Marvell vor den Quartalszahlen: Google darf Aktien für 12,2 Milliarden Dollar kaufen – wofür genau?

Marvell vor den Quartalszahlen: Google darf Aktien für 12,2 Milliarden Dollar kaufen – wofür genau?
Foto: Marvell Technology
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Ingo Nix Heute, 15:23 Ingo Nix
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Marvell berichtet am 27. August nach US-Börsenschluss über das zweite Quartal des Geschäftsjahres 2027. Der Konsens liegt bei 2,7 Milliarden Dollar Umsatz (plus 35 Prozent zum Vorjahr) und 93 Cent bereinigtem Gewinn je Aktie (plus 39 Prozent) und damit praktisch auf der eigenen Guidance vom 27. Mai. Die Aktie steht nach 179 Prozent seit Jahresbeginn bei rund 240 Dollar und dem 80-Fachen des bereinigten Zwölfmonatsgewinns; der Optionsmarkt preist eine Bewegung von rund zehn Prozent ein.

Marvells Umsatztreppe
Quelle: Marvell Investor Relations, Quartalsmitteilungen und Guidance vom 27. Mai 2026.
Marvells Umsatztreppe

Die Ausgangslage – jedoch ohne Google

Marvell verkauft Dateninfrastruktur-Halbleiter in vier Produktlinien: optische Verbindungen (Interconnect), Ethernet-Switches, Speicher- und Netzwerk-Controller sowie kundenspezifische Rechenbausteine. Der Umsatzmix ist das entscheidende Merkmal des Geschäftsmodells: Das Rechenzentrumsgeschäft steuerte im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2027 1,83 Milliarden Dollar bei – 76 Prozent des Konzernumsatzes, ein Plus von 27 Prozent zum Vorjahr. Auf Kommunikation und Sonstiges entfielen 585 Millionen Dollar, ein Plus von 29 Prozent.

Im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2027 (Quartalsende 2. Mai 2026) lag der Umsatz bei 2,42 Milliarden Dollar, 18 Millionen Dollar über dem Mittelwert der eigenen Guidance und 28 Prozent über Vorjahr. Der Gewinn je Aktie erreichte 80 Cent gegenüber 62 Cent im Vorjahr. Die Bruttomarge fiel auf 58,9 Prozent nach 59,8 Prozent im Vorjahresquartal, die Betriebsmarge stieg auf 35 Prozent nach 34,2 Prozent.

Kursbestimmend war zuletzt nicht das Quartal, sondern eine SEC-Mitteilung: Am 19. August legte Marvell einen am 29. Juli geschlossenen Vertrag über kundenspezifische Chips mit Google offen. Einen Tag zuvor hatte das Unternehmen Google einen Optionsschein über bis zu 58,97 Millionen Marvell-Aktien zu 206,58 Dollar je Aktie ausgegeben. Bei vollständiger Ausübung müsste Google dafür 12,2 Milliarden Dollar zahlen.

Der Optionsschein ist an Bedingungen geknüpft. Nahezu alle Aktien werden erst frei, wenn Google tatsächlich kauft: Für jede halbe Milliarde Dollar Umsatz aus kundenspezifischen Produkten wird eine von 240 Tranchen frei; lediglich 1,36 Millionen Aktien werden zeitbasiert in vier Quartalsschritten im ersten Jahr frei. Vollständig ausüben lässt sich der Schein damit erst, wenn Google bis zum Ende des Geschäftsjahres 2033 Chips für rund 120 Milliarden Dollar abgenommen hat; ausübbar ist er bis zum 18. August 2033. Der Vertrag umfasst Inferenz-Beschleuniger, Storage-Controller, Netzwerk-Controller, Memory-Interface-Controller und Near-Memory-Compute rund um Googles TPU-Ökosystem, also die hauseigenen KI-Rechenchips des Konzerns.

Marvell Technology Group (WKN: A3CNLD)

Was den Kurs bewegen könnte

Die nun anstehenden Zahlen enthalten keinen anrechenbaren Umsatz aus dem Google-Vertrag.

Auslöser nach oben

Ein Ausblick deutlich über drei Milliarden Dollar für das dritte Quartal, verbunden mit einer datierten Aussage dazu, wann das Google-Geschäft Umsatz erzeugt. Drei Milliarden allein reichen nicht – diese Marke hat das Management im Mai bereits selbst als Ziel ausgegeben. Ein zweiter Auslöser wäre eine Bruttomarge, die trotz des steigenden Anteils kundenspezifischer Chips stabil bleibt. Ein dritter läge außerhalb des Unternehmens: Starke Zahlen von Nvidia heben in der Regel die gesamte Lieferkette an.

Auslöser nach unten

Eine Punktlandung ohne Anhebung. Bei einer Aktie, die seit Jahresbeginn 179 Prozent gewonnen hat, ist ein Ergebnis im Rahmen der Erwartung keine gute Nachricht, sondern das Ausbleiben einer guten Nachricht. Gefährlicher wäre ein Hinweis auf verschobene Programme bei einem der großen Cloud-Kunden: Die Umsatzkonzentration auf wenige Abnehmer ist das strukturelle Risiko dieses Geschäftsmodells.

Hinzu kommt der Preis des Google-Deals. Wird der Optionsschein vollständig frei und ausgeübt, wächst die Aktienzahl um knapp sieben Prozent. Marvell bezahlt den Auftrag also zu einem Teil mit dem Eigenkapital der Altaktionäre. Dagegen steht: Die volle Verwässerung tritt nur ein, wenn Google zuvor 120 Milliarden Dollar Umsatz geliefert hat. 


Marktbild: Was andere Analysen sagen

Nach der Erhebung von S&P Global vom 25. August verteilen sich 44 Analystenstimmen auf 31-mal die höchste Kaufeinstufung, siebenmal „Kaufen“, sechsmal „Halten“ und keine Verkaufsempfehlung. Wells Fargo hob sein Kursziel nach der Google-Meldung auf 310 Dollar an, Rosenblatt auf 300 Dollar; vor den Zahlen zogen Susquehanna auf 265 Dollar und Morgan Stanley auf 224 Dollar nach – Letztere allerdings bei unverändertem Votum „Halten“. Die Spanne der jüngsten Kurszielanhebungen reicht von 224 Dollar bis zu den 400 Dollar von KeyBanc und zeigt, wie unterschiedlich derselbe Sachverhalt gelesen wird.

Wedbush-Analyst Matt Bryson sieht darin kein Nullsummenspiel: Immer mehr Cloud-Konzerne lassen sich eigene KI-Chips maßschneidern, statt Standardchips zu kaufen. Der Markt dafür wachse insgesamt – davon könnten mehrere Chipentwickler gleichzeitig profitieren, nicht nur einer auf Kosten des anderen.

Der Markt erwartet Zahlen auf dem Niveau der Unternehmens-Guidance. Die operative Hebelwirkung ist belegt, die Bruttomarge sinkt jedoch mit steigendem Anteil kundenspezifischer Chips. Der Google-Vertrag hebt eine bestehende Beziehung auf eine neue Stufe und verankert Marvell damit bei allen drei großen US-Cloud-Anbietern, liefert im Berichtsquartal aber noch keinen Umsatz. Bei einem bereinigten KGV von 80 und gut dem 18-Fachen des für das Geschäftsjahr 2027 prognostizierten Umsatzes ist die Erreichung der Guidance eingepreist.

DER AKTIONÄR bleibt weiterhin positiv gestimmt für Marvell. Das Kursziel liegt bei 200 Euro mit einem Stopp bei 145 Euro. 

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