Am Samstag, dem 22. August 2026, ist etwas zu Ende gegangen, das acht Jahrzehnte gehalten hat: die Selbstverständlichkeit, mit der die USA und Kanada miteinander Handel treiben. Um Mitternacht traten Zölle von 50 Prozent auf kanadische Waren im Wert von rund 20 Milliarden Dollar in Kraft, nachdem die Verhandlungen in Washington in der Nacht zuvor gescheitert waren. Premierminister Mark Carney kündigte Stunden später Gegenzölle „Dollar für Dollar“ ab dem 8. September an und benutzte in Ottawa ein Wort, das ein kanadischer Regierungschef über die Vereinigten Staaten bislang nicht benutzt hat: „Wenn du angegriffen wirst, befindest du dich im Krieg.“
Für Anleger ist die entscheidende Frage nicht, ob 20 Milliarden Dollar Handelsvolumen konjunkturell relevant sind – sie sind es kaum. Entscheidend ist, dass mit dieser Eskalation erstmals ein Instrument gezogen wurde, das seit 1930 unbenutzt war; es trifft auch Waren, die unter das nordamerikanische Freihandelsabkommen fallen. Carney hat es in einen Satz gefasst, den sich Investoren merken sollten: Washington nutze die wirtschaftliche Verflechtung als Waffe, seine Unterschrift sei mit Bleistift geschrieben. Das ist keine Rhetorik, sondern eine Risikoprämie.
Was am Wochenende geschah
Die vergangene Woche hatte aber anders begonnen. Am Dienstagabend, dem 18. August, keine zwei Stunden vor dem ursprünglich gesetzten Termin, setzte Präsident Donald Trump die Zölle für drei Tage aus und erklärte auf Truth Social, man habe sich im Grundsatz geeinigt. Carney bestätigte „erhebliche Fortschritte“, verwies aber auf offene Arbeit. Der Markt handelte einen Deal als Risikoabbau, nicht als Konjunkturimpuls – eine Einschätzung, die sich als exakt richtig herausstellen sollte, allerdings mit umgekehrtem Vorzeichen.
In der Nacht zum Samstag brach alles zusammen. Handelsminister Dominic LeBlanc und Chefunterhändlerin Janice Charette verließen das Büro des US-Handelsbeauftragten ohne Ergebnis. Beide Seiten warfen einander vor, in letzter Minute Forderungen nachgeschoben zu haben. US-Handelsbeauftragter Jamieson Greer erklärte, Kanada habe die mühsam austarierte Balance umgeworfen; Carney konterte, die neuen Bedingungen seien unwirtschaftlich und unfair gewesen, man habe zu viel verlangt und zu wenig geboten. Konkret ging es nach kanadischer Darstellung um zwei Punkte, die über Zollsätze hinausgehen: Washington wollte Kanadas Freiheit einschränken, eigene Handelsabkommen mit Dritten zu schließen, und brachte nach Carneys Worten die französische Sprache und die Kultur Quebecs ins Spiel. Damit war die Ebene der Handelspolitik verlassen.
Noch am Samstag erklärte Greer im US-Fernsehen, es seien keine weiteren Gespräche terminiert; Washington sei bereit gewesen, einzelne Zölle zu senken. Am Sonntag legte Trump nach: Kanada wolle die Vorteile eines Bundesstaates haben, ohne einer zu sein. Das ist der eigentliche Nachrichtenwert des Montags: Es gibt keinen Verhandlungskalender mehr, an dem sich ein Anleger orientieren könnte.
Die juristische Architektur – warum Section 338 der Bruch ist
Um die Eskalation zu verstehen, muss man ein halbes Jahr zurückgehen. Am 20. Februar 2026 entschied der Supreme Court mit sechs zu drei Stimmen, dass der International Emergency Economic Powers Act den Präsidenten nicht zur Erhebung von Zöllen ermächtigt. Damit fielen sowohl die „reziproken“ Zölle vom April 2025 als auch die mit Fentanyl begründeten Abgaben von 35 Prozent auf kanadische Nicht-USMCA-Ware rückwirkend weg; die Erhebung endete am 24. Februar. Das Penn Wharton Budget Model beziffert die potenziellen Rückerstattungen auf bis zu 175 Milliarden Dollar; rund 1.000 Unternehmen hatten schon vor dem Urteil vorsorglich Erstattungsanträge beim Court of International Trade gestellt. Der ordnete am 4. März die Erstattung auf normalem Verwaltungsweg an, setzte die Anordnung zwei Tage später aber aus, damit die Zollbehörde CBP das Verfahren technisch aufbauen konnte.
Die Reaktion kam binnen Stunden. Trump unterzeichnete noch am 20. Februar eine Proklamation für einen globalen Zoll von zehn Prozent auf Basis von Section 122 des Trade Act von 1974, wirksam ab dem 24. Februar. Die Anhebung auf die gesetzliche Obergrenze von 15 Prozent wurde angekündigt, aber nie per Proklamation umgesetzt. Section 122 ist auf 150 Tage begrenzt und lief am 24. Juli aus – ersetzt in derselben Minute durch neue Zölle unter Section 301 von zehn beziehungsweise 12,5 Prozent auf Waren aus rund 60 Volkswirtschaften, begründet mit unzureichender Durchsetzung von Einfuhrverboten für Produkte aus Zwangsarbeit. Unberührt blieben die Section-232-Zölle, die auf nationaler Sicherheit fußen und die im April 2026 neu gestaffelt wurden: 50 Prozent auf reine Stahl-, Aluminium- und Kupferartikel, 25 Prozent auf Derivate, 25 Prozent auf Autos und Teile, zehn Prozent auf Holz; für metallintensive Industrie- und Netzausrüstung gilt bis Ende 2027 ein ermäßigter Satz von 15 Prozent.
Der Griff zu Section 338 des Tariff Act von 1930, angekündigt am 20. Juli und nach kurzer Aussetzung am 22. August in Kraft gesetzt, ist qualitativ etwas anderes. Die Norm erlaubt Vergeltung gegen Staaten, die den US-Handel diskriminieren – angeführt werden Kanadas Zollkontingente für US-Milchprodukte, die Beschränkungen der Provinzen für amerikanischen Alkohol und die seit April 2025 erhobenen kanadischen Abgaben auf US-Fahrzeuge. Kein Präsident hat sie seit ihrer Verabschiedung angewandt. Sie ist damit juristisch nicht erprobt, und genau das ist ihr Zweck: Sie verschafft dem Weißen Haus nach dem Verlust der IEEPA-Vollmacht ein neues Instrument, dessen Grenzen erst ein Gericht ziehen muss. Wichtiger noch: Die Abgaben greifen unabhängig davon, ob die Ware unter das Freihandelsabkommen fällt. Formell ausgenommen sind lediglich die bereits von Section 232 erfassten Waren sowie Güter unter dem WTO-Abkommen über den Handel mit zivilen Luftfahrzeugen. Energie, kritische Mineralien und Fisch stehen schlicht nicht auf den Annexen – sie sind verschont, nicht geschützt.
Die neuen Abgaben decken rund fünf Prozent der kanadischen Warenexporte in die USA ab, gemessen am Vorjahreswert. Getroffen werden unter anderem Hockeyschläger, Baumaterialien, Spirituosen und bestimmte Bekleidung. Die drei präsidialen Proklamationen vom 20. Juli sind die Section-338-Maßnahme selbst: Sie richten sich gegen Kraftfahrzeuge, alkoholische Getränke und Molkereiprodukte, erfassen zusammen rund 550 achtstellige Zolllinien und wirken ausdrücklich unabhängig vom Ursprungsstatus. Vorgesehen war der 19. August; nach der dreitägigen Aussetzung traten sie am 22. August in Kraft. Die US-Zollbehörde CBP führt die belasteten Waren unter den Positionen 9903.03.12 bis 9903.03.14; unter 9903.03.15 und 9903.03.16 stehen die ausgenommenen Kategorien mit einem Zusatzsatz von null Prozent.
Was ausgenommen bleibt, ist ökonomisch bedeutsamer als das, was getroffen wird. Energie bleibt außen vor – die US-Energiebehörde EIA beziffert die amerikanischen Energieimporte aus Kanada für das Jahr 2024 auf 124 Milliarden Dollar –, ebenso kritische Mineralien und Fisch. Washington schont exakt jene Importe, deren Verteuerung unmittelbar auf amerikanische Verbraucherpreise durchschlagen würde. Das ist die Statik dieses Konflikts: Er wird dort geführt, wo er in den USA politisch billig ist, und ausgespart, wo er teuer wäre.
Auf dem Verhandlungstisch lag nach Berichten von Wall Street Journal und Bloomberg deutlich mehr: eine Senkung des Autozolls von 25 auf 15 Prozent und eine Halbierung der Stahl- und Aluminiumzölle von 50 auf 25 Prozent. Kanada wäre im Gegenzug bereit gewesen, seine verbliebenen Gegenzölle auf Stahl, Aluminium und Autos fallen zu lassen und die Provinzen zur Wiederzulassung amerikanischen Alkohols zu bewegen; auch die Wiederbelebung der Keystone-XL-Erweiterung war im Gespräch. Dieses Paket ist vom Tisch. Der Markt hatte es bereits eingepreist – das erklärt, warum die Enttäuschung eher über die Währung als über den Aktienmarkt laufen dürfte.
Kanadas Antwort
Carney kündigte für den 8. September, den Dienstag nach dem Labor Day, eine spiegelbildliche Antwort an. Ziel sind US-Stahl, Milchprodukte, Haushaltsgeräte, Landmaschinen, Zellstoff und Papier sowie Elektronik. Der Premierminister betonte, man tue dies widerwillig, weil die Maßnahmen auch für Kanadier Kosten und weniger Auswahl bedeuten. Diese Wortwahl ist kein Zufall: Kanada hat im Jahr 2025 seine Gegenzölle bereits einmal weitgehend zurückgenommen, weil die Belastung der eigenen Verbraucher in keinem Verhältnis zum Hebel stand. Die Rückkehr zur Vergeltung ist ein politisches Signal, kein ökonomisches Kalkül.
Die zweite Säule ist Diversifizierung. Carney will die Exporte in Märkte außerhalb der USA verdoppeln. Ende Mai unterzeichneten das Terminal Ksi Lisims in British Columbia und die deutsche SEFE eine Absichtserklärung über eine Million Tonnen Flüssiggas jährlich für bis zu 20 Jahre; Ende Juli folgte ein bindender Abnahmevertrag mit Uniper über zwei Millionen Tonnen jährlich ab 2032. Anfang März schloss Cameco beim Staatsbesuch in Neu-Delhi einen Uranliefervertrag mit Indiens Atombehörde über 2,6 Milliarden Kanadische Dollar, rund 1,9 Milliarden Dollar; ein umfassendes Wirtschaftsabkommen ist angepeilt. Im August kam eine Rahmenvereinbarung zwischen Quebec und Neufundland und Labrador über 14.000 Megawatt Wasser- und Windkraft hinzu. Es ist überwiegend ein innerkanadisches Projekt; bis zu 985 Megawatt sind für den Transit durch Quebec in US-Märkte vorgesehen. In bindende Verträge überführt ist bislang nichts. Nichts davon ersetzt kurzfristig einen Nachbarn, der im Jahr 2025 noch 71,7 Prozent der Warenexporte abnahm. Aber die Richtung ist gesetzt, und sie ist beständiger als jeder Zollsatz.
Zwei Kalküle, eine Rechnung ohne den anderen
Trump
Der Präsident führt drei Begründungen: Kanada belaste amerikanische Farmer seit Jahren mit Zöllen, es diskriminiere die US-Milchwirtschaft, und es beanspruche die Vorteile eines Bundesstaates, ohne einer zu sein. Der letzte Punkt verweist auf die wiederholte Forderung, Kanada zum 51. Bundesstaat zu machen – ein Motiv, das in Ottawa längst nicht mehr als Scherz gelesen wird. Handelspolitisch steht dahinter das Ziel, das nordamerikanische Abkommen neu zu schneiden; nach Darstellung des US-Handelsbeauftragten ging es um umfassenden Marktzugang für amerikanische Waren, wirtschaftliche Sicherheitszusagen und die Angleichung im digitalen Handel. Das Timing ist heikel: Vor den Zwischenwahlen im November wären spürbar höhere Verbraucherpreise ein Eigentor, weshalb Energie, kritische Mineralien und Fisch ausgespart bleiben. Die US-Handelskammer warnte vor Schäden für beide Volkswirtschaften und verwies auf 13 Millionen amerikanische Arbeitsplätze, die am nordamerikanischen Handel hängen.
Carney
Der frühere Notenbankgouverneur argumentiert auf zwei Ebenen. Ökonomisch: Das amerikanische Angebot habe den Nettonutzen für Kanada zerstört und die Verlässlichkeit jeder Vereinbarung infrage gestellt. Politisch: Es gehe um Souveränität, um das Recht, eigene Handelsabkommen zu schließen, und um Sprache und Kultur Quebecs. Dass ein Premierminister eine ausgehandelte Einigung platzen lässt, statt sie zu unterschreiben, ist der eigentliche Bruch mit der bisherigen kanadischen Verhandlungslinie, die seit 2025 auf Deeskalation setzte – bis hin zur weitgehenden Rücknahme der eigenen Gegenzölle im September 2025. Innenpolitisch trägt ihn der Abbruch bislang: Quebecs Premierministerin Christine Fréchette erklärte, die USA seien nahe daran gewesen, in die kanadische Souveränität einzugreifen, und Carney habe richtig entschieden.
Die Zange schließt sich langsam
Kanada hat den Handelskrieg bislang ohne tiefe Rezession überstanden, aber nicht ohne Substanzverlust. Die Bank of Canada hielt den Leitzins bei 2,25 Prozent und senkte im Juli ihre Wachstumsprognose für das laufende Jahr auf 0,7 Prozent, nach 1,2 Prozent im April. Diese Revision um 0,5 Prozentpunkte führt die Notenbank allerdings selbst überwiegend auf einen Rückgang der Staatsausgaben im ersten Quartal zurück, nicht auf die Zölle; den Wachstumsausblick nennt sie im Übrigen weitgehend unverändert. Das erste Quartal schrumpfte annualisiert um 0,1 Prozent, für das zweite schätzt die Notenbank ein annualisiertes Plus von 2,5 Prozent – eine Erholung, die am Freitag mit den offiziellen Zahlen bestätigt werden soll und die nun von der Eskalation überschattet wird. Die Arbeitslosenquote bewegte sich im vergangenen Jahr zwischen 6,5 und sieben Prozent, fiel im Juli aber auf 6,4 Prozent, den niedrigsten Wert seit zwei Jahren, bei einem Beschäftigungsaufbau von 75.000 Stellen; seit April sind 181.000 Stellen entstanden. Die Inflation stieg im Juli auf 3,0 Prozent, getrieben von einem Benzinpreisanstieg von 25,7 Prozent im Jahresvergleich – ohne Benzin lag sie den dritten Monat in Folge bei 2,2 Prozent, die Kernraten der Notenbank bei rund zwei Prozent.
Für die Geldpolitik ist die Lage unangenehm. Notenbankchef Tiff Macklem hat die Prognose ausdrücklich unter den Vorbehalt gestellt, dass die US-Zölle auf dem bisherigen Niveau bleiben. Genau diese Annahme ist am Samstag gefallen. Ein Handelskrieg wirkt in Kanada wachstumsdämpfend und über den schwächeren Wechselkurs zugleich preistreibend – die klassische Zwickmühle. Aus dem Eröffnungsstatement im Juli hatte die Notenbank die ausdrücklichen Hinweise auf mögliche Zinssenkungen bei neuen US-Zöllen und auf mögliche Zinserhöhungen bei generalisierter Ölpreisinflation gestrichen. Nach der Eskalation verschiebt sich die Wahrscheinlichkeit in Richtung Zinssenkung, sofern die Ölpreise nachgeben.
In den USA ist der Befund gemischter. Die Zölle betreffen Waren im Volumen von 20 Milliarden Dollar, was gesamtwirtschaftlich wenig ist. Über Möbel, Sperrholz und Zement laufen sie jedoch direkt in die Baukosten, über Spirituosen und Lebensmittel in den Warenkorb. Der Arbeitsmarkt zeigt bereits Schwäche: minus 23.000 Stellen im Juli, die Werte für Mai und Juni wurden um zusammen 103.000 nach unten revidiert. Die Rückerstattung von bis zu 175 Milliarden Dollar an IEEPA-Zöllen belastet zusätzlich die Haushaltslage – ein Grund, warum das Weiße Haus nach dem Auslaufen von Section 122 nun mit Section 301, 232 und 338 auf Ersatzeinnahmen drängt.
Wie haben die Märkte reagiert?
Aktien
Der S&P/TSX Composite schloss am Freitag bei 36.620 Punkten nahe seinen Höchstständen. Das ist bemerkenswert und erklärt sich aus der Zusammensetzung: Rohstoffe machen rund 15 Prozent des Index aus, und Gold notiert nahe seinen Jahreshochs – am Freitag über 4.600 Dollar je Unze im Spotmarkt und damit auf dem höchsten Stand seit Mitte Mai; der Dezember-Kontrakt schloss bei 4.680,60 Dollar. Der kanadische Leitindex ist zu einem erheblichen Teil ein Gold- und Energieindex und profitiert damit ausgerechnet von den Kräften, die den Konflikt begleiten. Die zollempfindlichen Segmente – Industrie, Konsum, Fahrzeugzulieferer, Holz – tragen diesen Index nicht.
In den USA war die Reaktion bis Freitag nahezu null. Das ist das Muster der vergangenen anderthalb Jahre: Nach dem Einbruch von elf Prozent im S&P 500 unmittelbar nach dem 2. April 2025 hat jede weitere Zollschlagzeile eine kleinere Reaktion ausgelöst. Im Jahr 2026 dominieren der Nahostkonflikt und die Investitionswelle in Künstliche Intelligenz die Kursbildung. Genau darin liegt das Risiko: Der Markt hat Zölle als Nachricht abgehakt, während sich die rechtliche und institutionelle Grundlage des nordamerikanischen Handels verschiebt.
Rohstoffe und Zinsen
Gold ist der Gewinner der Woche – getrieben von Sorgen um die fiskalische Glaubwürdigkeit der USA, nachdem das Finanzministerium seine Rückkäufe langlaufender Anleihen unerwartet ausweitete, vom verschärften Sanktionsdruck auf den Iran und nun zusätzlich vom Handelskonflikt. Öl bleibt durch die Lage um die Straße von Hormus gestützt; WTI legte in der Woche um 6,9 Prozent zu und schloss bei 87,06 Dollar. Für Kanada ist das ambivalent: Ein hoher Ölpreis stützt den Wechselkurs und die Energieaktien, verschärft aber die Inflation, mit der die Notenbank ringt. Am Anleihemarkt hat die Renditedifferenz zwischen den USA und Kanada zuletzt zur Schwäche des kanadischen Dollar beigetragen; ein Handelskrieg, der die kanadische Wachstumsprognose weiter drückt, verstärkt diesen Effekt.
Sektoren
Unmittelbar exponiert sind auf kanadischer Seite die Stahlindustrie, Holzproduzenten sowie die Fahrzeugzulieferer. Auf US-Seite profitieren Aluminiumhersteller mit heimischer Produktion sowie Baustoffhändler mit geringem Kanada-Anteil. Getroffen werden umgekehrt US-Spirituosenhersteller, Molkereigenossenschaften, Hersteller von Haushaltsgeräten und Landmaschinen – exakt die Gruppen, die auf Kanadas Liste für den 8. September stehen. Bemerkenswert ist die geografische Verteilung: Landmaschinen und Milchwirtschaft sind im Mittleren Westen konzentriert, also in Wahlkreisen, die im November eine Rolle spielen. Ottawa hat seine Liste nicht nach ökonomischer, sondern nach politischer Wirkung geschnitten.
Dieser Zollstreit ist kein Ereignis, das man handelt, sondern eine Bedingung, unter der man ab jetzt investiert: Die USA haben am 1. Juli die optionale Verlängerung des nordamerikanischen Freihandelsabkommens um weitere 16 Jahre abgelehnt. Das Abkommen bleibt bis zum 1. Juli 2036 vollständig in Kraft, wird nun aber jährlich statt alle sechs Jahre überprüft – weshalb für Unternehmen mit grenzüberschreitenden Lieferketten dauerhaft ein höherer Kapitalkostensatz anzusetzen ist. Wie der Konflikt gerade steht, zeigt nicht der Aktienmarkt, sondern der Wechselkurs – unter 1,37 preist der Markt Entspannung ein, über 1,40 eine längere Auseinandersetzung. Unter Druck stehen kanadische Stahl- und Holzwerte sowie Fahrzeugzulieferer, ab dem 8. September kommen US-Spirituosen, Milchwirtschaft, Haushaltsgeräte und Landmaschinen dazu.
Solange Energie, kritische Mineralien und Fisch unangetastet bleiben, ist der Streit teuer, aber beherrschbar. Vor den Zwischenwahlen am 3. November ist mit Schlagzeilen, aber kaum mit Bewegung zu rechnen. Als Arbeitsgrundlage taugt Carneys Satz über die amerikanische Unterschrift: Sie ist mit Bleistift geschrieben.
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