) und Lenvima hat die Gesellschaft zwei weitere Trümpfe in der Hand.

Agios: Antizyklische Chance

Bei der Aktie von Agios war es nach der Zulassung von Tibsovo zur Behandlung von akuter myeloischer Leukämie im vergangenen Jahr recht ruhig geworden. Doch nun könnte wieder Schwung in den Wert kommen. Das Unternehmen präsentierte auf dem ESMO sehr gute Phase-3-Studienergebnisse zu Tibsovo in einer weiteren Indikation: Die Therapie zeigte bei bereits behandelten Patienten, die an Cholangiokarzinomen (Gallengangkrebs) mit einer speziellen Mutation leiden, im Vergleich zum Placebo eine deutliche Verbesserung des progressionsfreien Überlebens. Cholangioskarzinome gehören zu den sogenannten seltenen Erkrankungen. Die wenigen bislang verfügbaren Therapien für diese Erkrankung zeigen nur mäßige Wirkung. Umso größere Hoffnung ruht nach den jüngsten Studiendaten nun auf Agios. Das Unternehmen will bis Ende des Jahres den Zulassungsantrag in dieser Indikation einreichen.

Agios Pharmaceuti... (WKN: A1W2RM)

Bis Ende 2020 ist zudem die Ausweitung auf solide Tumore geplant. Gelingt dies, dürften die Umsätze mit Tibsovo in den kommenden Monaten und Jahren deutlich steigen. Agios ist mit einem Anteil von 4,2 Prozent auch unter den größten Positionen der Biotech-Beteiligungsgesellschaft BB Biotech zu finden.

Deciphera: Überzeugende Vorstellung

DER AKTIONÄR hat mit Deciphera einen guten Riecher bewiesen. Spektakuläre Studiendaten sorgten zwischenzeitlich für eine Kursexplosion von unglaublichen 135 Prozent. Auf dem diesjährigen ESMO-Meeting hat Deciphera nun weitere spannende Einblicke in die INVICTUS-Studie gegeben, die aufhorchen lassen. „Basierend auf den positiven INVICTUS-Daten erwartet Deciphera, einen Zulassungsantrag bei der FDA für Ripretinib zur Behandlung von Patienten mit fortgeschrittenen GIST im ersten Quartal 2020 einzureichen, die eine Vorbehandlung mit Imatinib, Sunitinib und Regorafenib erhalten haben“, so CEO Steven L. Hoerter gegenüber dem AKTIONÄR. Doch dabei will es die Biotech-Gesellschaft nicht belassen. Mit dem Krebswirkstoff Rebastinib und DCC-3014 hat Deciphera zwei weitere hochinteressante Pfeile im Köcher, die zünden könnten. Hinzu kommt die komfortable Cash-Position: Deciphera nutzte das erhöhte Kursniveau um neue Aktien zu 37,00 Dollar zu platzieren. Damit flossen der Gesellschaft satte 400 Millionen Dollar zu. „Mit der Kapitalerhöhung ist die Finanzierung bis 2022 gesichert“, gibt sich Hoerter zufrieden.

Deciphera Pharmaceuticals (WKN: A2H48H)

Das Potenzial der größtenteils unverpartnerten Pipeline sollte Übernahmeinte-ressenten anlocken – im spannenden Bereich der Präzisionsonkologie gab es wie erwähnt bereits einen Milliardendeal: Die Übernahme von Loxo Oncology durch den Pharmakonzern Eli Lilly für schlappe acht Milliarden Dollar. Die Deciphera-Aktie bleibt eine aussichtsreiche, wenngleich auch spekulative Depotbeimischung. Ein Stopp bei 24,00 Euro ist Pflicht!

Seattle Genetics: Top-Gewinner

Der große Gewinner des ESMO 2019 ist Seattle Genetics. Die Aktie konnte trotz des derzeit schwachen Marktumfelds auf ein neues Allzeithoch nach oben ausbrechen. Grund sind starke Phase-1-Daten zu Enfortumab Vedotin. Dieses wurde bei bei lokal fortgeschrittenen oder metastasierten Urothelkarzinomen (Blasenkarzinomen) in Kombination mit Keytruda (Pembrolizumab) von Merck getestet. Das Resultat: eine sehr hohe Gesamtansprechrate. Bei 73 Prozent der Patienten zeigten sich positive Auswirkungen, bei 13 Prozent gelang sogar eine vollständige Remission. Und das bei einem sehr vielversprechenden Risikoprofil. Und auch die weitere Pipeline kann sich sehen lassen, weswegen Seattle Genetics durchaus bereits ins Visier eines größeren Biotechs geraten sein könnte.

Seattle Genetics (WKN: 602322)

Onkologie-Player wie Agios oder Deciphera haben die ESMO-Bühne genutzt, um mehr Aufmerksamkeit für ihre Studiendaten zu bekommen. Die beiden Gesellschaften und Seattle Genetics sind erst recht nach der Vorstellung in Barcelona im erweiterten Kreis der Übernahmekandidaten angekommen. Die Papiere von GlaxoSmithKline und Merck & Co eignen sich für konservative Anleger.

Hinweis: Dieser Artikel erschien bereits in der AKTIONÄR-Ausgabe 42/2019, welche für Sie hier als E-Paper zur Verfügung steht.