27.04.2019 Jochen Kauper

Börsenexperte Stanzl: "Die Hoffnung stirbt (auch an der Börse) zuletzt"

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An der Börse hat man sich scheinbar mit dem Gedanken angefreundet, dass es der amerikanischen Notenbank mit ihrer geldpolitischen 180-Grad-Wende in letzter Sekunde gelungen sein könnte, eine weltweite Rezession abzuwenden. Die Börsen jedenfalls zeigten sich in den letzten Wochen in guter Verfassung. Wie geht es weiter?

Hoffnung auf Handelsabkommen zwischen China und dne USA

So schlecht die Wirtschaftsdaten auch sind, die Hoffnung auf eine Besserung in der zweiten Jahreshälfte kompensiert bislang die Enttäuschungen an der Datenfront. "So wie auch in der gerade laufenden Berichtssaison in den USA. Das erste Quartal wird eines sein, das viele Anleger schnell wieder vergessen wollen. Gerade mal eine schwarze Null könnte am Ende für den Anstieg der Unternehmensgewinne im amerikanischen S&P 500 Aktienindex stehen. Jetzt dreht sich alles um das zweite Halbjahr und die Hoffnung, dass dann auch das Gewinnwachstum zurückkehren wird", sagt Jochen Stanzl von CMC Markets.

Die Geschichte, die an den Börsen die Kurse in immer größere Höhen treibt, hat sich seit Jahresbeginn nicht wirklich verändert. "Es lebt die Hoffnung auf ein neues Handelsabkommen zwischen China und den USA. Genau wie die Hoffnung, dass die US-Notenbank die Zinsen in diesem Jahr nicht weiter anheben und die Europäische Zentralbank vor Sommer 2020 nicht an der entsprechenden Schraube drehen wird. Und es gibt die Hoffnung, dass sich die Unternehmensgewinne wieder erholen. Hoffnung ist also die Triebfeder der aktuellen Aufwärtsbewegung", sagt Stanzl.

"Verlässliches Rezessionssignal"

Die Börse erwartet also, dass die Wirtschaft nicht in einen Rezessione schlittern wird. "Nach zahlreichen enttäuschenden Konjunkturdaten wurde oft die Zinsstrukturkurve am amerikanischen Rentenmarkt als Indikation angeführt. Aber trotz des Sinkflugs bis Anfang Dezember vergangenen Jahres lagen die Renditen der zweijährigen US-Staatsanleihen zu keinem Zeitpunkt über den Renditen der zehnjährigen Papiere. Eine solche so genannte „Invertierung der Zinskurve“ gilt als verlässliches Rezessionssignal. Seit dem Zweiten Weltkrieg kam es achtmal vor und ausnahmslos folgte eine Rezession. Bis jetzt aber gibt dieses Signal nicht, also gibt es auch keine Rezessionsgefahr. Die Märkte sind nur deshalb nervös geworden, weil sich die Kurven mit noch kürzeren Zeitabständen bereits invertiert hatten. Seit Dezember hat sich der Abstand zwischen den beiden entscheidenden Kurven nun wieder mehr als verdoppelt, was für eine Bodenbildung sprechen könnte. Die größte Gefahr für die derzeitige Rally an den Aktienmärkten ist, dass der Zinsabstand nun wieder kleiner wird", sagt Marktexperte Stanzl.

"In Deutschland könnte es bald wieder aufwärts gehen"

Betrachtet man die Konjunkturerwartungen des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), scheint die Hoffnung auf ein Ende der konjunkturellen Delle auch auf Deutschland abzufärben. "Normalerweise vollzieht die deutsche Wirtschaft eine Erholung in China und den USA mit einer zeitlichen Verzögerung von gut einem Quartal. Bedeutet: Wenn sich das Wachstum in den USA und China stabilisiert, könnte es auch in Deutschland wieder aufwärts gehen. Genau das feiern die Börsen gerade mit dem Anstieg über 12.000 Punkte im Deutschen Aktienindex", lautet das Fazit von Jochen Stanzl von CMC Markets.