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28.02.2020 DER AKTIONÄR

Buchempfehlung: Gib dem Affen Zucker

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Dr. Mario Herger widmet sich in seinem neuen Buch der Frage, welche Herausforderungen und Möglichkeiten der Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI) mit sich bringt und was das für unser Menschheitsverständnis bedeutet. 

Der Innovations­experte Dr. Mario Herger lebt seit Jahren im Silicon Valley, wo er die neuesten Entwicklungen in Sachen KI hautnah mitverfolgt. In seinem aktuellen Buch lässt er die Leser wieder an seinen Beobachtungen teilhaben.

„Vor 130 Jahren war der deutsche Sprachraum das Silicon Valley der Welt.“ Dr. Mario Herger, Technologietrendforscher

DER AKTIONÄR: Herr Dr. Herger, der Titel Ihres neuen Buches lautet „Wenn Affen von Affen lernen“. Sind Sie in die Zoologie gewechselt oder worum geht es in Ihrem Buch?

Dr. Mario Herger: Wer sich mit künstlicher Intelligenz beschäftigt, kommt nicht da­ran vorbei, natürlich vorkommende Intelligenz (und Dumm­heit) zu betrachten. So wie die Gebrüder Wright aus dem Vogelflug Inspiration für den motorisierten Flug von Menschen zogen, war der erste Ansatz bei KI eben, natürliche Intelligenz zu beobachten und zu imitieren. 

Insofern ist die Betrachtung der Intelligenz von Menschen oder Primaten ein durchaus normaler Vorgang, um sie zu verstehen und etwas Künstliches zu schaffen. Allerdings erkennen wir, dass wir nach wie vor nur ganz wenig von der Funktionsweise unseres eigenen Gehirnes verstehen. Und die Beobachtung von Menschenaffen und der Vergleich zu uns zeigt, dass wir ihnen in manchen Bereichen unterlegen sind. 

Heute wissen wir natürlich, dass der menschliche Flug sich völlig vom Vogelflug unterscheidet. Kein Flugzeug flattert mit den Flügeln. KI wird somit auch anders sein und funktionieren als natürlich vorkommende Intelligenz. Mit dem überraschenden Titel möchte ich aber den Bogen spannen, den Intelligenz in unserer Welt abdeckt. 

Was war Ihre Motivation, solch ein Buch zu schreiben?  

Jahrelang habe ich es bewusst vermieden, deutsch­sprachige Sachbücher zu lesen. Der Tenor ist oft zu negativ, die Schreibweise unverständlich, bei der sich mir die Frage stellt: „Für wen schreibt dieser Autor eigentlich dieses Buch?“, und der Horizont zu eingeschränkt.  

Trotzdem habe ich vor einigen Jahren wieder begonnen, auch deutschsprachige Sachbücher zu lesen, um zu verstehen, aus welchen Blickwinkeln und mit welchen Argumenten auf eine Herausforderung oder Technologie eingegangen wird.  

Dieser Diskussion in den Medien und Veröffentlichungen in meinem Sprachraum wollte ich eine bewusst andere, breitere, aber auch weniger dystopische Sicht entgegensetzen. Ich bezeichne das als technophilosophischen Ansatz. Aus technologie-optimistischer, aber auch philosophischer Sicht.

Mario Herger, Wenn Affen von Affen lernen, 304 Seiten, 24,99 € - Was ist Intelligenz im künstlichen und im menschlichen Sinn? Können Maschinen Bewusstsein entwickeln und wie würden wir das erkennen? Diese und weitere Fragen beantwortet Dr. Mario Herger und verdeutlicht die vielfältigen Chancen und positiven Auswirkungen von KI auf alle ­Aspekte des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens. Ein KI-Ratgeber für Gegenwart und Zukunft!

Sie leben seit Jahren im Silicon Valley und bekommen die Entwicklungssprünge von KI somit hautnah mit. Wie ist der aktuelle Stand?

Viele erleben KI bereits eher gestaltlos als Sprachassistent, Chatbot oder Suchmaschine. Im Silicon Valley nimmt sie aber Gestalt an und mischt sich beispielsweise als autonome Autos oder als Lieferroboter unter die Menschen. Damit wird KI im doppelten Sinne begreifbar. Dank der jahrelang kumulierten Fortschritte bei Rechengeschwindigkeit, Algorithmen, Robotik oder Big Data liegen mit einem Mal für alle sichtbar die Bausteine für praktische Anwendungen in der KI vor, die erstaunlich gute Leistungen vollbringen. Nach wie vor werden klarerweise die Grundlagen von KI geschaffen, aber nun gibt es zum ersten Mal breite Anwendungsmöglichkeiten. Ich vergleiche das mit Smartphones. Zuerst wurden das Smartphone und das darauf laufende Betriebssystem von eigentlich nur wenigen Experten geschaffen und dann wurden Millionen von Anwendungsentwicklern darauf losgelassen. Bei der KI stehen wir unmittelbar davor, dass Millionen von KI-Entwicklern Anwendungen schaffen. Das Silicon Valley leistet sicherlich einen wichtigen Beitrag zur Schaffung der Grundlagen, China wird uns mit den Anwendungen überraschen. 

Europa hinkt bei KI den USA und auch China hinterher. Sollte Europa, Deutschland mutiger werden und nicht immer nur die Probleme und Herausforderungen sehen?

Uns fehlt es bereits an den Fundamenten für künstliche Intelligenz. Wir haben Gesetzgebungen wie die DSGVO, die so schlecht und restriktiv formuliert sind, dass jemand, der ernsthaft Daten sammeln will, ständig damit in Konflikt gerät. Im Zweifel zensiert man sich selbst und zeichnet lieber keine oder viel weniger Daten auf. Diese fehlen uns dann, um eine heutige KI, die zum Maschinenlernen viele Daten benötigt, ausreichend zu trainieren. Wenn dann noch fehlender Breitbandausbau, Cookie-Gesetze, Uploadfilter und eine generelle Technikfeindlichkeit im Land dazukommen, dann fehlt die Basis, um bei der Erforschung und Anwendung von KI breitflächig führend zu sein. Unser Anspruch sollte nicht sein, dass wir in einer oder ein paar engen KI-Domänen „ohnehin führend seien“. 

„Die Menschheit steht vor immensen Herausfor­derungen, für deren Lösung wir nicht genug Intelligenz haben können.“

Dr. Mario Herger

Was müsste geschehen, damit Europa aufholt?

Wir belohnen heute in unseren Initiativen Aufwand anstelle von Ergebnissen. Programme wie Horizon 2020 von der EU waren regelrecht geflutet von Beratungsunternehmen. Das Internet, autonome Autos und Stratosphärenflüge haben eines gemeinsam: Sie entstanden aus Wettbewerben, bei denen nur der Gewinner ein Preisgeld erhielt. Hier wurde ein Ergebnis belohnt. Solch ein ausgelobter Preis hat den eleganten Vorteil, dass er automatisch „Stundenabrechner“ herausfiltert und gleichzeitig Menschen und Gruppen mit auf den ersten Blick verrückt erscheinenden Ansätzen und mit viel Motivation Chancen bietet. Selbst ein Drittplatzierter gewinnt, weil sich für diese Teams oft herausstellt, dass sie nun eine verifizierte Idee für ein Start-up haben. 

Aus solchen Wettbewerben entstanden Billionen Euro schwere Industrien wie eben das Internet oder jetzt die kommenden autonomen Autos. Und das mit relativ wenig Geldeinsatz durch eine Behörde. Wir sprechen hier von einem Preisgeld von einer Million und einem Organisationsaufwand von weniger als zehn Millionen. Wie viel hingegen haben uns die Horizon-2020-­Projekte gekostet? Hunderte Millionen, aber es entstand keine Billionen-Euro-Indus­trie. Und genau solche Ansätze fehlen uns heute, um nur ein Beispiel zu nennen. 

Welche Unternehmen wären für Anleger interessant, die in künstliche Intelligenz investieren wollen?  

Die großen KI-Vorreiter sind unter anderem Google, Apple, Microsoft, IBM, Baidu oder Tencent. Dort arbeitet heute die Mehrheit der Top-Experten, die die Grundlagen schaffen. Für Investoren besonders spannend können junge Start-ups sein, die sich auf ganz spezifische Anwendungen fokussieren. Als Investor würde ich mich auf solche Unternehmen in meiner eigenen Expertise konzen­trieren. Ich würde sogar meinen, Investitionen in seriöse KI-Unternehmen sind weniger riskant, denn selbst wenn sich die konkrete KI-Anwendung des Unternehmens nicht wirtschaftlich rechnet, sind KI-Ressourcen heute immer noch so rar, dass selbst dann ein Exit eines solchen Unternehmens als Acqui-Hire im Raum steht, weil so viele andere Unternehmen händeringend nach den KI-Talenten suchen. 

Dr. Mario Herger, Das Silicon-Valley-Mindset, 400 Seiten, 19,99 € - Was macht das Silicon Valley, den Innovations­motor schlechthin, zu etwas Besonderem? Dr. ­Mario Herger weiß: Die dort herrschende In­nova­tions­mentalität ist erlernbar.

Zurück zu Ihrem Buch: Sie schlagen einen großen Bogen von den alten Griechen über die Verhaltensforschung an Affen hin zu Fyborgs, also Menschen, die bereits jetzt mit Technik „aufgerüstet“ sind. Wie gehört das alles zusammen?

Die Fragen, die KI aufwirft, sind jahrtausendealt. Moralische und ethische Dilemmata, wie sich ein Mensch, ein Automat oder jetzt ein Roboter mit KI verhalten soll, werden in vielen Legenden und Geschichten behandelt. 

Auch hat der erste Mensch, der sich ein Stück Leder an die Fußsohlen geschnallt hat und sich von da an weigerte, ohne dieses Lederstück aus seiner Höhle herauszugehen, Technologie verwendet. Das war der erste „funktionale Cyborg“ – also „Fyborg“. Jede Technologie, die wir erfunden und verwendet haben, hat uns Zeit geschenkt, unsere Aufmerksamkeit vom reinen Überleben hin zu kreativen und erfüllenderen Aufgaben zu wenden. 

Im Buch spanne ich bewusst diesen Bogen, um zu zeigen, dass die Fragen, die mit KI auftauchen, weder etwas Neues noch etwas zu Fürchtendes sind. Sie wurden mit jeder Technologie neu aufgeworfen und letztendlich haben uns die meisten Technologien bessergestellt. Wa­rum also soll es mit KI nun anders sein? 

Welche Probleme im Zusammenhang mit KI sprechen Sie in Ihrem Buch konkret an? 

Vor allem zeige ich die Chancen und Möglichkeiten auf, die uns KI bringt. Eine spezifische Herausforderung, auf die ich eingehe, ist der „Data Bias“, also Daten für das Maschinenlernen, die aufgrund ihrer Auswahl unsere menschlichen Vorurteile beinhalten und damit das Potenzial haben, nicht oder wenig berücksichtigte Gruppen von Menschen zu benachteiligen. Da ist man in den USA schon viel weiter, weil es sich um eine diversere Gesellschaft als die unsere handelt, aber trotzdem geschieht es immer wieder, dass diese Daten solche Fehler enthalten. 

Welche ethischen Fragen und Konsequenzen ergeben sich? Bei unseren Diskussionen zu ethischen Fragen machten wir es uns bislang zu einfach. Wir wurden nicht gezwungen, ausführbare Antworten zu finden. Mit KI und deren Manifestation in physischer Form wie eben als Roboter oder autonome Autos sind wir gezwungen, die Karten auf den Tisch zu legen. Erlaubten wir bei Menschen noch so unscharfe Faktoren wie Gefühlszustand, Reflex oder Intuition als Entschuldigung für deren Entscheidungen – sowohl im positiven als auch negativen Sinn –, wollen wir bei Maschinen etwas Perfektes. Nur: Die perfekte Reaktion, die für alle Kulturkreise gültig ist, gibt es nicht. Nun verlangen wir das für Maschinen, erkennen aber zugleich, dass wir keine Antwort haben.

Dr. Mario Herger, Der letzte Führer­scheinneuling, 512 Seiten, 24,99 € - Tesla, Uber und Co mischen die Welt auf. Herger zeigt, wie, wa­rum und welche Chancen daraus entstehen.

Welche ethischen Fragen und Konsequenzen ergeben sich? 

Bei unseren Diskussionen zu ethischen Fragen machten wir es uns bislang zu einfach. Wir wurden nicht gezwungen, ausführbare Antworten zu finden. Mit KI und deren Manifestation in physischer Form wie eben als Roboter oder autonome Autos sind wir gezwungen, die Karten auf den Tisch zu legen. Erlaubten wir bei Menschen noch so unscharfe Faktoren wie Gefühlszustand, Reflex oder Intuition als Entschuldigung für deren Entscheidungen – sowohl im positiven als auch negativen Sinn –, wollen wir bei Maschinen etwas Perfektes. Nur: Die perfekte Reaktion, die für alle Kulturkreise gültig ist, gibt es nicht. Nun verlangen wir das für Maschinen, erkennen aber zugleich, dass wir keine Antwort haben. 

Der Grundtenor bei KI lautet heutzutage oft: KI wird uns vernichten. Woher kommt diese Einstellung und was setzen Sie ihr entgegen? 

Vor 130 Jahren war der deutsche Sprachraum das Silicon Valley der Welt. Alle großen Unternehmen, von denen wir heute noch zehren, sind damals entstanden. Wir sind die Generation, die am meisten davon profitiert. Und sind damit bequem geworden. Jede Änderung führt zu Verunsicherung. Wie sollen wir unser Häuschen abzahlen, unsere Rente sicherstellen, unseren nächsten wohlverdienten Urlaub antreten können, wenn Unsicherheit herrscht? Daraus entsteht ein Grund­tenor, der jede neue Technologie als bedrohlich für das Bestehende betrachtet. Laserscharf fokussieren wir uns auf die Gefahren für den Status quo. Unsere Reptiliengehirne schenken Bedrohungen mehr Aufmerksamkeit als Chancen. 

Gleichzeitig herrscht ein erschreckender Mangel an Neugier in unseren Gesellschaften, vor allem in den Führungsetagen unserer Unternehmen. Wir probieren nichts mehr aus, wir stellen keine guten Fragen mehr, wir fürchten uns zu Tode. Wir sind, 500 Jahre nach dem Tod des Renaissance-Menschen Leonardo da Vinci, zu Anti-­Renaissance-Menschen geworden. 

Im letzten Kapitel fragen Sie, was Gutes geschehen könnte. Welche positiven Entwicklungen sehen Sie also im Zusammenhang mit KI? 

Die Menschheit steht vor immensen Herausforderungen, für deren Lösung wir nicht genug Intelligenz haben können. Klimawandel, Armut, Ausbildung, Ernährung, Raumfahrt, Gesundheit, längeres Leben, Gerechtigkeit, Chancengleichheit. Wenn KI als neue Form der Intelligenz uns Menschen beistehen und unsere Intelligenz ergänzen und erweitern kann, welche Herausforderungen könnten wir anpacken und zum Wohle der Menschheit lösen? Das Potenzial dank einer von uns künstlich geschaffenen Intelligenz wäre grenzenlos.

Dieser Artikel ist in DER AKTIONÄR Nr. 10/2020 erschienen, welches Sie hier als PDF gesamt herunterladen können.