Fußball und Politik. Die Stärke unserer Nationalelf und unserer Wirtschaft. Der Mythos der Vergangenheit und das Elend der Gegenwart. So viele Vergleiche, die man genüsslich ziehen könnte. Ich habe der Versuchung widerstanden. Bis heute.
„Auch wenn das Ausscheiden schmerzt: Was für ein Spiel, @DFB_Team! Mit eurem Einsatz und Teamgeist bei dieser WM habt ihr unser Land begeistert. Wir sind stolz auf euch.“
Das ist nicht von mir. Der Autor dieser Zeilen ist Bundeskanzler Friedrich Merz. Oder die Person, die seinen X-Account verwaltet.
Ich wollte keine Fußball-Analogien schreiben. Ich hatte keine Lust, die wirtschaftliche Lage unseres Landes und den Erfolg oder Misserfolg unserer Nationalmannschaft irgendwie in Verbindung zu bringen. Ich habe der Versuchung widerstanden, als die ersten beiden Spiele gut liefen – und auch, als schon das dritte Spiel grauenvoll lief.
Ich habe kein Wort gesagt, als mehrere Experten die Niederlage gegen Ecuador (!) positiv umdeuteten. Beim Bullshit-Bingo wäre „Weckruf“ vermutlich weit vorn gelandet. Und ich habe mir jeden Kommentar verkniffen, als Gary Lineker in einer französischen Zeitung über unsere Nationalelf herzog. Spannend war dabei nicht einmal der Satz: „Ich denke, dass dies eine der schwächsten deutschen Nationalmannschaften ist, die ich je gesehen habe.“ Es war: „Deutschland lebt von seiner Vergangenheit.“
Zur Erinnerung: Gary Lineker ist der legendäre englische Stürmer, der anno 1990 bei der WM in Italien den Satz prägte: „Fußball ist ein einfaches Spiel: 22 Männer jagen 90 Minuten lang einem Ball nach, und am Ende gewinnen immer die Deutschen.“ Das. War. Einmal.
Egal. Ich habe es geschafft, keine dieser Vorlagen aufzunehmen. Bis jetzt. Doch nun sind wir aus der Weltmeisterschaft ausgeschieden. Im Sechzehntelfinale. In der Runde der letzten 32. Zum Vergleich: In Italien waren damals nur 24 Mannschaften dabei...
Wir sind raus. Gegen Paraguay. Nicht nur, weil wir schlecht gespielt haben, sondern auch, weil zu vielen auf dem Feld beim Elfmeterschießen die Nerven versagt haben. Die Trainerdiskussion begann in diversen Medien zeitgleich mit dem Abpfiff. Jürgen Klopp war intelligent genug, die losbrechenden Fragen elegant zu parieren – eine klare Absage war allerdings auch nicht zu hören. Am Ende wird sich der Verband vermutlich von Nagelsmann trennen und Klopp wird es machen. Man wünscht es ihm eigentlich nicht, aber was für Herausforderungen hat der Mann denn noch?
Lieber Herr Bundeskanzler Friedrich Merz: Wenn Ihr Social-Media-Praktikant einfach nur zeigen wollte, dass Sie ein positiv denkender, volksnaher Fußballfan sind – dann beenden Sie doch bitte zeitnah sein Praktikum. Sollte dieses Posting allerdings Ihre ehrliche Meinung widerspiegeln, dann müssen wir reden. Dann verstehe ich auf einmal so manche unserer Probleme. Wenn das hier für Sie wirklich Einsatz, Teamgeist und Begeisterung ist, dann wundert mich nicht, warum unsere Regierung denkt, im Land ist doch alles in Butter. In der Autobranche bleibt gerade kein Stein auf dem anderen, auch Bauindustrie und Maschinenbau blicken düster in die Zukunft. Laut Handelsblatt planen 60 Prozent der Unternehmen in Deutschland Stellenstreichungen. Oder in Kürze: Es ist fünf vor zwölf. Währenddessen verhakt sich die Koalition auf dem Weg zum „großen Wurf“ im Klein-Klein. Stichwort „klein“. Vielleicht könnte man die Minijobs abschaffen, so eine aktuelle Idee. Das wird uns retten. Ganz sicher.
An dieser Stelle eine Frage an Jürgen Klopp: Hätten Sie nicht mal Lust auf Politik?
02.07.2026, 07:45