Selbstkritische Töne beim Marktführer: Netflix wächst nach Ansicht von Co-Chef Ted Sarandos derzeit nicht schnell genug. Auf der Konferenz Bloomberg Screentime in Los Angeles kündigte der Manager Gegenmaßnahmen an. Gleichzeitig bremse sich der Konzern durch eigene Entscheidungen teils selbst aus. Die Börse zeigt sich ohnehin nervös. Seit Jahresbeginn verlor die Aktie von Netflix rund 24 Prozent an Wert.
Während der Umsatz in allen Regionen zweistellig zulegte, stieg die Sehdauer zuletzt nur noch um zwei Prozent. Der Grund: Es fällt dem Streamingdienst zunehmend schwerer, seine 325 Millionen Abonnenten über die erste Staffel einer Serie hinaus bei der Stange zu halten.
Entsprechend reagiert das Management und weitet das Angebot über klassische Filme und Serien hinaus aus. Rund fünf Prozent des Budgets für Inhalte, das insgesamt 20 Milliarden Dollar beträgt, fließen inzwischen in Live-Formate. Netflix setzt dabei verstärkt auf Sport, Video-Podcasts und populäre YouTube-Schöpfer.
Zudem öffnet sich das Unternehmen weiter für die Leinwand. Nach über 30 Kinostarts im vergangenen Jahr sollen Großprojekte wie „Narnia“ und „Charlie und die Schokoladenfabrik“ im kommenden Jahr weltweit breit im Kino anlaufen. Auch für die Fortsetzung von „KPop Demon Hunters“ ist eine breite Kinoauswertung geplant.
Milliarden-Poker verloren, Fokus auf eigene Stärke
Auch bei Übernahmen zeigt Sarandos Disziplin. Netflix bot zuvor rund 83 Milliarden Dollar für die Film- und TV-Studios von Warner Bros. Discovery sowie den Dienst HBO Max, stieg dann jedoch aus. Der Rivale Paramount Skydance erhielt mit einer höheren Offerte den Zuschlag. Sarandos verteidigte den Rückzieher. Ein noch höheres Gebot hätte keinen Mehrwert für die Aktionäre gebracht. Weitere Großübernahmen plane Netflix derzeit nicht, das Wachstum soll aus eigener Kraft kommen.
Gelassen reagierte der Co-Chef auf prominente Abgänge. Die Duffer-Brüder, Schöpfer von „Stranger Things“, zieht es zum klassischen Kinofilm. Regisseur Shawn Levy arbeitet für Walt Disney an neuen „Star Wars“-Projekten. Sarandos sieht darin individuelle Entscheidungen und keinen Vertrauensverlust der Kreativen. Auch mit Regisseur David Fincher will Netflix trotz eines auslaufenden Exklusivvertrags weiterarbeiten.
Sparpotenzial durch Künstliche Intelligenz
Um die Kosten im Zaum zu halten, investiert Netflix massiv in Technologie. Für 587 Millionen Dollar kaufte der Konzern im März das Start-up InterPositive von Schauspieler Ben Affleck. Das Unternehmen entwickelt Werkzeuge auf Basis künstlicher Intelligenz für die Filmproduktion. Nach Angaben von Sarandos kam generative KI bereits bei rund 300 Produktionen zum Einsatz, vor allem in der Nachbearbeitung. Die Software verkürzt Produktionszeiten und spart Geld bei Spezialeffekten.
Netflix spürt die Grenzen des bisherigen Geschäftsmodells. Das Nutzerwachstum kühlt ab, während die Konkurrenz um Werbegelder und Aufmerksamkeit zunimmt. Ein Einstieg drängt sich derzeit nicht auf.
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