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04.11.2021 Jochen Kauper

Volkswagen-CFO Antlitz: „Wir haben uns das Ziel gesetzt, Weltmarktführer in der Elektromobilität zu werden“

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Volkswagen Vz.

Im Gegensatz zu Daimler konnte Volkswagen mit den Zahlen für das dritte Quartal nicht ganz überzeugen. Vor allem der vorsichtige Ausblick für das Gesamtjahr sorgte für lange Gesichter bei den Anlegern. DER AKTIONÄR sprach mit VW-Finanzvorstand Dr Arno Antlitz über die Halbleiterknappheit, sowie Zukunftsthemen wie Elektromobilität, Software und autonomes Fahren.


DER AKTIONÄR: Das dritte Quartal war von großen Herausforderungen für Volkswagen geprägt. Dennoch können Sie mit dem Abschneiden sicherlich zufrieden sein…

Dr Arno Antlitz:Die Halbleiterknappheit hat die gesamte Automobilindustrie getroffen. Das zeigt sich auch an unseren Produktionsdaten im dritten Quartal. Wir haben im Vergleich zu 2020 800.000 Autos weniger produziert und im Vergleich zum dritten Quartal 2019 sogar eine Million weniger. Insgesamt zeigt das Quartal aber auch, dass wir auf Konzernebene sehr robust aufgestellt sind. Wir können also im Sturm segeln. Denn trotz des Rückgangs in der Produktion haben wir ein bereinigtes operatives Ergebnis von 14,2 Milliarden Euro und eine Marge von 7,6 Prozent erreicht – und das trotz der unzureichenden Verfügbarkeit von Halbleitern.

 

Die Zahlen liegen ungefähr auf dem Niveau von 2019, was bislang unser bestes finanzielles Jahr war.

Das dritte Quartal zeigt aber auch unseren Handlungsbedarf auf. Wir müssen widerstandsfähiger werden. Und wir wissen auch, dass unser Break-Even noch zu hoch ist. Wir müssen also Fortschritte in Sachen Fixkosten und Produktivität machen. Denn fakt ist: Wir brauchen die Beiträge aus dem klassischen Verbrenner-Geschäft, um die Transformation Richtung Elektromobilität zu stemmen.

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DER AKTIONÄR: Wie lange wird die Halbleiterknappheit die Auto-Industrie noch belasten?

Wir glauben, dass die Talsohle mit dem dritten Quartal durchschritten ist. Wir sehen Woche für Woche, Monat für Monat eine Entspannung. Richtig ist aber auch, dass die strukturelle Unterversorgung, die die gesamte Industrie sieht und belastet, bis weit in das Jahr 2022 hinein anhalten wird. Darauf werden wir uns auf jeden Fall einstellen.


DER AKTIONÄR: VW-CEO Herbert Diess hat sich zuletzt offen für neue Kooperationen im Software-Bereich gezeigt. Heißt das, VW will diese Herausforderung nicht alleine stemmen oder wie ist das zu interpretieren?

Software ist ein wichtiges Zukunftsfeld. Wir haben mit CARIAD eine eigene Software-Einheit gegründet. Mit ihr verfolgen wir das Ziel, bis 2025 eine führende Software-Plattform als Backbone für alle Konzernfahrzeuge zu entwickeln. Die erste Software-Plattform 1.1 ermöglicht Upgrades und Over-the-Air-Updates für das MEB-Produktportfolio. 2023 soll die Premium-Software-Plattform 1.2 starten, die unter anderem ein neues, einheitliches Infotainment-System bietet und weitere zusätzliche Funktionen.

In CARIAD investieren wir jedes Jahr rund 2,5 Milliarden Euro. Wir sind bereit, diese Plattform für andere zu öffnen, wie wir es auch bei unserer Elektroauto-Plattform machen. Jeder Nutzer, der auf diese Plattform geht, erhöht die Netzwerteffekte und auch den Wert. Aber angewiesen sind wir darauf nicht! Unsere Netto-Liquidität beträgt 26 Milliarden Euro.

Unsere Zielsetzung ist es grundsätzlich, die Transformation Richtung Elektromobilität und Digitalisierung aus eigener Kraft zu schaffen und zu finanzieren.

Volkswagen Vz. (WKN: 766403)

DER AKTIONÄR: Stichwort Elektromobilität und Digitalisierung. Sprechen wir über Ihre E-Auto-Offensive. Die Verkäufe in China kamen zuletzt schleppend voran. Zum Start waren es vom ID.4 und ID.6 etwa 1.500, zuletzt rund 7.500 verkaufte ID-Modelle. Wie wollen Sie in China Boden gut machen?

Wir haben uns das strategische Ziel gesetzt, Weltmarktführer in der Elektromobilität zu werden. Dazu gehört natürlich auch eine starke Position in China – ohne diese starke Position wird das nicht funktionieren. Im dritten Quartal konnten wir in China fast 30.000 Elektroautos ausliefern, fast 60 Prozent mehr als im gesamten ersten Halbjahr.

Im September haben wir bereits mehr als 10.000 ID-Modelle verkauft. Und wir streben weiter unser Ziel an, im Gesamtjahr zwischen 80.000 und 100.000 Elektroautos dort zu verkaufen, abhängig von der Halbleiterverfügbarkeit.

Wir sind dahingehend auch optimistisch, weil wir mit ID City-Stores – derzeit 60 an der Zahl – ein neues Konzept angestoßen haben, das sehr gut ankommt. Die Anzahl der City-Stores soll bis Jahresende auf 170 wachsen. Und aktuell läuft der ID3 – ein weiteres Fahrzeugmodell an.

Bis 2025 planen wir im Übrigen in China eine Vielzahl zusätzliche, vor Ort produzierte vollelektrische Modelle, um dann jährlich auf bis zu 1,5 Millionen Auslieferungen zu kommen.


DER AKTIONÄR: Der Umschwung hin zur Elektromobilität hat neue Player auf den Markt gerufen. Neben Tesla sitzen diese allen voran in China. Wie geht Volkswagen mit neuen Herausforderern wie Nio, Xpeng oder Great Wall um? Es geht um Marktanteile und China war in der Vergangenheit ja immer die Cash-Cow für Volkswagen…

Wir beobachten die Situation sehr genau, die Konkurrenz nimmt zu, das ist richtig. Die führende Position, die wir derzeit bei den Verbrennern in China einnehmen, wollen wir auch im E-Mobility-Bereich erreichen.

Wir haben aktuell schon sehr attraktive Elektro-Fahrzeuge im Angebot und werden mit der Scalable-Systems Plattform Mitte des Jahrzehnts eine neue Plattform bringen, von der wir absolut überzeugt sind. Darauf werden wir weitere hoch-innovative Elektro-Fahrzeuge für unsere Kunden auf den Markt bringen.


DER AKTIONÄR: Bleiben wir bei den neuen Herausforderern. Das Thema Software hatten Sie bereits erwähnt. Nio testet schon lange in den USA selbst fahre Autos, Xpeng bringt den Fahrassistenten 4.0 heraus. Bleibt es bei VW bei der Kooperation mit Ford und Argo.AI oder wie wird sich VW hier positionieren?

Autonomes Fahren ist ein überaus wichtiges Feld. 2025 wollen wir mit Trinity und Artemis Fahrzeuge bringen, die Level 2+ in Serie haben und für Level 4, sprich teil-autonomes Fahren, vorbereitet sind. Mit unserer Beteiligung an Argo AI bringen wir außerdem das vollautonome Fahren voran. Testflotten des ID. BUZZ AD sind bereits in Hamburg und München im Einsatz. Ab 2025 sollen dann auch vollautonome Sammeltaxis fahren.

Volkswagen Vz. (WKN: 766403)

DER AKTIONÄR: Zuletzt haben sie immer wieder die Profitabilität von Volkswagen angesprochen. Blicken wir in die Zukunft. Was sind für VW für Margen im E-Mobility-Bereich möglich – schließlich bieten E-Autos mit ihren Software-Plattformen auch völlig neue Erlösmöglichkeiten?

Heute sind die Margen von Elektroautos noch geringer als bei Verbrennern. Mit zunehmendem Hochlauf der Produktion, also zunehmenden Skaleneffekten und sinkenden Batteriepreisen werden sich die Margen aber deutlich verbessern. Heißt, in zwei bis drei Jahren erwarten wir, Margenparität zwischen Elektroautos und Verbrenner-Modellen. Zusätzlich bieten ja gerade die Elektroautos neue Erlösmöglichkeiten im Hinblick auf Software und Dienstleistungen, die durch das autonome Fahren noch deutlich erweitert werden.

Herr Antlitz, vielen Dank für das Interview.

Durch den schwachen Ausblick stand die VW-Aktie in den letzten Tagen unter Druck und fiel erneut unter die psychologisch wichtige 200-Euro-Marke zurück. Damit ist auch das Break der 200-Tage-Linie bei 204,18 Euro vorerst vom Tisch. Dennoch: VW ist auf dem richtigen Weg. Die hohen Investitionen in E-Mobility, Software und autonomes Fahren stimmen zuversichtlich. Jedoch müssen Anleger die Entwicklung der ID-Verkaufszahlen in China im Auge behalten. Die Aktie ist eine Halteposition.


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