04.11.2003 DER AKTIONÄR

Nach dem Crash kommt der Boom

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Anfang der 1960er-Jahre erschien von Thomas Samuel Kuhn das Buch "Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen". Es beschäftigt sich mit der Frage, wie wissenschaftlicher Fortschritt vonstatten geht. Ursprünglich nahm man nämlich an, dass dieser völlig gleichmäßig verläuft. Doch Kuhn wagte die Behauptung, dass Fortschritt das Ergebnis eines harten Kampfes zwischen verschiedenen Fraktionen von Wissenschaftlern sei. Eine neue wissenschaftliche Erkenntnis würde sich erst dann durchsetzen und allgemein akzeptiert werden, wenn die Probleme, die man mit der alten Theorie gehabt hätte, derart groß geworden wären, dass man gar nicht mehr anders könne als eine neue Erkenntnis zu formulieren. Solche Sprünge in der Geschichte des Fortschritts werden von Kuhn als Paradigmenwechsel bezeichnet. Ein Paradigmenwechsel erfolgt demnach nicht freiwillig und aus Einsicht, sondern unter purer Not und Verzweiflung. Bis heute ist Kuhns Werk umstritten und alles andere als anerkannt.

 Doch Kuhns Theorie von der Geschichte des Fortschritts hält auch für Börsianer eine wichtige Folgerung bereit. Technologische Fortschritte, die an der Börse für rasant steigende Kurse sorgen, laufen nicht gleichmäßig. Ganz im Gegenteil, bis sie sich durchgesetzt haben, kommt es immer wieder zu ausufernden Exzessen und tiefgreifenden Depressionen. Bestes Beispiel ist der Eisenbahnboom in den Vierzigerjahren des 19. Jahrhunderts in Großbritannien. Damals ging ein Bahnunternehmen nach dem anderen an die Börse. Unzählige Gleise wurden verlegt und Bahnhöfe gebaut. Mit jedem neuen Gleiskilometer stiegen die Eisenbahnaktien, die jeder Anleger haben wollte. Dann kam die Ernüchterung: Die Aktien sackten ins Bodenlose, viele Bahngesellschaften gingen Pleite.

 Doch auf den großen viktorianischen Eisenbahncrash folgte wenig später erst recht eine Boomphase. Solide Bahnunternehmen etablierten sich und sorgten in den folgenden 60 Jahren für eine Verzehnfachung des Gleisnetzes. An der Börse stiegen die Eisenbahnaktien wieder - nicht alle und nicht so rasant wie zuvor, doch Anleger, die auf die richtigen Papiere setzten, konnten sich eine "goldene Nase" verdienen. Die Wirtschaftsgeschichte ist voll von solchen Beispielen. Das Internet und die Biotechnologie, deren heiße Börsenphase im Frühjahr 2000 endete, ist da sicherlich keine Ausnahme.

Olaf Hordenbach