Die US-Börsen dürften verhalten in den heutigen Handelstag starten. Die Lage im Nahen Osten bleibt brandgefährlich. Nachdem die USA erneut iranische Militärziele attackiert haben, ziehen Ölpreise und Anleiherenditen kräftig an. Anleger zweifeln immer stärker daran, dass eine schnelle Friedenslösung zwischen Washington und Teheran bevorsteht. Unterdessen wachsen Konjunktursorgen.
Bei den Futures auf die drei wichtigsten US-Indizes stehen deshalb vorbörslich Verluste auf dem Tableau: Mit minus 0,4 Prozent gibt der Nasdaq 100 am stärksten nach und steht aktuell bei 29.864 Punkten. Besonders Halbleiterwerte stehen unter Verkaufsdruck. Der S&P 500 liegt mit aktuell 7.507 Zählern ebenfalls leicht unter dem Vortagesniveau. Der Dow Jones verliert nach dem am Vortag aufgestellten Allzeithoch 0,1 Prozent auf 50.585 Zähler.
Nahost-Konflikt: Das Damoklesschwert über den Märkten
Die jüngste Eskalation zwischen den USA und Iran zeigt zudem, wie fragil die Waffenruhe weiterhin ist. US-Präsident Donald Trump verschärfte den Ton in dieser Woche wieder und droht dem Iran offen mit neuen Militärschlägen. Die Hoffnung auf eine diplomatische Lösung lebt zwar weiter. Laut US-Außenminister Marco Rubio könnten die Gespräche innerhalb weniger Tage Fortschritte bringen.
Das Tauziehen sorgt bei Anlegern für Verunsicherung – Aktien geraten unter Druck. „Der Markt steckt derzeit zwischen zwei völlig unterschiedlichen Szenarien fest“, analysiert Aneeka Gupta von WisdomTree. Entweder komme es mit einer Einigung zur konjunkturellen Erholung oder der Konflikt verschärfe das Risiko der Stagflation massiv.
Trotz der angespannten Lage bleiben einige Marktstrategen konstruktiv. Mathias Heim von Belle Capital verweist auf den anhaltenden KI-Boom als zentralen Kurstreiber. „Der eigentliche Elefant im Raum ist der KI-Investitionszyklus“, so Heim. Dieser stütze Gewinnwachstum und Bewertungen gleichermaßen. Aktien blieben daher strukturell die attraktivste Anlageklasse.
Konjunktursorgen wachsen
Um 14:30 Uhr gab es zudem frische Konjunkturdaten aus den USA – darunter die Zahlen zu Realeinkommen und Konsumausgaben im April sowie der richtungsweisende PCE-Inflationsindex. Unerwarteterweise stagnierte das private Einkommen der US-Amerikaner im April auf Vormonatsniveau. Ökonomen hatten eigentlich mit einem Anstieg um 0,4 Prozent gerechnet. Die Konsumausgaben legten dagegen wie erwartet um 0,5 Prozent zu. Damit bleibt der Konsum vorerst robust, obwohl die Verbraucher mehr und mehr unter Druck geraten.
Der von der Fed besonders beachtete PCE-Preisindex kletterte im April wie erwartet von 3,5 auf 3,8 Prozent. Vor allem die wegen des Iran-Kriegs stark gestiegenen Energiepreise treiben die Teuerung nach oben. Aber auch die Kernrate, bei der die schwankungsanfälligen Energie- und Nahrungsmittelpreise herausgerechnet werden, zog leicht auf 3,3 Prozent an.
Damit wächst an der Wall Street die Sorge, dass die US-Notenbank länger restriktiv bleiben oder die Zinsen sogar erneut anheben könnte. Mehrere Notenbanker schlugen zuletzt einen deutlich vorsichtigeren Ton an. Fed-Gouverneurin Lisa Cook warnte vor einer erneut anziehenden Inflation. Minneapolis-Fed-Präsident Neel Kashkari erklärte gegenüber CNBC, die Verbraucherpreise seien weiterhin „viel zu hoch“. Auch Fed-Vize Philip Jefferson sieht die Inflationsrisiken klar auf der Oberseite.
Die Schätzung zum BIP-Wachstum der USA im Q1 wurden in der heute veröffentlichten zweiten Erhebung des Handelsministeriums von 2,0 Prozent auf nurmehr 1,6 Prozent Wachstum revidiert. Das Wirtschaftswachstum der größten Volkswirtschaft der Welt nimmt somit weniger Fahrt auf als erwartet. Ökonomen hatten im mit einer Bestätigung der Erstschätzung gerechnet.
Rohstoffpreise: Öl springt wieder hoch, Gold und Silber unter Druck
Besonders im Fokus steht weiter die Straße von Hormus – eine der wichtigsten Energieadern der Welt. Wegen der anhaltenden Spannungen ist der Schiffsverkehr dort inzwischen massiv eingeschränkt. Rund ein Fünftel der globalen Öl- und Flüssigerdgas-Lieferungen läuft normalerweise durch die Meerenge. Entsprechend sensibel reagieren die Rohstoffmärkte auf jede weitere Eskalation im Nahost-Konflikt.
Brent-Öl springt am Donnerstag in der Spitze um vier Prozent auf über 98 Dollar je Barrel und notiert aktuell noch bei 97,06 Dollar. Die US-Sorte WTI zieht um gut drei Prozent auf 91,50 Dollar pro Barrel an.
Auch am Edelmetallmarkt dominieren am Donnerstag die Verkäufer. Gold verliert zuletzt rund 1,4 Prozent auf 4.391 Dollar je Feinunze und fällt damit unter das Vortagestief. Steigende Anleiherenditen und die Sorge vor länger hohen Zinsen setzen dem zinslosen Edelmetall spürbar zu. Noch deutlicher gerät Silber unter Druck. Die Feinunze verliert 2,1 Prozent auf 73 Dollar. Dabei hatte Silber zwischenzeitlich noch Kurs auf die 75-Dollar-Marke genommen.
Bitcoin und Ethereum geraten unter die Räder
Auch der Kryptomarkt leidet unter einer Verkaufswelle. Bitcoin verliert zuletzt rund 2,4 Prozent auf 73.346 Dollar und erreicht damit den tiefsten Stand seit sechs Wochen. Ethereum fällt sogar um 3,6 Prozent und rutscht damit wieder unter die psychologisch wichtige Marke von 2.000 Dollar.
Nervöser Handelsstart erwartet: Gewinner bei den Einzelwerten
Für Gesprächsstoff sorgen heute vor allem Software-Aktien. Der alles überstrahlende Sieger im vorbörslichen Handel: Snowflake springt um 37 Prozent auf 239,59 Dollar – den höchsten Stand seit Dezember 2025, bevor die scharfe Korrektur den gesamten Sektor nach unten riss. Das Unternehmen hat bei der Zahlenvorlage gestern Abend nicht nur die Jahresprognose überraschend angehoben, sondern auch einen milliardenschweren Cloud-Deal mit Amazon verkündet (DER AKTIONÄR berichtete). Für Datadog und ServiceNow geht es im Sog mit nach oben. Salesforce dagegen steht trotz starker Zahlen mit vorbörslichen Verlusten von 1,8 Prozent leicht unter Druck. Anleger stören sich am schwächeren Umsatzausblick für das laufende Quartal.
Im Konsumsektor überzeugt Dollar Tree mit besser als erwarteten Quartalsergebnissen und einer optimistischen Gewinnprognose. Der bereinigte Gewinn je Aktie soll demnach im Gesamtjahr 2026 nun zwischen 6,70 Dollar und 7,10 Dollar liegen und somit 0,20 Dollar höher als bisher anvisiert. Die Aktie stürmt kurz vor Handelsstart um 19 Prozent nach oben. Wettbewerber Dollar General profitiert ebenfalls mit vorbörslichen Kursgewinnen in Höhe von sieben Prozent. Auch die Papiere des Elektronikhändlers Best Buy klettern nach überraschend robusten Quartalszahlen um zehn Prozent.
Gefragt sind heute außerdem Drohnen-Aktien. Laut Wall Street Journal prüft die Trump-Regierung neue Finanzierungsmodelle für die Branche. Anleger spekulieren daher auf einen Ausbau der heimischen Drohnenproduktion. AeroVironment und Kratos heben zweistellig ab.
Heute, 15:15