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15.06.2020 Lars Friedrich

China-Aktien: Zwischen den Fronten

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Nasdaq 100

Viele Anleger fragen nervös: „Was passiert, falls die China-Werte in meinem Depot vom Handel an den US-Börsen ausgeschlossen werden?“ DER AKTIONÄR klärt auf.

Plötzlich war die Angst wieder da. Nach dem Skandal um Luckin Coffee und der Ankündigung der US-Regierung, dass China-Anteile künftig vom Handel an den US-Börsen ausgeschlossen werden könnten, wurden Anleger zitterig. Sie fragten beim AKTIONÄR nach, was im Ernstfall mit ihren Aktien passiert – und was sie jetzt tun sollen. Ein Überblick.

US-Präsident Donald Trump gönnt chinesischen Unternehmen keine Gelder von US-Investoren. Anderer­seits profitieren die Börsen in den USA vom Handel mit China-Anteilen.

Wie ernst ist die Lage?

Grundsätzlich hat DER AKTIONÄR bereits vergangenes Jahr darauf hingewiesen, dass chinesische Unternehmen im Konflikt zwischen den USA und China besonders zwischen die Fronten geraten könnten. Viele asiatische Werte werden über Hinterlegungsscheine, sogenannte American Depositary Receipts (ADR), an den US-Börsen gehandelt. Der Betrug bei Luckin Coffee, bei dem es um Hunderte Millionen Dollar geht, war ein willkommener Anlass, die Zügel zu straffen. Künftig werden chinesische Unternehmen wohl transparenter bilanzieren müssen, wenn sie an den US-Börsen bleiben wollen. Wie in Ausgabe 23/2020 berichtet, ergibt sich daraus für große China-Werte allerdings keine fundamentale Bedrohung. Zitat: „Kommt es zu Kursrücksetzern, bieten sich Zukäufe an.“ Tatsächlich ist eine weitere Eskalation (vorerst) ausgeblieben. Die Kurse von Alibaba und Co haben sich erholt. 

Es geht vor allem um Verhandlungsmasse im Handelskonflikt zwischen den Staaten. Zudem ist China ein Thema im US-Wahlkampf. Seit Beginn der Coronakrise ist das Land bei US-Bürgern laut Umfragen unbeliebter denn je. Sowohl Republikaner als auch Demokraten haben daher kein Interesse, nachgiebig zu wirken. Anleger müssen auch künftig mit Kursbelastungen rechnen, sollte sich beispielsweise US-Präsident Donald Trump einmal mehr harsch zu China äußern. 

156 chinesische ­Unternehmen waren 2019 an wichtigen US-Börsen wie NYSE und Nasdaq notiert.

Welche China-Anteile sind wirklich betroffen?

Grundsätzlich alle, die an US-Börsen gehandelt werden. Große Unternehmen wie Alibaba reagieren bislang jedoch recht gelassen. Alibaba kann bereits seit einigen Monaten auch an der Börse in Hongkong gehandelt werden. JD.com und weitere Unternehmen setzen ebenfalls auf ein Zweitlisting. Zudem werden die Unternehmen womöglich ohnehin die neuen Regeln erfüllen.

Ein Sonderfall ist Luckin Coffee: Es gibt zwar noch eine Anhörung, aber im Endeffekt wird das Unternehmen nach dem groß angelegten Betrug den Rauswurf von der Nasdaq wohl kaum verhindern können. 

Gibt es schon konkrete Fristen?

Das Thema köchelt zwar, Experten gehen aber davon aus, dass selbst ein Ausschluss von Luckin noch Monate dauern wird.

1,8 Billionen Dollar beträgt insgesamt der ­Marktwert der Unternehmen, die vom Handel an den US-Börsen ausgeschlossen werden könnten.

Werden Anteile im Zweifel wertlos?

Nein. Ein kompletter Wertverlust droht lediglich bei einer Pleite. Bei Luckin Coffee ist diesbezüglich das Risiko kaum seriös zu bewerten. Etablierte Größen wie Alibaba, Baidu, JD.com und NetEase haben bereits alternative Handelsmöglichkeiten für ihre Anteile geschaffen oder arbeiten daran. Tencent ist ohnehin in Hongkong notiert, kann aber beispielsweise auch in Frankfurt gehandelt werden.

Chinas Präsident Xi Jinping strebt mit seinem Land nach der Führungsrolle in der Welt. ­Verlagert sich der Handel mit China-Anteilen in ­Richtung Heimat, dürfte ihm das zusagen.

Welche Alternativen gibt es?

Neben dem Handel an anderen Börsenplätzen, könnten Unternehmen versuchen, auf den weniger regulierten OTC-Markt, also den außerbörslichen Direkthandel, auszuweichen. Eine Aktie, die an gar keiner großen Börse mehr gehandelt wird, dürfte sich grundsätzlich weniger gut entwickeln. Von Anteilen, die nur im außerbörslichen Direkthandel verfügbar sind, würden sich institutionelle Anleger voraussichtlich abwenden. Auch einige Broker würden womöglich den Handel nicht mehr anbieten. Wie sich für Privatanleger die Handelsgebühren und Spreads verändern, hängt vom Einzelfall ab.

Welche Auswirkungen haben Zweitlistings?

Auch das hängt vom Einzelfall ab. Grundsätzlich führen Zweitlistings in Hongkong in der Regel zu einer leichten Verwässerung der Anteile der Alt-Aktionäre, was erfahrungsgemäß durch die gestiegene Liquidität mehr als ausgeglichen wird. Während US-Fonds künftig womöglich nicht mehr in China investieren dürfen, wird in Asien wiederum daran gearbeitet, Alibaba und Co in heimische Indizes aufzunehmen, was zu Kapitalzuflüssen führen würde.

Was sollten Anleger tun?

Ruhe bewahren und die Entwicklung beobachten. DER AKTIONÄR wird weiter über das Thema berichten. Sollte im Einzelfall beispielsweise ein Umtausch in Hongkong-Aktien notwendig werden, dürften Anleger zudem von ihrem Broker über die Modalitäten informiert werden. Kristian Volaric vom Anbieter Flatex weist zudem darauf hin, dass sich Anleger, deren Broker womöglich nur eine sehr geringe Zahl an Handelsplätzen anbietet, Gedanken über die Eröffnung eines Zweitdepots machen können. Depotübertragungen innerhalb Deutschlands sind übrigens kostenlos.

Dieser Artikel ist in DER AKTIONÄR Nr. 25/2020 erschienen, welches Sie hier als PDF gesamt herunterladen können.

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