Der Claude-Entwickler will seinen künftigen Aktionären einen Markt vorrechnen, der so groß ist wie die gesamte jährliche Wirtschaftsleistung der USA. Was hinter der Zahl steckt – und warum ausgerechnet der Kurs von SpaceX zum Vergleich herangezogen wird.
Anthropic wird potenziellen Investoren nach Informationen des Wall Street Journal einen adressierbaren Markt von mehr als 30 Billionen Dollar präsentieren. Bis zu 100 Milliarden Dollar soll der Börsengang einbringen, bei einer Bewertung von rund zwei Billionen Dollar. Es wäre der größte Börsengang aller Zeiten.
Der adressierbare Markt, im Fachjargon TAM (Total Addressable Market), ist der Jahresumsatz bei 100 Prozent Marktanteil. Entscheidend ist deshalb nicht die Zahl, sondern der Zuschnitt. Anthropic zählt nicht den Softwaremarkt, sondern sämtliche Arbeit, die sich mit KI-Modellen erledigen ließe. Damit wird aus einem Branchensegment der Arbeitsmarkt selbst.
Zur Einordnung: Die 191 Technologiekonzerne im S&P 1500 (S&P 500, S&P MidCap 400, S&P SmallCap 600), der rund 90 Prozent der US-Marktkapitalisierung abdeckt, setzten im vergangenen Jahr zusammen 2,4 Billionen Dollar um. Anthropic beansprucht das 12,5-Fache. SpaceX nannte im Mai 28,5 Billionen Dollar – nach eigener Darstellung der größte erreichbare Markt der Geschichte.
Anthropic: Was die Bewertung unterstellt
Der Umsatz hat sich im zweiten Quartal Berichten zufolge auf 11,6 Milliarden Dollar mehr als verdoppelt, die annualisierte Rate lag im Juli bei 65 Milliarden Dollar. Daraus ergibt sich bei rund zwei Billionen Dollar Bewertung ein Kurs-Umsatz-Verhältnis von 30,8 – gemessen an der eigenen Prognose für das Jahr 2028 von 190 bis 200 Milliarden Dollar sind es 10,3. Die letzte vorbörsliche Bewertung vom Mai lag bei 965 Milliarden Dollar; der Börsengang würde sie mehr als verdoppeln.
Der Realitätscheck heißt SpaceX
Aswath Damodaran, Bewertungsprofessor an der New Yorker Stern School of Business, nannte den TAM im SpaceX-Prospekt schon vor der Emission fantastisch und stellte ihn in eine Reihe mit Uber (5,7 Billionen Dollar im Jahr 2019) und Airbnb (3,4 Billionen Dollar im Jahr 2020). Der Markt gab ihm zunächst recht: ausgegeben zu 135 Dollar, Anfang August zeitweise unter 105 Dollar, inzwischen wieder über dem Ausgabepreis. Ein TAM ist schnell erzählt, ein Kurs muss ihn tragen. Hinzu kommt die Kostenseite: Anthropic schreibt Verluste, und die größten Kapitalgeber sind zugleich die Cloud-Anbieter.
Was der KI-Markt an Vorleistung kostet
Was solche Marktzahlen an Vorleistung kosten, führte SpaceX am Dienstag vor. Auf rund 125.000 Acres Marschland bei Pecan Island in Louisiana soll für mindestens 100 Milliarden Dollar der größte Startplatz des Unternehmens entstehen: fünf Komplexe mit je zwei Startrampen, dazu eigene Treibstoffproduktion und Stromerzeugung. Baubeginn ist 2027, der erste Start frühestens 2029. Der Standort soll ausdrücklich auch jene Satellitenkonstellation tragen, mit der SpaceX Rechenzentren in die Umlaufbahn bringen will – also genau den KI-Anteil, der den SpaceX-TAM überhaupt erst auf 28,5 Billionen Dollar hebt. Vorerst ist das eine Baustelle: Starship steht im September vor dem 14. Testflug. Der Abstand zwischen ausgerufenem Markt und belastbarem Betrieb misst sich hier in Jahren und Milliarden.
OpenAI: Unruhe beim Wettbewerber
Wie heikel die Engstelle Rechenleistung ist, zeigt der Rivale: Bei OpenAI hat Rechenzentrumschef Chris Malone das Haus verlassen – nach Brad Lightcap, Denise Dresser und Fidji Simo der vierte Abgang aus der Führungsebene. OpenAI hat im Juni ebenfalls vertraulich eingereicht, nennt aber bis heute keinen Termin. Das Zeitfenster gehört vorerst Anthropic – und mit ihm die Rolle des ersten öffentlichen Bewertungsmaßstabs für die Branche.
Das Formular S-1, die Registrierungserklärung für den Börsengang, liegt noch vertraulich bei der SEC. Erst mit seiner Veröffentlichung in den kommenden Wochen stehen Zahlen und Risikofaktoren geprüft fest; ein Debüt wäre danach im September möglich.
Der adressierbare Markt ist keine Prognose, sondern eine Erlaubnis: zwei Billionen Dollar nicht am heutigen Umsatz zu messen, sondern an einer Zahl, die sich vorerst nicht widerlegen lässt.
Noch ist Anthropic nicht an der Börse handelbar. Wer aber den Weltraum entdecken möchte, kann dies jetzt bereits mit SpaceX tun.
DER AKTIONÄR hat die SpaceX-Aktie jüngst ins AKTIONÄR-Depot aufgenommen.
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Der Vorstand und Mehrheitsinhaber der Herausgeberin Börsenmedien AG, Herr Bernd Förtsch, ist unmittelbar und mittelbar Positionen über die in der Publikation angesprochenen nachfolgenden Finanzinstrumente oder hierauf bezogene Derivate eingegangen, die von der durch die Publikation etwaig resultierenden Kursentwicklung profitieren können: SpaceX.
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