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US‑Konjunktur: Lohnquote auf Rekordtief: 52,9 Prozent – Ist Künstliche Intelligenz der Ausweg

US‑Konjunktur: Lohnquote auf Rekordtief: 52,9 Prozent – Ist Künstliche Intelligenz der Ausweg
Foto: PhonlamaiPhotoi/Stockphoto
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Ingo Nix Heute, 13:53 Ingo Nix
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Am 6. August 2026 hat das US-Arbeitsministerium (Bureau of Labor Statistics) eine Zahl veröffentlicht, die es weder auf die Titelseiten noch in die Handelssäle geschafft hat und die trotzdem mehr über das kommende Jahrzehnt aussagt als jede Zoll- oder Zinsmeldung dieses Sommers: Die Lohnquote im amerikanischen Unternehmenssektor außerhalb der Landwirtschaft lag im Q2 bei 52,9 Prozent. Das ist der niedrigste Stand seit dem Beginn der Datenreihe im Jahr 1947 – und ein spürbarer Rutsch gegenüber 53,7 Prozent im Q1. 

Anders gesagt: Von jedem Dollar, den amerikanische Unternehmen an Wertschöpfung erwirtschaften, kommen noch knapp 53 Cent bei denen an, die dafür arbeiten. In 79 Jahren Statistik war der Anteil nie geringer.

Was die Zahl misst – und was nicht

Die Lohnquote beschreibt den Anteil der Wertschöpfung, der als Arbeitnehmerentgelt ausgezahlt wird: Löhne, Gehälter, Arbeitgeberbeiträge und ein geschätztes Entgelt für Selbstständige. Sie fällt nicht deshalb, weil Unternehmen absolut weniger zahlen, sondern weil die Wertschöpfung schneller wächst als die Entlohnung. Genau dieses Muster zeigt der Bericht: Die Produktivität stieg annualisiert um 1,4 Prozent, die Produktion um 1,7 Prozent, die geleisteten Arbeitsstunden dagegen nur um 0,3 Prozent. Es wurde also mehr produziert, ohne dass nennenswert mehr gearbeitet wurde. Die Stundenentgelte legten nominal um 2,7 Prozent zu, nach Verbraucherpreisen bereinigt sanken sie um 3,1 Prozent. 

Auch das ist eine annualisierte Quartalsrate, kein Jahreswert: Im Vergleich zum Vorjahresquartal stagnierten die Reallöhne mit minus 0,1 Prozent.

Wichtig für die Einordnung: Die verbleibenden 47,1 Prozent sind kein Unternehmensgewinn. In der Methodik der US-Statistiker stecken darin auch Abschreibungen, Produktions- und Einfuhrsteuern, Zinsen und Mieten. Der Bericht sagt also nicht, wer den Rest einstreicht. Er sagt nur, dass der Anteil, der auf die Arbeit entfällt, so klein war wie nie zuvor. Das genügt, denn Richtung und Rekordmarke sind eindeutig – und sie treffen auf ein Kapitalmarktumfeld, in dem Gewinnmargen und Indexstände seit Jahren neue Höchststände markieren.

US-Lohnquote
Quelle: US-Bureau of Labor, eigene Berechnungen
Produktion wächst, Arbeit kaum

Die naheliegende Erklärung: Künstliche Intelligenz

Der Verdacht liegt auf der Hand. Der Investitionszyklus rund um Künstliche Intelligenz ist nach Einschätzung vieler Beobachter der größte Investitionsschub seit dem Breitbandausbau, und die Vorstandsetagen sagen inzwischen offen, dass sie Personal durch Software ersetzen. Salesforce hat den Kundensupport von rund 9.000 auf etwa 5.000 Stellen verkleinert, Amazon hat seit dem Herbst rund 30.000 Bürostellen gestrichen, in der US-Bundesverwaltung kommen politisch getriebene Kürzungen hinzu. Im Juli sank die Zahl der Beschäftigten außerhalb der Landwirtschaft um 23.000 – im Schnitt der zwölf Monate davor lag das Plus bei mageren 34.000 pro Monat.

Trotzdem ist der kausale Nachweis dünn. Die Statistik zeigt zwei Linien, die auseinanderlaufen, nicht die Ursache dafür. Künstliche Intelligenz ist bislang nur ein Teil einer breiteren Investitionsstory aus Software, Automatisierung und Anlagen. Goldman Sachs rechnet damit, dass die breite Einführung rund zehn Jahre dauert; die Schätzung der verdrängten Arbeitsplätze hat die Bank im Juni von sechs bis sieben Prozent auf über neun Prozent angehoben, was rund 15 Millionen Beschäftigten entspricht. Das ist erheblich – aber es ist kein Ereignis dieses Quartals.

Die wahrscheinlichere Erklärung: die Demografie

Die zweite Erklärung ist unspektakulär und deshalb unterschätzt: Es kommen schlicht zu wenige Arbeitskräfte nach. Oliver Allen, Senior US Economist bei Pantheon Macroeconomics, führt den Befund darauf zurück, dass Unternehmen bei schwachem Wachstum des Arbeitsangebots mehr aus der vorhandenen Belegschaft herausholen. Ökonomen der US-Notenbank haben im April vorgerechnet, wie eng es geworden ist: Das Erwerbspersonenpotenzial in den USA dürfte im Jahr 2026 um weniger als 10.000 Personen pro Monat wachsen – eine Kombination aus alternder Bevölkerung und drastisch gesunkener Nettozuwanderung. Die Schwelle, ab der Beschäftigungsaufbau die Arbeitslosenquote stabil hält, liegt damit nahe null. Daraus folgt der Kernsatz dieser Analyse: Wenn das Arbeitsangebot nicht mehr wächst, kann Wachstum künftig nur noch aus Produktivität kommen.

In Deutschland fällt die Rechnung noch schärfer aus. Nach der aktuellen Bevölkerungsprognose des Instituts der deutschen Wirtschaft erreichen bis zum Jahr 2036 sämtliche Jahrgänge der Babyboomer das gesetzliche Rentenalter. Bis dahin scheiden im Schnitt jährlich rund 1,3 Millionen Menschen aus dem Erwerbsleben aus, während nur etwa 800.000 nachrücken – ein Verlust von einer halben Million potenzieller Arbeitskräfte pro Jahr. Das Erwerbspersonenpotenzial sinkt von 55 Millionen im Jahr 2025 um 6,9 Prozent auf 51,2 Millionen im Jahr 2036. Die reine Nachrücker-Lücke – ausscheidende Babyboomer gegen nur 9,8 Millionen neu ins Erwerbsalter Eintretende – beziffert das Institut sogar auf 4,3 Millionen Personen. Vor zwei Jahren waren es in derselben Rechnung noch knapp drei Millionen. Die Bevölkerung schrumpft schneller als gedacht: Bis zum Jahr 2045 dürfte sie auf 81,1 Millionen Menschen zurückgehen.

Der Ausweg: Warum Künstliche Intelligenz Teil der Lösung ist

Genau an dieser Stelle kippt die Erzählung. Wer die Demografie ernst nimmt, kann Künstliche Intelligenz nicht nur als Bedrohung des Faktors Arbeit lesen. Volkswirtschaftlich gilt eine simple Identität: Die Wirtschaftsleistung ist das Produkt aus geleisteten Arbeitsstunden und Produktivität je Stunde. Wachstum kann also nur aus mehr Stunden oder aus höherer Produktivität kommen. Fällt der erste Faktor über ein Jahrzehnt aus, bleibt nur der zweite. Eine alternde Volkswirtschaft ohne Produktivitätsschub finanziert ihre Renten, ihre Pflege und ihre Verteidigung nicht – sie verwaltet den Rückbau. Die 2,1 Prozent Produktivitätswachstum, die die US-Wirtschaft seit dem vierten Quartal 2019 im Jahresdurchschnitt erzielt, liegen deutlich über den 1,5 Prozent des vorangegangenen Zyklus – und wieder auf dem Niveau des Langfristdurchschnitts seit 1947. Das ist kein Zufall.

Der zweite Punkt betrifft den Einsatzbereich. Künstliche Intelligenz entfaltet ihren größten volkswirtschaftlichen Nutzen dort, wo Menschen fehlen, und nicht dort, wo sie überzählig sind: in der Pflegedokumentation, in der Verwaltung, in der Auftragsplanung des Handwerks, in der Diagnostik, in der Sachbearbeitung von Versicherern und Banken. In diesen Bereichen ersetzt die Technologie keine besetzte Stelle, sondern füllt eine unbesetzte. Wer heute in Deutschland eine Facharztpraxis, eine Kommunalverwaltung oder einen Mittelständler führt, sucht keine Einsparung, sondern Entlastung.

Der dritte Punkt ist der unbequemste – und für Anleger der wichtigste. Die Verteilung zwischen Arbeit und Kapital ist kein Naturgesetz, sondern das Ergebnis von Knappheit und Verhandlungsmacht. Solange Arbeitskräfte reichlich vorhanden waren, konnte Kapital die Bedingungen diktieren. Wenn den Industriestaaten aber über ein Jahrzehnt Millionen Erwerbspersonen verloren gehen, wird ausgerechnet der Faktor Arbeit knapp. Die Lohnquote ist historisch keine Einbahnstraße. Für die kommenden Jahre heißt das: Der Produktivitätsgewinn muss nicht zwangsläufig vollständig bei den Eigentümern landen – aber wer sicher am Kapitalanteil beteiligt sein will, muss Kapital besitzen. Betriebliche Beteiligungsmodelle und eine aktienbasierte Altersvorsorge sind damit weniger eine Frage der Ideologie als eine Frage der Statistik.

Fazit

Zwei Termine liefern die nächsten belastbaren Belege. Am 3. September 2026 veröffentlicht das BLS die revidierte Fassung des Produktivitätsberichts für das Q2 – dort zeigt sich, ob die Rekordmarke von 52,9 Prozent hält. Am 5. November 2026 folgt die Erstschätzung für das Q3. Bleibt die Lohnquote auch dann auf oder unter diesem Niveau, während die Produktivität weiter deutlich über zwei Prozent wächst, ist das Muster kein Ausreißer mehr, sondern ein Strukturbruch.

Die Rekordmarke von 52,9 Prozent ist weniger der Beweis dafür, dass Künstliche Intelligenz Arbeitsplätze frisst, als der erste harte Beleg dafür, dass die Industriestaaten in eine Phase eintreten, in der Wachstum nur noch aus Produktivität stammen kann – mit der Folge, dass die Erträge dieses Wachstums zunächst dort anfallen, wo das Kapital liegt.

Künstliche Intelligenz wird überall sichtbarer. In „Homo Syntheticus“ beschreibt Zukunftsforscher Dr. Mario Herger den Aufbruch in ein neues Zeitalter, in dem Maschinen nicht mehr nur denken, sondern fühlen, handeln und lernen.

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