09.05.2018 Michel Doepke

GW Pharma: Cannabis-Top-Tipp im Höhenrausch

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Einmal im Leben den Alltag so verbringen wie andere Kinder auch. Ein Traum, der für den damals elfjährigen Sam Wirklichkeit geworden ist. Jahrelang konnte er keinen normalen Tag ohne epileptische Anfälle erleben. Bis zu 100 Attacken suchten ihn täglich heim – seine Eltern waren verzweifelt. Keine Therapie schlug an, von den massiven Nebenwirkungen der Behandlungsansätze ganz zu schweigen. Doch in Großbritannien keimte eine neue Hoffnung auf. Ein Cannabis-Medikament soll schwere Formen der Epilepsie therapieren können. Ein Kind auf Droge setzen? Was im ersten Moment verrückt klingt, entpuppte sich als Wunder. Sam wurde Epidiolex verabreicht, ein Wirkstoff, der Cannabidiol (CBD) enthält, aber kein Tetra­hydrocannabinol (THC), das sonst die berauschende Wirkung entfaltet.

Binnen weniger Tage reduzierten sich seine Anfälle auf eine einstellige Zahl und Sam konnte ein geregeltes Leben führen. Rund sechs Jahre nach der Sensation strebt der Epidiolex-Entwickler GW Pharmaceuticals die erste Zulassung für sein Cannabis-Medikament an. Doch das ist nicht das Ende der Fahnenstange. Die Briten wollen Epidiolex gegen weitere Erkrankungen wie etwa Autismus zur Marktreife führen. Es winken Milliardenerlöse, die GW Pharmaceuticals zum heißen Übernahmekandidaten machen.

Die Entscheidung naht

GW Pharmaceuticals befindet sich auf der Zielgeraden zur US-Zulassung für Epidiolex gegen das Dravet- und das Lennox-Gastaut-Syndrom. Bei den beiden Erkrankungen handelt es sich um seltene Formen der Epilepsie. Vor Kurzem tagte ein Gremium der Zulassungsbehörde FDA, um bereits vor der finalen Entscheidung über das Cannabis-Präparat zu beraten. Es besteht kein Zweifel: Mit 13:0 Stimmen votierte das FDA-Komitee zu 100 Prozent für eine potenzielle Genehmigung von Epidiolex in den beiden angesprochenen Indikationen. Eine Zulassung ist de facto nur noch Formsache, bis zum 27. Juni fällt die endgültige Entscheidung. Und auch in Europa macht GW Pharma Fortschritte. Ende Dezember 2017 reichte das Unternehmen den Antrag auf EU-Marktzulassung für das verschreibungspflichtige Medikament auf Cannabinoid-Basis ein.
Die Basis für den bis dahin erfolgreichen Zulassungsprozess bilden herausragende Studienergebnisse in drei zulassungsrelevanten Überprüfungen. In der Indikation Lennox-Gastaut-Syndrom schloss GW Pharma 171 Teilnehmer zwischen 2 und 55 Jahren ein, die mindestens 74 Krampfanfälle pro Monat erleiden und zuvor auf keine andere Therapie ansprachen. Über 14 Wochen erhielten die Patienten Epidiolex. Mit Erfolg: mehr als 44 Prozent verzeichneten einen Rückgang der Anfälle, wobei sich die Häufigkeit der Attacken um 50 Prozent oder mehr reduzierte.

Mehr als Epidiolex

GW Pharmaceuticals hat sich in den letzten Jahren eine breite Pipeline rund um den Blockbusterkandidaten aufgebaut. Mit Sativex ist bereits ein Produkt der Briten am Markt vertreten. Dabei handelt es sich um ein Mundspray, das sowohl CBD als auch THC enthält und gegen Spastiken, die durch Multiple Sklerose ausgelöst werden, zugelassen ist. Für GW Pharmaceuticals erlöste Sativex in den letzten Jahren einen zweistelligen Millionenbetrag. Nicht berauschend, doch das soll sich ändern. Gelingt es den Briten, das Produkt in dieser Indikation gegen Multiple-Sklerose-Spastiken auch in den USA zur Marktreife zu führen, winkt eine neue vielversprechende Erlösquelle für GW Pharma. Langfristig plant der Entwickler von Cannabis-Medikamenten, die Anwendungsgebiete des Sprays zu vergrößern, um neues Umsatzpotenzial freizusetzen.

In wesentlich früheren Phasen der Entwicklung stecken die Projekte CBDV (GWP42006) und GWP42002 sowie GWP42003. Langfristig ist bei diesen klinischen Cannabis-Projekten im Erfolgsfall von einem vergleichbaren Hype wie um Epidiolex auszugehen. Denn Cannabis-Medikamente gegen beispielsweise Schizophrenie oder Autismus-Erkrankungen bergen ebenfalls ein breites Therapiespektrum für die potenziellen Cannabis-Produkte von GW Pharma.

Nicht nur für Cannabis-Fans

Die Zulassung für Epidiolex von GW Pharmaceuticals stellt nach dem positiven Votum der US-Gesundheitsbehörde FDA nur noch eine Frage der Zeit dar. Gelingt den Briten ein erfolgreicher Marktstart mit dem potenziellen Blockbuster, dürften verstärkt große Pharma- und Biotech-Unternehmen auf den Cannabis-Player aufmerksam werden. Der positive Newsflow in den letzten Wochen hat der Aktie bereits einen ordentlichen Kick gegeben und sie auf ein neues Rekordhoch getrieben. Bei Schwäche greifen spekulativ orientierte Anleger zu.

Hinweis: Dieser Artikel erschien bereits in der AKTIONÄR-Ausgabe 18/18 als Top-Tipp spekulativ, welche Sie hier bequem als Download erhalten.