Amazon baut in der abgeschotteten Behördencloud ein zweites Cloudgeschäft auf – mit bis zu 50 Milliarden Dollar für Rechenleistung, einer Milliarde Dollar für eigene Ingenieurteams und jetzt den Modellen fast aller großen KI-Anbieter. Das ist kein Nebenschauplatz.
Trump hat im Juni zwei Papiere unterzeichnet, die den amerikanischen Staat zum Großkunden der KI-Branche machen: eine Verfügung zur beschleunigten Einführung Künstlicher Intelligenz in den Behörden und wenige Tage später ein Memorandum zur nationalen Sicherheit, das die Beschaffung von KI für Verteidigung und Nachrichtendienste neu ordnet. Wer davon verdient, entscheidet sich allerdings nicht im Weißen Haus. Es entscheidet sich in einer abgeschotteten Cloudregion im Westen der USA, die intern us-gov-west-1 heißt.
Dort betreibt Amazon Web Services die AWS GovCloud (US), eine physisch und logisch abgetrennte Umgebung für amerikanische Behörden, Streitkräfte und deren Zulieferer, betrieben ausschließlich von amerikanischen Staatsbürgern auf amerikanischem Boden. Die genauen Standorte der Rechenzentren nennt Amazon nicht, das gehört zum Sicherheitskonzept. Seit dem Wochenende sind dort die Modellfamilien von Anthropic, Meta, OpenAI, SpaceXAI und Nvidia über die Plattform Amazon Bedrock verfügbar, neben Amazons eigener Nova-Reihe.
Aufgebaut wurde das über Monate, Baustein für Baustein: die Sicherheitsfreigaben für Claude und Llama, die offenen Modelle von OpenAI und die Nemotron-Reihe von Nvidia, zuletzt Grok, das seit der Übernahme von xAI durch SpaceX unter dem Namen SpaceXAI firmiert. Was jetzt fertig ist, ist die Vollständigkeit des Angebots.
Was Amazon dafür ausgibt
AWS spricht von bis zu 50 Milliarden Dollar für speziell gebaute KI- und Supercomputing-Infrastruktur im Behördenumfeld. Im selben Atemzug meldete Amazon die allgemeine Verfügbarkeit der AWS Secret Cloud for Industry, einer Umgebung, in der Rüstungszulieferer eingestufte Arbeitslasten betreiben können. Erster Kunde ist Northrop Grumman. Dazu kommen bis zu eine Milliarde Dollar an Cloud-Guthaben, mit denen Amazon die Migration der amerikanischen Nachrichtendienste beschleunigen will.
Das ist die eigentliche Bewegung: Amazon zahlt dafür, dass Behörden ihre Arbeitslasten überhaupt erst verlagern – und kassiert später über Jahre die laufenden Gebühren. Wie hart der Wettbewerb dort ist, zeigt allerdings das größte Projekt des Ressorts. Die Plattform GenAI.mil, die das Department of War seit Dezember allen Bediensteten auf den Schreibtisch gestellt hat, läuft mit Gemini von Google. Fünf der sechs Teilstreitkräfte haben sie zum Standard erklärt. Amazon gewinnt in diesem Markt nicht automatisch.
Warum hier niemand einfach wechselt
FedRAMP ist das amerikanische Prüfsiegel für Cloudangebote im Behördengeschäft, die Stufen IL4 und IL5 sind die Freigaben des Department of War für sensible, aber nicht geheime Daten. Ohne diese Zertifikate darf eine Behörde einen Dienst nicht einkaufen, und die Prüfung dauert nicht Wochen, sondern Jahre.
Wie eng das Korsett sitzt, zeigt die technische Anleitung, die AWS für Claude Opus 4.8 in der GovCloud veröffentlicht hat. Die Lizenzbedingungen des Modells müssen zunächst in einem verbundenen kommerziellen Konto akzeptiert werden, erst danach schaltet ein zweiter Administrator das Modell in der Behördenumgebung frei. Die gesamte Verarbeitung bleibt innerhalb der isolierten Grenze, auf verschlüsselten Endpunkten nach dem Standard FIPS, ohne Zugriff des Betreibers. Eine Behörde, die ihre Anwendungen einmal darauf gebaut hat, wechselt nicht wegen eines besseren Preises.
Genau darin liegt Amazons Position. Bedrock ist die Zwischenschicht, über die verschiedene Modelle an einer Kasse abgerechnet werden. Amazon verdient unabhängig davon, welches Modell gerade als das beste gilt – und die Zulassung wirkt wie ein Zaun um den eigenen Vorgarten.
Die Zahlen dahinter
Im Q2 2026 stieg der AWS-Umsatz um 37 Prozent auf 42,2 Milliarden Dollar, das schnellste Tempo seit 18 Quartalen. Das Betriebsergebnis des Segments kletterte von 10,2 auf 16,6 Milliarden Dollar, ein Plus von 63 Prozent, die Marge von 32,9 auf 39,4 Prozent. Wichtig für die Einordnung: Diese Werte gehören zum Segment AWS. Der Konzern kam auf 200,6 Milliarden Dollar Umsatz und ein Betriebsergebnis von 27,5 Milliarden Dollar, ein Plus von 43 Prozent. Im Nettogewinn von 62,60 Milliarden Dollar stecken 53,4 Milliarden Dollar nicht-operativer Vorsteuerertrag, im Wesentlichen aus der Höherbewertung der Anthropic-Beteiligung – ein Buchungsvorgang, kein verdientes Geld.
CEO Andy Jassy geht mit der Zeit
Microsoft und Google betreiben eigene Behördenumgebungen mit vergleichbaren Zertifikaten, und das Beispiel GenAI.mil zeigt, dass der Wettbewerber dort auch gewinnt. Behördenbudgets sind zudem ein kleiner Teil eines Geschäfts, das auf eine Jahresrate von 169 Milliarden Dollar hochgerechnet ist – die 50 Milliarden Dollar sind eine Absichtserklärung über mehrere Jahre, also noch keine gebuchten Aufträge.
Die Investitionsprognose für 2026 wurde auf rund 220 Milliarden Dollar angehoben, der freie Cashflow der vergangenen zwölf Monate drehte auf minus 7,6 Milliarden Dollar. Vor einem Jahr stand dort noch ein Plus von 18,2 Milliarden Dollar. Der Auftragsbestand von 496 Milliarden Dollar stützt die These, dass die Kapazität abgenommen wird. Bewiesen ist sie erst, wenn die Abschreibungen aus dem Rechenzentrumsbau in der Gewinn- und Verlustrechnung ankommen und die Marge trotzdem hält.
Vorstandschef Andy Jassy hat auf dem jüngsten Analystengespräch gesagt, AWS könne „sehr wohl mit der Zeit“ ein Geschäft mit einer Billion Dollar Jahresumsatz werden, und rund 85 Prozent der weltweiten IT-Ausgaben lägen weiterhin in eigenen Rechenzentren. Beides sind Aussagen des Anbieters im Konjunktiv, keine Prognose und keine unabhängige Marktstatistik.
Ende Oktober legt Amazon die Zahlen zum dritten Quartal vor. Der Konzern rechnet dann mit 197 bis 202 Milliarden Dollar Umsatz. Für Anleger zählen an diesem Tag vor allem drei Dinge: Bleibt die AWS-Marge über 39 Prozent, wächst der Auftragsbestand weiter kräftig, und hält es bei 220 Milliarden Dollar Investitionen? Steigt die Investitionssumme erneut, rückt die Frage nach dem freien Cashflow wieder in den Vordergrund.
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