20.04.2020 Leon Müller

Alles auf ein Pferd zu setzen, ist fast immer falsch

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DAX

Mit der deutschlandweiten Legalisierung der Online-­Glücksspiele Anfang des ­Jahres wurde ein Tor ­geöffnet – sowohl für Zocker als auch Anbieter.

Es gibt Auflagen: Limits, Früherkennung von Suchtgefährdeten etc. Dennoch spielt das den Online-Wettanbietern buchstäblich in die Karten. Doch worauf setzen, wenn durch die Corona-Pandemie beinahe alle wetttauglichen Ereignisse gestrichen sind? Darüber haben wir mit Jan „QuotenWilly“ Maack, dem deutschen Profizocker, gesprochen.

QuotenWilly heißt ­eigentlich Jan Maack, ist 32 Jahre alt und erzielt im Monat 20.000 Euro mit Sportwetten.

DER AKTIONÄR: Was ist das wichtigste Zocker-­Geheimnis?  

Jan Maack: (lacht) Viele Leute denken, es geht um die reinen Ergebnisse eines Fußballspiels. Wenn man auf eine Mannschaft wettet und diese dann nicht gewinnt, ist es für viele direkt eine schlechte Wette gewesen. Das ist aber nicht der Fall. Bei Sportwetten geht es um Wahrscheinlichkeiten. Quoten sind nichts anderes als Wahrscheinlichkeiten. Die Kunst ist es, in diesen Quoten Value zu erkennen. Das bedeutet, dass man die Wahrscheinlichkeit eines Spielausgangs besser vorhersagen beziehungsweise kalkulieren kann als die breite Masse der Wettenden. Wenn nun also meine gespielte Quote höher ist als die margenbereinigte Schlussquote eines asiatischen Buchmachers, dann kann man schon davon sprechen, dass man eine gute Wette gespielt hat. Ganz unabhängig vom Ausgang des Spiels. Langfristig ist das ein recht guter Indikator. Darüber hinaus ist ein gutes Money Management und langfristiges Denken ebenso von enormer Bedeutung wie ein starkes Mindset. Darunter fällt zum Beispiel, dass man seine Emotionen im Griff haben und auch längere Verlustphasen verkraften können muss. 

Was war Ihre beste und was war Ihre schlechteste Wette bisher?  

Das ist schwer zu sagen. Was bedeutet denn beste Wette? Der größte Gewinn? Die höchste Quote? Oder ein erheblicher Informationsvorsprung? Wenn wir nun mal nur über das Jahr 2019 sprechen, war zum Beispiel das Weiterkommen von Liverpool gegen Bayern München in der Champions League eine sehr gute Wette. Nicht mal aufgrund der Quote (1,94), sondern eher wegen des erhöhten Einsatzes. Normalerweise spiele ich mit einem Prozent meines Kapitals pro Wette, selten einmal zwei Prozent und noch seltener drei. Grundsätzlich sollte man, wie auch bei Aktientrades, konservativ vorgehen und niemals mehr als fünf Prozent pro Wette einsetzen. Und in diesem Fall habe ich drei Prozent auf Liverpool gesetzt. Wie alle wissen, hat Liverpool dann am Ende die Champions League gewonnen. Wenn es um die höchste Quote geht, dürfte es das Weiterkommen von Ajax Amsterdam gegen Juventus Turin im Champions-League-Viertelfinale gewesen sein. Die Quote lag bei 4,25 (bis zum Anpfiff des Hinspiels ist sie sogar noch auf 3,38 gefallen). Und für einen enormen Informationsvorsprung erinnere ich mich an eine Wette aus dem Sommer. Es war ein Vorbereitungsspiel zwischen Wacker Innsbruck (Österreich) und dem FC Ufa (Russland). Wacker Innsbruck ist mit der zweiten Mannschaft angetreten, das war vielen jedoch nicht bewusst. Ich habe eine Wette auf Ufa platziert, Endergebnis 9:1 für die Russen. Oder beim Boxkampf zwischen James DeGale und Chris Eubank Jr. im Februar 2019. DeGale hatte dort Augenprobleme, das war jedoch auch noch nicht in den großen Medien angekommen. Hier hatte man auch einen Informationsvorsprung gegenüber dem Markt.  

Wenn wir von der schlechtesten Wette reden, dann erinnere ich mich an ein Handball-WM-Spiel der Frauen. Rumänien gegen Spanien. Laut meinen Informationen hatten die Spanierinnen einige Probleme im Kader. Aufgrund weiterer Recherche wagte ich eine Wette auf Rumänien, Draw No Bet. Das bedeutet, dass ich den Einsatz zurückerhalte, wenn das Spiel unentschieden ausgeht, was beim Handball öfter vorkommt, als man denken mag (lacht). Gewonnen wird die Wette, wenn Rumänien das Spiel gewinnt. Spanien gewann am Ende völlig verdient mit 31:16. Das war eine richtige Klatsche für Rumänien und eine absolut schlechte Wette. 

Derzeit ruht der Ball. Sobald er ­wieder rollt, werden auch die Zocker zurück­kehren.

Seit Anfang des Jahres sind Online-­Glücksspiele in Deutschland erlaubt. Ist das Fluch oder Segen für ­Profizocker?

Das kommt am Ende ganz darauf an, wie die Bedingungen des neuen Glücksspielstaatsvertrags im Gesetz verankert werden. Aktuell befinden wir uns ja nur in einer Übergangsphase. Ab Juli 2021 soll dann der neue Vertrag in Kraft treten. Viele Dinge werden geplant – bis hin zur kompletten Überwachung des Marktes, sowohl der Anbieter als auch der Spieler. Eigene Behörden sollen dafür entstehen. Des Weiteren sollen die beliebten Live-Wetten verboten oder zumindest stark eingeschränkt werden. Und es ist die Rede von monatlichen Einzahlungslimits, die Buchmacher-übergreifend gelten sollen. Solange wir hier von Einzahlungs- und nicht Einsatzlimits sprechen, ist das für Profispieler noch halbwegs in Ordnung, da diese sicherlich seltener einzahlen als Hobbyspieler. Einsatzlimits jedoch wären das Todesurteil. Dennoch: Jeder Profi hat auch schlechte Phasen und kann mal mehrere Wetten am Stück verlieren, auch über Monate hinweg rote Zahlen schreiben. Und nun stelle man sich einmal vor, dass aufgrund des Limits keine Einzahlung mehr möglich ist, die Varianz bei den Wetten dann umschlägt und dem Profispieler dann die Gewinne entgehen! Meine Meinung ist, dass, wenn alles so vom Staat durchgezogen wird, es die Spieler immer weiter in den Schwarzmarkt zieht. Es ist wichtig, die Balance zu finden.  

Auf Ihrer Homepage kann man von Ihrer Erfahrung profitieren. Wie viel Glück und wie viel Strategie steckt dahinter?  

Glück und Pech gehört bei Wetten immer dazu. Es gibt oft die Szenarien, dass eine Mannschaft im Fußball über 90 Minuten die absolut überlegene Mannschaft ist und das Spiel dann trotzdem verliert oder auch, dass man kurz vor dem Gewinn einer verdienten Wette steht und es dann in der Nachspielzeit der zweiten Halbzeit aus dem Nichts doch noch einen Elfmeter gegen die Mannschaft, auf die gewettet wurde, gibt. Das ist dann Pech. Aber genauso hat man auch Glück. Glück und Pech gleichen sich auf lange Sicht aus. Das ist auch der Grund, warum nur eine langfristige Wettstatistik aussagekräftig ist. Man sollte zumindest einmal 1.000 Tipps gemacht haben, um annähernd einschätzen zu können, ob man mit Sportwetten profitabel ist. Je mehr Wetten wir gespielt haben, desto unwahrscheinlicher wird der Einfluss von Glück und Pech. Ein eigenes Beispiel: Zwischen Juni 2018 und November 2019 habe ich jeden Monat mit einem Plus abgeschlossen und hatte in dieser Zeit deutlich mehr Glück als Pech. Bereits im Laufe des Oktobers 2019 schlug die Varianz dann um und das Pech kam ins Spiel. Bis November 2019 konnte ich mich trotzdem noch ins Plus retten, aber im Dezember war es dann vorbei. Und seitdem (von Anfang Dezember bis Stand heute) bewege ich mich kumuliert im leichten Minus. Das war aber nach der grandiosen Phase von 2018/2019 auch absehbar und nur eine Frage der Zeit. Genauso ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Varianz wieder umschlägt und ich wieder schwarze Zahlen schreibe. Es sei denn jedoch, die Buchmacher sind noch exakter und besser geworden. Man weiß nie, wie es weitergeht.

In Zeiten der Coronakrise werden in Europa so gut wie alle sportlichen Aktivitäten, auf die man wetten könnte, eingestellt. Worauf wettet man dann? 

Das ist eine gute Frage (lacht). Ich genieße gerade die wettfreie Zeit und widme mich anderen Dingen. Mein Ziel ist es, vielen Wettinteressierten zu helfen, besser zu werden. Aber soweit ich weiß, kann man noch in Weißrussland auf Fußballspiele tippen. Was jedoch seit einigen Jahren immer populärer wird und gerade in der jetzigen Coronakrise noch mal einen großen Hype erhalten hat, ist E-Sports. Hier kann man zum Beispiel auf FIFA-Spieler wetten. Auch Spieler von den großen Klubs wie Real Madrid oder FC Barcelona spielen gegeneinander. Und wie es Fußballprofis gibt, gibt es heutzutage auch FIFA-Profis. Das ist aber ein Bereich, in den ich mich bisher nicht hineingearbeitet habe.  

Was erwarten Sie auf dem Markt der Sportwetten, wenn die Krise ausgestanden ist?  

Hoffentlich wieder reichlich Fußballspiele. Es ist ja Stand heute noch vieles möglich. Dass die Spiele alle nachgeholt werden oder aber auch, dass die Saison komplett beendet wird. Für mich wäre es natürlich besser, wenn die Spiele nachgeholt werden und die Saison einfach nach hinten raus verlängert wird. Durch den Ausfall der EM ist da ja noch ein zeitlicher Puffer vorhanden. Gut möglich auch, dass die Krise für einige Fußballvereine ein Segen war, da diese zum Beispiel gerade in einer schwachen Phase waren oder wichtige verletzte Spieler zurückkehren. Hier kann es dann auch zu Quotenfehlern der Buchmacher kommen, die diese Situation dann gegebenenfalls falsch einschätzen. Ich bin mir jedoch sicher, dass die Spieler sofort wieder wetten werden, wenn die Krise ausgestanden ist.  

Im asiatischen Markt gibt es bei den Sportwetten keine Limits, im Gegensatz zu Deutschland. Welche Rolle spielt der asiatische Markt?  

Für Profis ist Asien ein wichtiger Markt. Die asiatischen Buchmacher haben genauere Quoten, die sich durch den Markt anpassen. Dementsprechend schwerer ist es, sie zu schlagen und Gewinne zu erzielen. Aber anders als europäische Buchmacher limitieren sie ihre Spieler nicht. Asien ist bei den Profis nicht mehr wegzudenken.  

Es gibt mittlerweile in Deutschland mehrere Hundert Anbieter für Sportwetten. Der traditionellste ist wohl Oddset. Womit arbeiten Sie?  

Angefangen habe ich auch mit Oddset – ganz früher. Aber die Quoten dort sind nicht wettbewerbsfähig. Tipico ist wohl der bekannteste Anbieter auf dem deutschen Markt. Aber vor allem Bet365 ist ein toller Buchmacher. Sie haben ein breites Angebot und sind absolut seriös. Ich habe bisher in meinem Umfeld noch nie von einem Fall gehört, dass dort zum Beispiel Geld nicht ausgezahlt wurde.

„Die Spieler werden sofort wieder wetten, wenn die Krise ausge­standen ist.“

Man kann auf beinahe alles wetten, beispielsweise, dass Ronaldo in der 64. Minute eine gelbe Karte bekommt oder dass es bei einem taiwanesischen Viertligisten einen Eckball gibt. Wie werden in dieser kurzen Zeit sämtliche Aktivitäten getrackt?

Ja, das ist wirklich absoluter Wahnsinn. Diese „Spaßwetten“ haben jedoch nichts mit langfristigem Sportwetten-Erfolg zu tun. Wie soll man denn berechnen, in welcher Minute oder in welcher Zeitspanne es eine gelbe Karte, einen Eckball oder einen Strafstoß gibt? Das sind einfach Wetten, die „Spaß“ machen beim Mitfiebern, jedoch wird man damit nicht langfristig erfolgreich sein. Es gibt für all diese Geschehnisse auf dem Platz bestimmte Anbieter, die ihre Daten an die Buchmacher verkaufen. Genauso sind bei den unterschiedlichen Spielern auch immer sogenannte „Spotter“ vor Ort, die die Daten in Echtzeit an die eben genannten Anbieter weitergeben.  

Welchen Bezug haben Sie zu Aktien und dem Finanzmarkt?  

Ich sehe Sportwetten als Finanzanlage. Sie machen jedoch auch nur einen Teil meines gesamten Portfolios aus. Ich interessiere mich schon seit längerer Zeit für den kompletten Finanzmarkt und bin auch hier und da mal aktiv. Aktuell bin ich nicht in Aktien investiert und darüber auch ganz glücklich, so wie die letzten Wochen verlaufen sind seit der Coronakrise. Aber ich sehe genau solche Krisen als Chance zum Einkaufen. Ich glaube jedoch, dass wir das Tief noch lange nicht gesehen haben. Aber wenn man sein Kapital für Aktienkäufe in Tranchen einteilt, macht man sicherlich nichts falsch, aktuell mit der ersten Tranche einzusteigen.

Wie stehen Sie zu Aktien, Bitcoin oder Kryptowährungen im Allgemeinen? Handeln Sie und falls ja, was favorisieren Sie?  

Wie eben angedeutet, Aktien sind für mich interessant und ich werde sie in Zukunft auch wieder halten. Kryptowährungen gegenüber bin ich auch sehr positiv eingestellt. Genauso wie Edelmetallen. Gold sowie Bitcoin sind limitierte Werte – das eine durch die Natur, das andere durch die Mathematik. Ich sehe bei beiden Anlageklassen ein enormes Potenzial. Ich bin absolut kein Trader, weder bei Sportwetten noch bei Aktien oder Kryptowährungen. Ich kaufe, wenn ich substanziell überzeugt bin, und halte dann auch. Bei den Kryptowährungen gehe ich so vor, dass ich den Großteil in Bitcoin halte und mit einigen wenigen Prozenten in drei bis vier weiteren Coins investiert bin. Ich denke aber, Bitcoin hat die größte Akzeptanz und auch das größte Vertrauen in den nächsten Jahren.  

Warum sollte man zusätzlich zu Sportwetten auch am Aktienmarkt aktiv sein?  

Ganz einfach: um zu diversifizieren. Man sieht es ja gerade. Am Sportwettenmarkt ist Totenstille. Der Aktienmarkt läuft weiter – wenn auch für viele in die falsche Richtung. Aber noch mal: So etwas sind Chancen. Diversifikation ist enorm wichtig. Niemand weiß, was in der Zukunft passiert. Ob die Buchmacher ihre Fähigkeiten weiter verbessern, ob es einem durch den Staatsvertrag immer schwieriger gemacht wird, profitabel zu wetten, oder, oder. Ich glaube, alles auf ein Pferd zu setzen, ist fast immer die falsche Entscheidung. 

Dieser Artikel ist in DER AKTIONÄR Nr. 17/2020 erschienen, welches Sie hier als PDF gesamt herunterladen können.

von Leon Müller und Johanna Krämer

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