02.03.2019 Michel Doepke

Celgene als Warnung: AbbVie und der Humira-Abriss

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Celgene
Trendthema

Es gilt als das umsatzstärkste Medikament der Welt: Humira (Wirkstoff Adalimumab). Wussten Sie, dass der vielseitig anwendbare Antikörper seinen Ursprung in Deutschland hat? Der Chemie-Riese BASF entwickelte Adalimumab zusammen mit Cambridge Antibody Technology einst gegen Rheuma. Der DAX-Konzern trennte sich dann von der Pharma-Sparte, Abbott ließ nicht locker und entwickelte die Substanz weiter. Inzwischen agiert das Abbott-Pharmageschäft eigenständig unter dem Namen AbbVie an der Börse und vertreibt Humira. Knapp 20 Milliarden Dollar erlöste AbbVie allein im Geschäftsjahr 2018 mit dem Medikament gegen verschiedene Gelenkerkrankungen und chronisch entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn oder Colitis Ulcerosa. Doch die Erfolgsstory könnte ein jähes Ende finden.

Biosimilars treffen AbbVie

Der 17. Oktober 2018 sollte für den Top-Seller von AbbVie in Europa alles verändern. Denn das Patent für den Antikörper lief aus. Amgen, Boehringer Ingelheim, die Novartis-Division Sandoz, Mylan und Samsung Bioepis (an der Biogen knapp die Hälfte der Anteile hält) haben diesem Tag lange entgegengefiebert. Denn diese Unternehmen stehen mit Biosimilars, also nahezu identischen, günstigeren Kopien des Mega-Blockbusters Humira, in den Startlöchern.

Dass die günstigeren Humira-Varianten sich bereits jetzt massiv auf die AbbVie-Bilanz auswirken, zeigten die Zahlen zum vierten Quartal, wo die ersten Biosimilar-Player den europäischen Markt mit Präparaten fluteten. Die internationalen Humira-Verkäufe (exklusive USA) brachen um 17,5 Prozent auf 1,3 Milliarden Dollar ein. Klingt nicht so dramatisch. Schließlich erlöste AbbVie den Löwenanteil der 4,92 Milliarden Dollar an Humira-Erlösen im Berichtszeitraum in den USA. Dort bleibt AbbVie vorerst von den Biosimilar-Rivalen verschont, bis 2023 drohen keine Kopien von Humira den US-Markt zu fluten. Und dennoch: Der massive Einbruch bei den internationalen Humira-Verkäufen ist eine Warnung an alle AbbVie-Bullen.

Verhaltener Ausblick

Entsprechend vorsichtig fiel auch der Ausblick auf das Geschäftsjahr 2019 aus. Das Unternehmen prognostiziert 7,39 bis 7,49 Dollar, Analysten erwarteten 8,65 bis 8,75 Dollar Gewinn je Aktie. Darüber hinaus dünnt sich die AbbVie-Pipeline nach Humira aus. Mit weitem Abstand auf den Mega-Blockbuster folgt das Krebsmittel Imbruvica, das rund 4,5 Milliarden Dollar im laufenden Jahr in die AbbVie-Kasse spülen soll. Weitere große dynamische Wachstumstreiber sind bis dato nicht in Sicht. AbbVie steht also unter Zugzwang, um das immer größer werdende Umsatzloch durch auslaufende Patente von Humira zu stopfen. Ob das gelingt? Für den AKTIONÄR steht fest: Aus eigener Kraft und mit den Wirkstoffen in der Pipeline wird es schwierig für AbbVie, die Investorenriege von einer langfristig angelegten Pharma-Story zu überzeugen. Zukäufe könnten die Amerikaner entlasten.

Der Druck steigt

AbbVie musste schon im ersten Quartal mit Humira-Biosimilars eine bittere Pille schlucken. Der Druck auf den Mega-Blockbuster dürfte weiter steigen. Wie sich Patentsorgen auf Aktienkurse auswirken können, zeigte das Beispiel Celgene. Angst vor wegbrechenden Revlimid-Umsätzen ließ die Aktie in der Spitze um 60 Prozent einbrechen, das Kurs-Gewinn-Verhältnis schrumpfte auf 5 zusammen. Und das bei zweistelligen Wachstumsraten. AbbVie könnte ein ähnliches Schicksal ereilen. Spekulativ ausgerichtete Anleger setzen auf dieses Szenario mit einem Short-Zertifikat.

Hinweis: Dieser Artikel erschien bereits in der AKTIONÄR-Ausgabe 07/2019 als Top-Tipp Derivate.