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06.03.2021 Michel Doepke

Fresenius Medical Care: "Wir sondieren den Markt" – CFO Helen Giza im AKTIONÄR-Interview

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Fresenius Medical Care

Fresenius Medical Care (FMC) bekommt die Corona-Pandemie mit voller Wucht zu spüren. Dennoch soll die Dividende für die Aktionäre erhöht werden. Helen Giza, Finanzchefin der Dialyse-Tochter von Fresenius, blickt im Interview mit dem AKTIONÄR auf die Highlights und die Auswirkungen der Pandemie im Jahr 2020 zurück und gibt einen Ausblick auf das laufende Geschäftsjahr.

DER AKTIONÄR: Frau Giza, das Jahr 2020 stand ganz im Zeichen der Corona-Pandemie. Wie belastend hat sich die Krise auf das operative Geschäft von Fresenius Medical Care (FMC) ausgewirkt?

Helen Giza: Die Pandemie hat uns im vergangenen Jahr erheblich belastet, insbesondere im vierten Quartal. Durch striktes Kostenmanagement und auch mithilfe staatlicher Unterstützung konnten wir die negativen Auswirkungen teilweise abmildern. So ist es uns gelungen, den Umsatz um währungsbereinigt fünf Prozent zu steigern und damit unser Ziel für 2020 zu erreichen. Unser Gewinnwachstum übertraf mit währungsbereinigt zwölf Prozent sogar unsere Prognose.

Die beschleunigten Infektionsraten zum Ende des Jahres 2020 haben leider zu einer deutlichen Übersterblichkeit unter den Dialysepatienten geführt. Was an den Kapitalmärkten, wo auf die nackten Zahlen geschaut wird, zu kurz kommt: Der Verlust von Menschenleben, den wir auf der ganzen Welt als Folge dieses Virus gesehen haben, ist eine absolute Tragödie. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben sich unermüdlich dafür eingesetzt, unsere Patienten trotz allem weiterhin gut zu versorgen. Das macht mich sehr stolz.

Helen Giza ist CFO von Fresenius Medical Care (FMC).

Wie entwickelt sich die Übersterblichkeit bei Dialyse-Patienten in der Pandemie? Welche Auswirkungen sind hierbei kurz- bis mittelfristig zu erwarten?

Menschen mit fortgeschrittener Nierenerkrankung gehören zu den Personen, die am meisten gefährdet sind, schwer an Covid-19 zu erkranken. Ihre Übersterblichkeit infolge des Virus führt zu geringeren Behandlungsvolumina, die kurzfristig nicht kompensiert werden können. Diese Entwicklung wird voraussichtlich noch im Jahr 2021 anhalten. Darüber hinaus werden Covid-19-bedingte Mehrkosten die Ergebnisentwicklung weiter belasten.

Die wachsende Zahl zugelassener Impfstoffe macht Hoffnung auf einen Ausweg aus der Pandemie. Hoffentlich nutzen so viele Menschen wie möglich die Chance und lassen sich impfen. Wir setzen uns dafür ein, dass unsere Patienten möglichst schnell geimpft werden können, und stellen, wo möglich, dazu auch unsere eigenen Einrichtungen zur Verfügung.

Welche Impulse erwartet Fresenius Medical Care vom neuen US-Präsidenten Joe Biden für das amerikanische Gesundheitssystem und den Dialyse-Markt im Speziellen?

Die Bevölkerungen weltweit wachsen, und die Menschen werden immer älter. Damit stehen die meisten Gesundheitssysteme mittel- bis langfristig vor der Herausforderung, sich so weiterzuentwickeln, dass sie die Kosten im Griff behalten und trotzdem bessere Medizin und mehr Lebensqualität bieten.

Das gilt auch für die USA. Dort gibt es zum Beispiel wertorientierte Versorgungsmodelle, in denen uns die Verantwortung für die komplette medizinische Versorgung unserer Patienten übertragen wird. Vergütet wird nicht nach Einzelleistungen, sondern orientiert an den Behandlungsergebnissen. Dies halten wir für den richtigen Weg, und wir stehen bereit, die US-Regierung bei diesem Ansatz weiterhin zu unterstützen.

Wir sind Teil der Lösung und werden weiterhin eng mit der Regierung, den politischen Entscheidungsträgern und den Gesundheitsbehörden weltweit zusammenarbeiten, um unseren Patienten eine hochwertige und bezahlbare Versorgung zu bieten.

Zu den Jahreszahlen 2020: Welche Highlights können Sie hervorheben?

2020 war mein erstes volles Jahr bei Fresenius Medical Care und wird mir immer in Erinnerung bleiben. Es war ein außerordentlich herausforderndes, aber auch erfolgreiches Jahr. Wir haben unsere Vorgaben trotz der Pandemie erreicht.

Und was noch wichtiger ist: In einigen wichtigen Bereichen sind wir weiter vorangekommen. Nehmen Sie die Heimdialyse als Beispiel. Mehr als 14 Prozent unserer Dialysebehandlungen in den USA führen wir im häuslichen Umfeld der Patienten durch. Unsere Übernahme des Heimdialyse-Spezialisten NxStage im Jahr 2019 zahlt sich jetzt noch mehr aus, da sich immer mehr Patienten für eine Behandlung zu Hause entscheiden.

Darüber hinaus hatte unser Produktgeschäft ein sehr starkes Jahr, getragen von Produkten für Akutbehandlungen und die Heimdialyse.


Wo sehen Sie Verbesserungspotenzial?

In den jetzt 25 Jahren seit unserer Gründung sind wir kontinuierlich gewachsen und mittlerweile in rund 150 Ländern vertreten. Wir werden unser gesamtes Betriebsmodell jetzt darauf hin abklopfen, wo es sich vereinfachen und verschlanken lässt, etwa indem wir die Chancen der Digitalisierung ergreifen und unsere Erkenntnisse aus Covid-19 für eine neue Normalität des Arbeitens nutzen.

Aus diesem Grund haben wir ein Programm gestartet, das wir FME25 nennen. Bis 2025 werden wir bis zu 500 Millionen Euro investieren, um unsere Kostenbasis nachhaltig zu senken. Wir gehen davon aus, dass jeder investierte Euro unsere jährlichen Kosten um mindestens den gleichen Betrag senken wird. Dieses Programm wird unsere Wachstumsstrategie 2025 unterstützen, unsere Profitabilität weiter stärken und die erwarteten Auswirkungen von Covid-19 kompensieren.

Plant FMC im Jahr 2021 mit Übernahmen respektive anorganischem Wachstum?

Wir sondieren den Markt immer nach interessanten Möglichkeiten, um im Einklang mit unserer Wachstumsstrategie Mehrwert zu schaffen. Fresenius Medical Care ist ja selbst vor 25 Jahren aus einer großen Akquisition geboren worden, und unser signifikantes Wachstum in den ersten Jahren war getragen von der Marktkonsolidierung im Bereich der Dialysedienstleistungen. Wir beschränken uns aber nicht nur auf Fusionen und Übernahmen. Auch intelligente Partnerschaften und Beteiligungen gehören dazu. Nehmen Sie dafür Humacyte oder eGenesys als Beispiele.

Fresenius Medical Care (WKN: 578580)

Was können Anleger im angelaufenen Geschäftsjahr von FMC erwarten?

Zunächst einmal planen wir eine weitere Dividendenerhöhung. Wenn der Vorschlag angenommen wird, wäre das dann die 24. in Folge.

Für 2021 bleibt Covid-19 das beherrschende Thema und wir rechnen mit erheblichem Gegenwind. Wir erwarten aber auch Rückenwind von Entwicklungen, die unser Geschäft über die Pandemie hi-naus unterstützen werden, darunter die Ausweitung der wertorientierten Versorgungsprogramme. Zudem rechnen wir mit verbesserten Erstattungssätzen und gehen davon aus, dass sich der Trend zur Heimdialyse fortsetzen wird.

Vielen Dank für das Interview, Frau Giza!

Nach der Corona-Pandemie sollte das Geschäft von FMC wieder an Dynamik gewinnen. Für langfristig ausgerichtete Anleger bietet das aktuelle Kursniveau eine interessante Einstiegsgelegenheit.