Trump nennt die Warnungen einen Hoax, der Anthropic-Chef will Tempo herausnehmen. Entschieden hat am Montag keiner von beiden – sondern die Umschichtung dazwischen.
Donald Trump hat am Montag mindestens fünfmal auf Truth Social zur Künstlichen Intelligenz geschrieben. Er nannte sich selbst „Hoax Buster" (frei übersetzt: Schwindel-Jäger), stellte die Warnungen vor der Technologie in eine Reihe mit dem Klimawandel und setzte den Satz „Don’t kill the Golden Goose!" dagegen. Adressat war namentlich Dario Amodei. Der Anthropic-Chef hatte am Samstag zuvor einen Essay veröffentlicht, in dem er die Branche auffordert, das Tempo der Fähigkeitssprünge zu drosseln. Sam Altman und Elon Musk stimmten binnen eines Tages zu.
Wall Street: keine Bremse, sondern eine Rotation
Nur hat der Markt über diese These gar nicht abgestimmt. Er hat umgeschichtet. Am selben Montag verlor Micron rund fünf Prozent, Intel rund sechs Prozent, Nvidia rund drei Prozent. Gleichzeitig sprang CrowdStrike um rund 14 Prozent und damit auf ein Rekordhoch, Zscaler um rund 16 Prozent, SentinelOne um 15 Prozent, Palo Alto Networks um rund 13 Prozent, Okta um 12 Prozent. Der S&P 500 gab dabei nur 0,5 Prozent nach. Verkauft wurde also nicht das Thema Künstliche Intelligenz, sondern eine Etage davon – und eine andere wurde gekauft.
Der Übertragungsweg ist schnell erklärt. Amodeis Essay ist als Appell an die Branche verfasst, für einen IT-Verantwortlichen liest er sich jedoch wie eine Gefährdungsanzeige: Ein Schwarm autonomer Agenten könne binnen sechs bis zwölf Monaten das Internet übernehmen. Wer das liest und ein Budget zu verantworten hat, kürzt deshalb nicht die Rechenleistung. Er erhöht das Budget für Überwachung. Der Sachverständige, der die Elektrik im Haus für schneller gewachsen hält als die Absicherung, bringt den Eigentümer nicht dazu, weniger Strom zu ziehen, sondern dazu, den Elektriker zu bestellen.
Zwischen dem Halbleiterkorb und den Sicherheitswerten lagen an einem einzigen Handelstag annähernd 20 Prozentpunkte. Das ist kein Stimmungsausschlag mehr, das ist eine Positionierung. DER AKTIONÄR berichtete bereits am Freitag, dem 11. September, über das Thema Sicherheit.
Die Gegenseite: Der Appell verlangt keinen Chip weniger
Gegen diese Lesart steht ein kräftiges Argument. Der Essay fordert an keiner Stelle, weniger Rechenkapazität zu kaufen. Anthropic selbst zahlt nach Marktberichten rund 1,25 Milliarden Dollar im Monat für Rechenkapazität, mit Verträgen bis Mai 2029. Nvidia meldete für das im Juli beendete Quartal 96,2 Milliarden Dollar Umsatz, davon 89 Milliarden Dollar im Rechenzentrumsgeschäft, ein Plus von 117 Prozent, und stellt für das laufende Quartal 108 Milliarden Dollar in Aussicht. David Sacks, KI-Beauftragter des Weißen Hauses, hat den Verdacht offen formuliert: Wer die Grenze selbst setzt, könne sie auch selbst langsamer verschieben, und die Motivation sei nicht rein altruistisch, es gehe auch um Produkthaftung. Wer darauf setzt, dass sich am Investitionszyklus nichts ändert, hat die harten Zahlen auf seiner Seite.
Drei Prüfsteine
- Anthropic-Börsengang: Der Prospekt liegt seit Juni vertraulich vor, die Notierung wird ab Oktober erwartet – der Ausgabepreis ist die erste echte Abstimmung über den Bremsappell.
- Nvidia-Quartalszahlen im November: Die eigene Prognose von 108 Milliarden Dollar zeigt, ob die Bestellungen der Rhetorik folgen.
- Zwischenwahlen am 3. November: Bis dahin kommt kein Gesetz, danach entscheidet die neue Mehrheit, ob aus Truth-Social-Beiträgen Regulierung wird.
Zwei Sätze standen sich am Montag gegenüber, und beide waren Rhetorik. Der Präsident nannte das Risiko einen Hoax, der Anthropic-Chef nannte es dringlich. Bezahlt wurde weder das eine noch das andere. Bezahlt wurde die Annahme, dass die Modelle, die es bereits gibt, bewacht werden müssen. Das ist die kleinere These, aber die überprüfbare – und sie hängt nicht davon ab, wer in Washington recht behält.
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