23.04.2017 Thorsten Küfner

Quo vadis DAX: das raten jetzt die Experten (Teil 2)

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DAX
Trendthema

Droht eine Korrektur beim DAX? Wo liegen die größten Risiken? Wir haben bei den besten Börsenexperten Deutschlands nachgefragt – wie etwa Folker Hellmeyer, Chefanalyst der Bremer Landesbank. Er gibt Antworten darauf, wie es mit dem DAX weiter geht, welche Aktien man jetzt haben muss und welche man aus dem Depot verbannen sollte.

Herr Hellmeyer, wie schätzen Sie den Markt derzeit ein? Wird es bald weiter nach oben gehen oder müssen wir Angst haben, dass es bald knallt?
Folker Hellmeyer: Wir sind im Moment in einer Konsolidierungsphase. Wir haben Jahreshöchststände nahe dem Allzeithoch gesehen. Es sollte eine Korrektur stattfinden, die auch etwas nachhaltiger ist, aber wir bekommen die Korrektur aktuell gar nicht hin. Das Ganze hat eher das Charaktermerkmal einer Konsolidierung auf hohem Niveau. Insofern gehe ich davon aus, dass dieser Aufwärtstrend wieder aufgenommen wird. Ein Katalysator kann eine zufriedenstellende erste Runde bei den Präsidentschaftswahlen in Frankreich sein. Die Wirtschaftsdaten, die wir aus Europa bekommen, bleiben für die europäischen Aktienmärkte sehr stimulierend. So war etwa der Sentix-Index für die Eurozone auf dem höchsten Niveau seit 2007. Aber grundsätzlich sehen wir insgesamt von der Datenfront in der Tendenz eher positiv überraschende Entwicklungen in der Eurozone, die die Aktienmärkte in Europa weiter unterstützen.

Wo sehen Sie derzeit die größten Risiken für den Markt?
Die größten Risiken liegen derzeit eindeutig in der Geopolitik. Dass die gegenwärtig überschaubaren Konflikte in der Welt – in der Ukraine, Syrien, im Südchinesischen Meer oder Nordkorea – in heißere Phasen eintreten. Sollte das der Fall sein, ergibt sich eine Achillesferse für die Dynamik der Weltwirtschaft, die in der Tendenz im Vergleich zum Vorjahr zunehmend ist, und damit einhergehend auch Risiken für die Bewertung an den Märkten.

Der zweite Risikofaktor ist die Konjunktur in den USA. Die Kollegen, die mich verfolgen wissen, dass ich im letzten Jahr eine Punktlandung bei der Makroprognose geliefert habe. Und ich sage, auch dieses Jahr wird die US-Wirtschaft wieder unterproportional laufen. Für das erste Quartal liegt die Wachstumsprognose der Federal Reserve Atlanta bei 0,5 Prozent auf das Jahr hochgerechnet. Das unterstreicht noch einmal, dass es zuviel Euphorie bezüglich der US-Wirtschaft gibt und ergo auch eine durchaus sportliche Bewertung an den US-Märkten. Es ist jedoch ein überschaubares Risiko.. Die globale Beschleunigung der Konjunktur hat eben perspektivisch auch stabilisierende Effekte auf die drei Sorgenkinder der Weltwirtschaft USA, Großbritannien und Japan.

US-Aktien sind recht hoch bewertet, deutsche sind im langfristigen Vergleich günstig. Wird der DAX den Dow Jones mittelfristig outperformen?
Wir haben in diesem Jahr schon eine leichte Outperformance. Der DAX lief ein halbes Prozent besser als zum Beispiel der S&P. Und ich sehe in der Tat eine weitere Outperformance, einfach weil die Divergenz in der Bewertung bei den Kurs-Gewinn-Verhältnissen recht erheblich ist: Sie liegt aktuell bei 20 Prozent. Also im Vergleich zu den USA ist der EuroStoxx circa 20 Prozent unterbewertet. Das ist eine Ineffizienz. Und Ineffizienzen werden in der Tendenz historisch betrachtet neutralisiert. Ich bin sehr zuversichtlich, dass es goutiert wird, dass unser Wirtschaftsaufschwung in Europa von wiederkehrenden Einkommen – und nicht wie in den USA von Krediten – geprägt ist. Internationale Investoren könnten insbesondere nach dem Risiko der Frankreich-Wahl wieder verstärkt in den Raum Europa drängen.

Die Fed will noch in diesem Jahr auf die geldpolitische Bremse treten. Was bedeutet das für die Aktienmärkte?
Sie kann gar nicht stark auf die Bremse treten. Wir haben im Moment enorm hohe Verschuldungen bei den US-Konsumenten bei übrigens den liederlichsten Kreditvergabestandards in der Geschichte der USA. Wenn es hier zu starke Zinserhöhungen gibt, knickt der Konsumsektor ein. Jüngste Zahlen für das erste Quartal signalisieren diese Tatsache bereits. Im Sektor Einzelhandel kam es im ersten Quartal zu einer Nullnummer. Eine Vielzahl von Zinserhöhungen würde die Konjunkturrisiken in den USA noch einmal deutlich verschärfen. Ich sehe in diesem Jahr noch einen Zinsschritt der Fed. Dieser dürfte aber mehr durch die Inflation getrieben sein von und nicht durch eine stabile oder freundliche Konjunkturlage.
Um es ganz deutlich zu machen: Die USA bewegen sich in dem schwächsten Wachstumsklipp seit 2010 – und wollen sportlich Zinsen erhöhen und der Welt klar machen, dass die US-Konjunktur gut läuft – das ist einfach unfassbar. Wir haben hier in Europa die stärkste Wirtschaftsentwicklung seit 2010 – und unsere Zentralbank bleibt auf den Gaspedal stehen. Also das Maß an Widersprüchlichkeiten bezüglich der Zentralbankansätze ist erheblich. Die USA wird wie im letzten Jahr nicht das liefern, was zunächst versprochen wurde. Das bietet das wirtschaftliche Umfeld einfach nicht.

Wann wird die EZB frühestens nachziehen?
Ich denke, dass wir im zweiten Halbjahr zumindest eine andere Verbalakrobatik bekommen. Dann könnte sowohl bei den Negativzins, den die Banken zu zahlen haben, etwas Bewegung ins Spiel kommt – etwa von jetzt minus 0,4 auf minus 0,2 Prozent, im besten Fall sogar auf 0 Prozent. Zudem könnten perspektivisch die Anleihen-Aufkäufe wieder verringert werden. Das wäre dann der Eintritt in einen Zinsveränderungsmodus und das würde an den Märkten in Europa übrigens positiv aufgenommen werden, weil dadurch systemische Risiken eliminiert werden. Das sind Zinserhöhungen die dann wirklich auf einer Stärke der Konjunkturlage basieren. Solche Zinserhöhungen werden an den Währungsmärkten und normalerweise auch an den Finanzmärkten grundsätzlich positiv begleitet.

Mit der Toskana-Fraktion in der EZB ist aber wohl kaum noch 2017 ein großer Wurf bei den quantitativen Maßnahmen zu erwarten.

Wie robust bewerten Sie aktuell die Konjunktur in Deutschland, Europa und in den USA?
Wir haben eine weltwirtschaftlich robuste Verfassung, da eben die Schwellenländer etwa auch mit dem Projekt „One Belt, One Road“ Stabilisator sind. Daraus ergibt sich ein positiver Wachstumsimpuls aus diesem Sektor, der für 63% der Weltwirtschaft steht, für die Weltwirtschaft von mindestens 4,5 Prozent – perspektivisch auch für die nächsten Jahre. Dazu kommt die Eurozone mit einem Wachstumsklipp zwischen 1,5 und 2,0 Prozent auf die Sicht der kommenden Jahre und damit haben wir 78 Prozent der Weltwirtschaft in trockenen Tüchern. Und der Rest – USA, Japan und Großbritannien – profitiert auch von dem Weltklima, aber nur mit einem unterproportionalen Wachstumspfad. Die Weltwirtschaft dürfte nach 3,1 Prozent im letzten Jahr nun mit mindestens 3,6 Prozent wachsen. Dadurch haben wir erhöhte Skaleneffekte bei einer nach wie vor sehr günstigen Zentralbankenpolitik. Alles das unterstützt die Aktienmärkte in diesem Jahr und dadurch werden die Korrekturbewegungen, die wir erleben und zumeist politisch motiviert sind, alle sehr kurz ausfallen. Sie sind nicht in der Lage, eine Trendfähigkeit zu entwickeln. Ich bin sehr optimistisch für die europäischen Aktienmärkte und die der aufstrebenden Länder. Und ich bin verhalten optimistisch für die Märkte in USA, Großbritannien und Japan.

Seien Sie bitte visionär: Wo steht der DAX in 5 Jahren?
17.700 Punkte.

Welche Branchen muss man jetzt haben?
Für mich ist die Chemiebranche irrsinnig interessant. Wir ziehen viel mehr Menschen vom Rand der Weltwirtschaft in den Mittelpunkt. Wir brauchen dadurch erhöhte Effizienzen in der Produktion – und das geht nur mit Chemie.
Der andere Punkt ist der Bereich der Nahrungsmittelindustrie. Wir binden immer mehr Menschen an die Weltwirtschaft an – teilweise mit veränderten Lebensgewohntheiten. Das heißt, hier sind auch überproportionale Wachstumseffekte denkbar.
Der dritte Sektor, der mir am Herzen liegt, ist der Maschinenbau, wir kommen da nicht drumherum.
Außerdem sind Rohstoffe für mich das „Go-To-Investment“. Wir haben 2016 einen ausgebombten Markt gesehen. Mit diesen gesamten Infrastrukturmaßnahmen der aufstrebenden Länder – aber auch perspektivisch von den USA und Europa – werden wir eine sehr solide Nachfrage nach Rohstoffen sehen. Diese dürften in den kommenden fünf Jahren grundsätzlich eine positive Tendenz gewährleisten und damit bei den Unternehmen für erhebliches Gewinnwachstum sorgen.

Welche Branchen sollte man sofort verkaufen?
Im Finanzsektor gibt es zwar nach wie vor Fantasie vor allem durch die Deregulierung in den USA, ich bleibe aber nach wie vor sehr verhalten. Insbesondere weil in Europa die Regulierungswut noch sehr ausgeprägt ist. Das erodiert die Geschäftsmodelle.

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