Die Fed von Minneapolis hält die Inflation weiter für zu hoch. Zehnjährige US-Staatsanleihen bringen 5,29 Prozent – mehr, als der S&P 500 an Gewinn abwirft. Was heißt das für DAX und Wall Street?
„Die Inflation ist immer noch zu hoch.“ Mit diesem Satz hat Neel Kashkari, Chef der Fed von Minneapolis, am Mittwoch die Hoffnung auf eine Atempause gedämpft – obwohl die Kernrate des PCE-Deflators, des bevorzugten Inflationsmaßes der Fed, im August mit drei Prozent niedriger ausfiel als erwartet. Die Fed hat im September erstmals seit drei Jahren die Zinsen erhöht, Kashkari rechnet mit einem weiteren Schritt noch in diesem Jahr.
Zinsen: Warum fünf Prozent Aktien teurer machen
Eine Aktie ist die Summe künftiger Gewinne, heruntergerechnet auf heute. Je höher der Zins, mit dem abgezinst wird, desto weniger ist ein Gewinn in zehn Jahren heute wert. Das trifft vor allem teure Wachstumswerte. Dazu kommt der direkte Vergleich: Der S&P 500 kostet das 19-Fache der erwarteten Gewinne, eine Gewinnrendite – der Kehrwert des KGV – von 5,21 Prozent. Die zehnjährige US-Staatsanleihe bringt mit 5,29 Prozent inzwischen mehr, ohne Unternehmensrisiko. Die Prämie fürs Aktienrisiko ist aufgezehrt. Hohe Inflation verschärft das, weil sie Margen drückt und die Notenbank zu höheren Leitzinsen zwingt.
Wie das ausgeht, zeigt das Jahr 2022. Anfang des Jahres warf der S&P 500 bei einem KGV von 21 eine Gewinnrendite von 4,76 Prozent ab, die Anleihe nur 1,51 Prozent – gut drei Prozentpunkte Polster fürs Risiko. Dann stieg die Rendite auf zeitweise 4,24 Prozent, das Polster schmolz, das KGV fiel bis Oktober auf 15. S&P 500 und DAX verloren vom Hoch zum Tief je rund ein Viertel, das DAX-KGV sank auf elf. Heute fehlt das Polster ganz. Noch härter traf es die 70er-Jahre: Bei zweistelliger Inflation und Renditen bis 15,82 Prozent schrumpfte das KGV auf sieben.
Berichtssaison: Jetzt müssen die Gewinne liefern
Am 13. Oktober eröffnen JPMorgan, Goldman Sachs & Co. die US-Berichtssaison. Für das dritte Quartal erwarten Analysten im S&P 500 ein Gewinnplus von rund 29 Prozent bei 12 Prozent mehr Umsatz. Im Technologiesektor sollen die Gewinne um 63,5 Prozent steigen. Für das Gesamtjahr 2026 rechnet der Markt mit weiter steigenden Umsätzen und Gewinnen. Die Nettomarge des S&P 500 liegt mit 15 Prozent auf dem zweithöchsten Stand seit Beginn der Statistik im Jahr 2009.
KI-Investitionen: Der Motor läuft weiter
In den USA liefert die Technologie. Alphabet, Amazon und Meta stehen für rund 70 Prozent des Anstiegs der Gewinnerwartungen 2026 und stecken dieses Jahr gut 500 Milliarden Dollar in KI-Rechenzentren. Höhere Zinsen bremsen sie kaum, räumt selbst Kashkari ein. Und das Tempo bleibt hoch: Goldman Sachs sieht die Ausgaben der Cloud-Konzerne von 800 Milliarden Dollar in diesem Jahr auf 1,4 Billionen im Jahr 2028 steigen – der Boom stehe „noch am Anfang“. JPMorgan rechnet bis 2030 weltweit mit 5,5 Billionen Dollar KI-Investitionen, Morgan Stanley allein bei Rechenzentren bis 2028 mit 2,9 Billionen, vier Fünftel davon noch offen.
Der Haken ist die Finanzierung. Laut Morgan Stanley stammt nur knapp die Hälfte aus dem eigenen Cashflow, JPMorgan erwartet rund vier Billionen Dollar auf Kredit – bei Zinsen über fünf Prozent wird das teurer. Goldman warnt zudem vor steigenden Abschreibungen, falls die Nachfrage nicht mitzieht. Liefern Zahlen und Ausblick, tragen harte Gewinne die Indizes, nicht steigende Bewertungen.
DAX und S&P 500: Die Marken im Chart
Der DAX schloss gestern bei 25.199 Punkten und handelt somit unter der 100-Tage-Linie bei 25.370. Widerstand ist das Rekordhoch bei 26.570 Punkten. Eine Reihe von technischen Indikatoren mahnt zur Vorsicht. Beim S&P 500, der gestern bei 7.652 Punkten schloss, sieht die Lage noch etwas freundlicher aus, allerdings fangen auch hier die technischen Indikatoren an zu drehen. Die Widerstandszone um 7.800 Punkte ist breit gefächert. Unterstützung liefert die 100-Tage-Linie bei 7.555, darunter das Septembertief bei 7.508. Die anstehende Berichtssaison wird zeigen, wie sich die Gewinne entwickeln und ob sich die Indizes bis zu den US-Zwischenwahlen am 3. November noch behaupten können.
DER AKTIONÄR wird im Laufe des Tages über sämtliche wichtigen Entwicklungen und Neuigkeiten an den nationalen und internationalen Märkten berichten.
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