Warum ich für ein Buch nach München gefahren bin. Was Schach mit dem Leben und der Börse zu tun hat. Und warum ich dankbar auf die letzten drei Jahrzehnte zurückblicke. Meine Gedanken zur heutigen Jubiläumsausgabe.
Schottische oder italienische Eröffnung? Rochade kurz oder lang? Damentausch oder nicht? Es gibt kaum ein anderes Spiel, in dem so viele Entscheidungen in so kurzer Zeit getroffen werden müssen wie beim Schach. Es ist wie im echten Leben: Du musst Muster erkennen und du musst einen Plan haben und – jetzt sind wir wieder beim Schach – im Idealfall den Gegner zwingen, auf diesen zu reagieren. Gleichzeitig kann aber jede Aktion des Gegners alle deine Pläne über den Haufen werfen. Und eine Sache ist ganz wichtig (und mitunter extrem frustrierend): Du kannst die ganze Zeit komplett überlegen sein – aber ein einziger Fehler reicht aus und die Niederlage ist besiegelt. Schach hat mich seit frühester Kindheit begeistert. Die Leidenschaft für dieses Spiel hat mich viel fürs Leben gelehrt.
Viele Jahre war Schach eine Randerscheinung. Natürlich gab es Schachklubs und man wusste, wer Bobby Fischer und Boris Spasski waren. Aber viel mehr war nicht. Natürlich gab es auch noch die Geschichte vom Reiskorn, das auf jedem Feld des Bretts verdoppelt werden soll. Kaum eine Konferenz, bei der dieses Bild nicht benutzt wird, um exponentielles Wachstum zu verdeutlichen. Aber da ging es dann um Big Tech, um Chips, um Künstliche Intelligenz. Nicht um das Spiel an sich. Dann kam eine Netflix-Serie: „The Queen’s Gambit“. Und auf einmal schaute sich jeder das Drama über eine hochbegabte Waise und ihren Weg zur Schachweltmeisterschaft an. Auch die Coronapandemie spielte mit Sicherheit eine Rolle, in Kombination mit den unzähligen Möglichkeiten, online Schach zu erlernen und gegen Bots oder andere Menschen zu spielen.
Mittlerweile gibt es zahllose „Content Creators“, die in den sozialen Medien oder auf YouTube und TikTok Videoclips rund um das königliche Spiel präsentieren. Dabei reicht die Palette von aufwendig gemachten Kurzfilmen bis hin zu Clips von unter einer Minute mit Themen wie „So schaffst du ein Matt in zehn Zügen!“. Der weltweit vermutlich erfolgreichste dieser Zunft ist Levy Rozman. Auf YouTube folgen dem New Yorker Internationalen Schachmeister mittlerweile über acht Millionen Menschen.
Irgendwann fiel mir sein erstes Schachbuch in die Hände. Ich habe es mit sehr viel Vergnügen gelesen. Danach folgten seine Videos. Mir gefiel sein Ansatz: schnell, klar, präzise. Gut gelaunt, plakativ, auch für Jugendliche spannend. Und Ideen wie die, sich auch einmal auf exotische Eröffnungen zu fokussieren und den Gegner damit zu überraschen. Es war mir eine große Freude, als wir in unserem Verlag die Rechte an seinem neuen Buch erwerben konnten. Seit einigen Tagen ist es nun in deutscher Sprache erhältlich. Anlässlich der Präsentation der deutschen Ausgabe traf ich Levy in München und war beeindruckt, mit welcher Begeisterung und welchem Engagement er trotz seines enormen Erfolges nach wie vor zu Werke geht. Ein absoluter Überzeugungstäter! Es war mir ein Vergnügen!
Und noch etwas zum Thema Engagement: Seit 30 Jahren ist DER AKTIONÄR mittlerweile für seine Leser da. Wenige Tage vor dem Börsengang der Telekom erschien er zum ersten Mal. In dieser Ausgabe feiern wir das und blicken auch ein wenig zurück. Ich danke dem gesamten Team für die Arbeit der letzten drei Jahrzehnte und ich danke Ihnen, unseren treuen Lesern, die mit uns durch Bullen- und Bärenmärkte gegangen sind. Ihnen allen und uns allen wünsche ich weiterhin viel Erfolg an der Börse!
Heute, 08:34
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