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09.06.2020 Andreas Deutsch

Gesundheitsexperte Stefan Willich im Interview: Wie lange noch?

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Das Virus hat die Welt weiterhin im Griff. Doch hat es den Anschein, als ob wir uns so langsam an die „neue Normalität“ gewöhnen. Gesundheitsexperte Stefan Willich sagt, wie es bei der Pandemie weitergeht.

DER AKTIONÄR: Herr Willich, wo stehen wir bei der Pandemie?

Stefan Willich: In Deutschland haben wir die Seuche unter Kontrolle. Die Neuinfektionen sind seit Tagen niedrig, obwohl schon eine Menge gelockert worden ist. Da gab es ja vorher viel Skepsis. Aber es sieht so aus, dass sich die Bevölkerung auch weiterhin an die Abstands- und Hygieneregeln hält. Außerdem arbeiten die Gesundheitsämter offensichtlich effektiver, was die Nachverfolgung der Infektionsketten betrifft. Ergo: Wir sind auf einem guten Weg. 

Wie lange wird uns denn diese „neue Normalität“ noch begleiten? 

Schwer zu sagen, aber sehr wahrscheinlich noch eine ganze Weile. Medikamente und ein Impfstoff sind nicht in Sicht, und das wird auch so schnell nicht passieren. Wir müssen uns an den Zustand, so wie er jetzt ist, gewöhnen. 

Manche Experten halten es für wahrscheinlich, dass der Impfstoff schon in einem Jahr da sein wird.  

Kann ich mir nicht vorstellen. Bei Viren dauert es oft mehrere Jahre, einen passenden Schutz zu entwickeln. Ich denke, im Fall des Coronavirus müssen wir noch zwei oder drei Jahre warten. 

Eine Infektion mit dem Virus stellt für einen überwiegenden Teil der Bevölkerung keine Gefahr dar. Deswegen wäre es besonders fahrlässig, einen Impfstoff zu verabreichen, der nicht absolut sicher ist und möglicherweise Schaden anrichtet.  

Droht uns ohne Impfstoff nicht die Gefahr einer zweiten oder dritten Welle? 

Nicht, wenn wir so weitermachen wie bisher. Es gibt einen wichtigen Vorteil im Vergleich zu der Zeit vor der ersten Coronawelle: Wir haben in den vergangenen Wochen viel gelernt. Zum Beispiel ist nun bekannt, dass oft nur wenige Infizierte viele Leute anstecken. Und wir haben mehr über Cluster, also die Übertragungs-Hotspots, gelernt. Das sind vor allem Innenräume, die schlecht belüftet sind und wo viele Leute eng zusammenkommen – zum Beispiel Partyräume.

Stefan Willich ist Direktor des Instituts für Sozialmedizin, Epide­miologie und Gesundheitsökonomie der Berliner Charité.

Was ist mit Restaurants, Kneipen, Fitnessstudios? 

Ich bin überzeugt, dass man auch hier noch einiges verbessern kann, um das Risiko zu senken, etwa was das Thema Lüftung betrifft. Aber bei manchen Einrichtungen wird die Gefahr wahrscheinlich weiterhin bestehen. Hier wird dann die Frage der Eigenverantwortung immer wichtiger. 

Wie meinen Sie das? 

Das Leben ist voller Risiken. Dazu gehört auch die Gefahr von Erkrankungen. Denken Sie an Sport mit Risiken, sich zu verletzen. Beim Judo zum Beispiel kann man sich den Arm auskugeln. Trotzdem machen viele Sportler Judo und nehmen dabei das Risiko einer Verletzung in Kauf. Und so muss man es auch mit Corona sehen: Es ist eines von vielen Risiken im Leben. 

Bei manchen Experten hat man aber das Gefühl, sie wollten die Leute unbedingt vor Corona und Covid-19 schützen. Der SPD-Politiker Karl Lauterbach zum Beispiel wird nicht müde, vor den Gefahren zu warnen. Dabei ging es ja anfangs der Pandemie nur darum, dass die Zahl der Infektionen nicht zu stark steigt: #flattenthecurve.  

Permanent vor dem Virus zu warnen und gegen Lockerungen zu sein, birgt eine große Gefahr, denn das verursacht sozialmedizinische Kollateralschäden. Zum Beispiel halte ich es für einen Fehler, die Schulen und Kindergärten nicht in vollem Umfang zu öffnen. Man kann nicht absehen, was das für langfristige Folgen für die Kinder und Jugendliche hat. Außerdem gibt es noch viele andere bedrohliche Krankheiten, die in der Coronakrise aus dem Fokus geraten sind.  

Herr Willich, wird Corona eine Ausnahme bleiben oder müssen wir in den kommenden Jahren mit weiten Pandemien rechnen? 

Pandemien hat es immer gegeben. Wir hatten Glück, dass es in den vergangenen Jahren nicht zu weltweiten Ausbrüchen bestimmter Krankheiten kam. Dass zum Beispiel SARS und MERS lokal schnell eingedämmt wurden. Dadurch haben wir uns in trügerischer Sicherheit gewähnt, dass es keine Pandemien mehr gäbe. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir aus der jetzigen Krise lernen, für die Zukunft besser vorbereitet sind und schneller und angemessen reagieren können.

Nach der ersten Coronawelle hat sich die Lage in Europa weitestgehend entspannt. Großbritannien allerdings meldet weiterhin Neuinfektionen im vierstelligen Bereich. Stand: 01.06.20; Quelle: Statista, Johns Hopkins University via Our World in Data

Dieser Artikel ist in DER AKTIONÄR Nr. 24/2020 erschienen, welches Sie hier als PDF gesamt herunterladen können.

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