11.12.2018 Florian Söllner

Interview mit Roger Ver: In 20 Jahren bezahlen wir alle mit Bitcoin

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Ich durfte gehen – aber musste meinen Freund im Gefängnis zurücklassen. Es tut mir leid“, so Roger Ver mit Tränen in den Augen. Der Bitcoin-Multimillionär musste 2002 für zehn Monate in den Knast, weil er im Internet Sprengstoffe verkaufte. Mittlerweile investiert er lieber in Blockchain-Start-ups und den Bitcoin-Hardfork Bitcoin Cash – nur noch seine Auftritte sind Dynamit. Eine kurze Zündschnur bewies er in einem Youtube-Interview, das er per „Mittelfinger-Gruß“ beendete. Auch auf der Eurocruise18 knisterte es bei den Bühnenauftritten des Bitcoin-Stars. Unter vier Augen ist er relaxt – der aktionär hat ihn getroffen.

Roger Ver: Hallo, habt ihr die Bitcoin Cash Wallet installiert? Gib mir das Smartphone, ich zeige es euch.

DER AKTIONÄR: Moment. Wieso brauche ich sie? Kann ich damit schon im Alltag bezahlen?

Ja, klar. Das Ticket für dieses Bitcoin-Event etwa. Die Schuhe, die ich gerade trage, habe ich mit Bitcoin Cash auf Amazon gekauft.

Doch nach dem Ende des Hypes sind auch die Transaktionsgebühren für den Rivalen Bitcoin wieder gesunken. In der Szene gibt es zwei Lager: Die Verfechter des „alten“ Bitcoin und die des optimierten Bitcoin Cash, dessen Wortführer du bist. Wieso braucht es BCH?

Bitcoin Cash schaffte an einem Tag im Rahmen eines Stresstests fünf Mal mehr On-Chain-Transaktionen als BTC an irgendeinem anderen Tag. Das ist ein Big Deal und Bitcoin Cash hat noch viel Potenzial, weiter zu skalieren.

Gemeinhin wird Bitcoin als Store-of-Value und „digitales Gold“ gesehen und Bitcoin Cash zunächst „nur“ als Transaktionswährung. Kann BCH mehr?

Natürlich. Bitcoin erfüllt von dem im White Paper skizzierten zehn Charakteristika nur zwei – Bitcoin Cash aber neun von zehn.

Anfangs warst du auch vom Bitcoin überzeugt. Was an Kryptowährungen hat dich als Jugendlicher in den Bann gezogen?

Mich faszinierte schon als junger Mensch, dass Länder mit mehr wirtschaftlicher Freiheit auch mehr Wachstum und Wohlstand erzielten. Und aus meiner Sicht sind Kryptowährungen ideal dafür, noch mehr wirtschaftliche Freiheit zu erzeugen – und damit Wohlstand. Ich will in einer besseren Welt leben.

Bitcoin Cash und andere Kryptowährungen haben nach der Rallye im Jahr 2017 deutlich konsolidiert. Glaubst du an ein Comeback?

Die Kernfrage ist: Sind Kryptowährungen nützlich und sinnvoll? Lautet die Antwort Ja, werden immer mehr Menschen sie nutzen und der Preis wird steigen. Wir sehen wieder neue Kurshöchststände. Der Schlüssel ist die Mass Adoption. Setzt sich Krypto bei E-Commerce durch, werden wir auch sehen, dass traditionelle Investoren einsteigen. Im Fall einer Hyperinflation des Euro oder Dollar würde Bitcoin Cash auch viel Rückenwind erfahren.

Bislang folgen deiner Mission erst Pioniere. Deutlich weniger als ein Prozent des weltweiten Geldes läuft über die Blockchain. Wann bezahlen wir alle mehr mit Kryptowährungen?

Es ist mir dabei egal, welche Kryptowährung das Rennen macht – solange sie jeden einzelnen Menschen mehr finanzielle Freiheit in ihrem Leben gibt. Das Ziel sind 100 Prozent Abdeckung. Ich hoffe, 20 Jahre sind dafür eine realistische Zeitspanne.

Siehst du das Risiko, dass es nur ein Strohfeuer war, sich der Mainstream nie wirklich für Kryptowährungen interessiert? 

Das ist kein Risiko. Mit Kryptowährungen hat man 100 Prozent Kontrolle über sein eigenes Geld – anders als bei klassischen
Währungen.

Sollte der Staat die Branche mehr regulieren? 

Nein, Menschen sollten frei sein, Risiken einzugehen. Regulierungsstellen wollen Menschen schützen, ihr Geld zu investieren – doch das Geld gehört den Menschen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Dieser Artikel ist in der AKTIONÄR-Ausgabe 47/2018 erschienen.