Vor der mit Spannung erwarteten Zinsentscheidung der US-Notenbank richten Anleger den Blick nicht nur auf den Leitzins, sondern auch auf den Ton der neuen Fed-Führung. Vieles spricht dafür, dass die Federal Reserve am Mittwochabend stillhält. Spannend wird vor allem, wie geschlossen das Gremium diesmal auftritt – und welche Signale der neue Fed-Chef Kevin Warsh sendet.
Das Wichtigste kurz und knapp
• Die Zinsen dürften heute unverändert bleiben.
• Fokus auf Warsh: Anleger achten vor allem auf den ersten Auftritt von Fed-Chef Kevin Warsh und darauf, ob das Gremium nach vier Gegenstimmen im April diesmal geschlossener auftritt.
• Wichtig für die Börse: Entscheidend ist der Ausblick – ein straffer Ton könnte Zinssenkungshoffnungen dämpfen und die Märkte belasten.
An den Märkten gilt es als nahezu ausgemacht, dass die Fed die Zinsen unverändert in der Spanne von 3,50 bis 3,75 Prozent belässt. Grund ist das weiterhin unsichere Inflationsbild. Vor allem die gestiegenen Ölpreise infolge des Kriegs zwischen den USA und dem Iran erschweren eine schnelle Lockerung der Geldpolitik.
Besonders im Fokus steht die Frage, ob Warsh bei seiner ersten Sitzung als Vorsitzender für mehr Einigkeit sorgen kann. Beim April-Treffen unter seinem Vorgänger Jerome Powell hatte es gleich vier Gegenstimmen gegeben – so viele wie seit Oktober 1992 nicht mehr. Laut Kalshi-Händlern liegt die Wahrscheinlichkeit für ein einstimmiges Votum im Juni nun bei 70 Prozent. Dass es erneut vier Gegenstimmen gibt, taxieren sie dagegen nur auf 3 Prozent.
Der Hintergrund: Im April war zwar nur eine Gegenstimme direkt gegen die unveränderten Zinsen gerichtet. Der damalige Fed-Gouverneur Stephen Miran hatte sich für niedrigere Zinsen ausgesprochen. Die drei weiteren Abweichler – Beth Hammack, Neil Kashkari und Lorie Logan – störten sich vor allem an Formulierungen, die aus ihrer Sicht zu stark auf mögliche Zinssenkungen hindeuteten. Das zeigte: Innerhalb der Fed gibt es zwar Differenzen, doch sie drehen sich derzeit eher um die Kommunikation als um den eigentlichen Zinsentscheid.
Auch unter professionellen Investoren überwiegt die Erwartung eines restriktiven Tons. In der Juni-Umfrage unter globalen Fondsmanagern der Bank of America rechnen 55 Prozent mit einem sogenannten „hawkish hold“ – also einer Zinspause mit eher falkenhafter Botschaft. Für Anleger wäre das ein Signal, dass die Fed trotz ausbleibender Zinserhöhung keinen baldigen Schwenk zu einer lockereren Geldpolitik in Aussicht stellen will.
Zusätzliche Hinweise erhoffen sich die Märkte von Warshs erster Pressekonferenz als Fed-Chef. An den Wettmärkten wird vor allem damit gerechnet, dass er das Wort „Unsicherheit“ betont. Weniger wahrscheinlich ist, dass das Thema quantitative Straffung eine große Rolle spielt. Eine direkte Bezugnahme auf US-Präsident Donald Trump halten Händler ebenfalls eher für unwahrscheinlich.
Für die Märkte dürfte weniger die Entscheidung selbst als vielmehr der Ausblick entscheidend sein. Bleibt Warsh auf straffem Kurs und verweist auf Inflationsrisiken, könnte das Hoffnungen auf baldige Zinssenkungen weiter dämpfen. Das wäre insbesondere für zinssensible Wachstumswerte ein Belastungsfaktor. Zeigt sich die Fed dagegen geschlossener und zugleich vorsichtig offen für spätere Lockerungen, dürfte das an den Börsen positiv aufgenommen werden.
Eine Zinspause gilt als gesetzt. Entscheidend ist vielmehr, ob Kevin Warsh seiner ersten Fed-Sitzung einen klaren, glaubwürdigen Stempel aufdrücken kann. Für Anleger zählt vor allem, ob die Notenbank neue Zweifel an baldigen Zinssenkungen sät – oder zumindest die Tür dafür einen Spalt offenlässt. Das dürfte den Takt für die Märkte in den kommenden Wochen maßgeblich vorgeben.
Heute, 16:12